Gefühl für Geschwindigkeit

03.11.2014

© DLG

Sicherheit für Mensch und Technik gelten auch beim Training selbst: hier ein Anhänger mit Kippschutzrädern.

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Bei allem Ernst: Spaßmachen soll den Teilnehmern das neue „Fahrsicherheitstraining Landwirtschaft“ im thüringischen Nohra natürlich auch. Wer allerdings glaubt, hemmungslos mit nagelneuen Schleppern über das ADAC-Gelände brettern zu können, der irrt. Es ist weniger spektakulär als mancher vermutet. Mitgenommen haben die ersten zehn jungen Landwirte bzw. Agrarstudenten aus Thüringen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen nach dem Premierentraining dennoch eine ganze Menge.

Dass es solcher Trainings bedarf, dafür bieten die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) und der ADAC Hessen-Thüringen, unterstützt von der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG), starke Argumente auf. Gemeinsam hat man das Sicherheitstraining für die Landwirtschaft entwickelt, das es in dieser Kooperation bislang nur noch in Gründau bei Frank­furt/M. gibt. Die gewachsene Größe der Maschinen, die Komplexität der Technik und ein stetig steigendes Transportaufkommen böten zunehmende Gefahrenquellen, stellte in Nohra der stellvertretende Beiratsvorsitzende des DLG-Testzentrums Technik und Betriebsmittel, Dr. Hartwig Kübler, heraus. Unachtsame Fahrweisen im öffentlichen Straßenverkehr stellten aber nicht nur Gefahrenquellen dar, sondern böten auch Anlass zur fundamentalen Kritik an der Landwirtschaft. Imagepflege beginne somit bereits, wenn Traktoren oder Selbstfahrermaschinen auf der Straße rollen. Dr. Lars Fliege ergänzte als Vizepräsident des Thüringer Bauernverbandes (TBV), dass sich das Fahrsicherheitstraining nicht allein an junge Landwirte richten sollte, sondern ebenso an erfahrene „Kutscher“.

Laut der Unfallforschung der Versicherungen ereignen sich schwere Unfälle mit Traktoren vor allem außerorts. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung sind überdurchschnittlich viele junge Fahrer an diesen beteiligt. Als Unfallschwerpunkte wurden Kreuzungen, Einmündungen, etwa an Feldwegen, Kurven sowie Grundstücksein- und -ausfahrten, ermittelt. Weil Traktoren auf öffentlichen Straßen vergleichsweise selten anzutreffen sind, ist ihre Beteiligung an Unfällen relativ gering, allerdings werden überdurchschnittlich viele Personen schwer verletzt oder getötet. Gemessen an der Gesamtbevölkerung seien überdurchschnittlich viele junge Traktoristen an den Verkehrsunfällen beteiligt.

Neben dem Leid auch hohe Kosten

Den Daten der Polizei zufolge wurden 2013 bundesweit fast 1 700 Unfälle mit Ackerschleppern gezählt, bei denen Personen zu Schaden kamen. 42 Menschen verloren ihr Leben, rund 600 Beteiligte trugen schwere Verletzungen davon. Insgesamt, so das Bundesamt für Statistik auf Anfrage, sei die Zahl dieser schweren Unfälle in den letzten 20 Jahren zwar ­zurückgegangen, verharre seit fünf Jahren aber auf dem genannten Niveau.

Die Berufsgenossenschaft zählte im Jahr 2013 bundesweit rund 5 000 verletzte und 17 tote Berufskollegen bei Arbeitsunfällen mit Ackerschleppern (davon Ostdeutschland: 500 Unfälle und acht Tote). Gut 3 000 Arbeitsunfälle passierten beim Ein- und Aussteigen, An- und Abkuppeln. Jürgen Kulmann von der SVLFG erinnerte in Nohra nicht nur an Leid und Schmerzen, sondern auch an den wirtschaftlichen Schaden, der den Betrieben entsteht. Für die Sozialversicherung sei das Fahrsicherheitstraining klare Präventionsarbeit, weshalb sie sich mit einem Zuschuss an den Kosten beteiligt.

Im ADAC-Fahrsicherheitszentrum Nohra stehen für die Trainings und Simulationen sechs Deutz-Fahr-Schlepper mit Leistungen zwischen 50 und 250 PS zur Verfügung. Die Anhänger stammen von Fliegl (Fass) und Annaburger, die Anbaugeräte von Kverneland und Rauch. Auf acht Stunden und maximale Gruppengrößen von zehn Teilnehmern ist das Training begrenzt, das zwei ADAC-Trainer begleiten.

Schon bei Sitz und Spiegel fängt es an

Jedes Training beginnt mit scheinbaren Selbstverständlichkeiten wie z. B. der richtigen Sitzeinstellung. Die Erfahrung lehre, so hieß es in Nohra, dass die heute von allen Firmen entwickelten Möglichkeiten bei Weitem nicht genutzt würden. Gleiches gelte beispielsweise für die optimale Spiegeleinstellung, etwa zum Erkennen von toten Winkeln. Es wird u. a. Slalom gefahren, um Kurvenlaufeigenschaften zu erfahren. Kippgefahren und Gegenmaßnahmen lassen sich mit „Auslegern“ darstellen. Die Teilnehmer lernen Unterschiede der Gefahrbremsung auf griffiger und glatter, trockener und nasser Oberfläche kennen. Und das bei verschiedenen Geschwindigkeiten. Im Programm steht der Elchtest, also das ­Ausweichen bzw. Bremsen, ­sobald ein Hindernis auftaucht. Das Fahren in einer Kreisbahn macht Fliehkräfte erlebbar.

Mehr praxisnahe brenzlige Situationen hatten sie sich erhofft, meinten einige Teilnehmer der Premiere bei der Tagesauswertung mit ihren beiden Trainern. Übungen mit Anhängern im steilen Gelände lautete etwa der Wunsch von Carolin Gerbothe, die bereits selbst schon einen Unfall miterleben musste. Carl-Christian von Plate-Stralenheim warb für ein Training mit stärkeren Maschinen, wie sie in der ostdeutschen Praxis zum Alltag gehörten.

Dennoch: Das Bremsverhalten der Maschinen bei un­terschiedlichen Geschwindigkeiten beeindruckte. Schon 5 km/h können den Unterschied ausmachen. Das mündete im Nachdenken darüber, ob wenige Minuten Zeitgewinn eine deutlich höhere und risikovollere Geschwindigkeit rechtfertigen. Eine überraschende Erkenntnis für David Frischmuth etwa war das Verhalten des kleinen Schleppers. Den hatte er noch vor dem Training als leichter beherrschbar eingeschätzt als die großen.

Auch die richtige Spiegel- und Sitzeinstellung oder beide Hände am Lenkrad zu halten, sorgte für Aha-Effekte. Und nicht zuletzt gehörte auch das Erleben dazu, wie es ist, wenn ein Schlepper mit 30 km/h dicht an einem Fußgänger oder Radfahrer vorbeidonnert. Das sei schon heftig gewesen, da bekomme man Angst.

 

Fahrsicherheitstraining für Landwirtschaft (Teil 1):

http://www.youtube.com/embed/KMblonRT3Pc

Fahrsicherheitstraining für Landwirtschaft (Teil 2):

http://www.youtube.com/embed/LKsck3DyGgI



Kontakt und Information
Wer ein Fahrsicherheitstraining für sich und/oder seine Mitarbeiter buchen will, wendet sich direkt an das Thüringer ADAC-Zentrum in Nohra (www.fsz-thueringen.de). Es steht Landwirten, Agrarbetrieben, Maschinenringen, Lohnunternehmen usw. offen. 299 € kostet ein Training pro Person. Es sollte die SVLFG kontaktiert werden, inwieweit der Zuschuss (50 €) gewährt wird.
Thüringer Teilnehmer unterstützt der Verein „Landvolkbildung Thüringen“ im Rahmen seiner Weiterbildungsangebote zusätzlich. (www.landvolkbildung.de). Über freie Plätze informiert auch die DLG unter www.dlg-akademie.de/techniktraining.

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