Alter bewahrt und Jugend gelockt

05.10.2015

© Sabine Rübensaat

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Junge Hühner und alte Kühe sind des Landwirts Portemonnaie.“ Ähnlich der alten Bauernweisheit geht es in der Landschaftspflege-Agrarhöfe Kaltensundheim/Rhön GmbH & Co. KG zu. Nur hier sind die „Jungen“ keine Hühner, sondern motivierte Herdenmanager, die Lust auf Herausforderungen haben. Einer von ihnen, Michael Büchner, ist seit 2012 im Betrieb. Als Leiter der Tierproduktion überwacht er alle 850 Milchkühe einschließlich der Nachzucht und trägt Sorge um das Kollegenteam. Die melkende Herde im neuen Stall wird in Schichten und von je zwei Mitarbeitern betreut, wobei stets ein ausgebildeter Herdenmanager das Sagen hat. Zusätzlich sind ein Fütterer und ein Klauenpfleger am Werk. „Zurzeit ist es noch etwas stressig“, gesteht Büchner, „der Stall ist lang, und die Wege sind weit.“

Mit 229 m Länge und 50 m Breite weist der Stall für maximal 780 Kühe viel Platz auf. So hat jede Kuh 12 m²Aktionsfläche, was weit über den gesetzlichen Anforderungen liegt. Aber warum haben die Thüringer den Milchkühen so viel Platz spendiert? Dr. Aribert Bach, der gemeinsam mit Reinhard Otto die Geschäfte des über 2 400 ha schweren Agrarunternehmens führt, erklärt den Umstand: „Als wir 2012 mit der Planung des neuen Stalles anfingen, waren wir noch ein Biobetrieb. Doch nachdem wir uns entschlossen hatten, wieder konventionell zu wirtschaften, war der Grundriss bereits fertig. Viel Platz bedeutet aber auch hier viel Kuhkomfort.“ Die teuren Futterzukäufe, relativ niedrige Erträge und verschärfte Regelungen im Biobereich veranlassten das Unternehmen aus Kostengründen wieder auf die konventionelle Landwirtschaft umzustellen.

Der Stall ist jedoch nicht nur lang und breit, sondern auch 15 m hoch. Damit ist genügend Luftvolumen für ein tierfreundliches Klima geschaffen. Ein mittiger Lichtfirst (im Sommer komplett zu öffnen), Windnetze und Curtains sorgen ebenfalls für viel frische Luft und reichlich Licht. Früher wurden die Tiere zwar auch in Laufställen gehalten, doch diese hatten gerade einmal 3,50 m Deckenhöhe. „Da half am Ende das ganze Umbauen nichts, um den Kühen einen tiergerechten Stall zu schaffen“, weiß Bach. „Anfangs hatten wir nur vor, in einen neuen Melkstand zu investieren. Doch nachdem wir uns ausgiebig mit der Materie beschäftigt hatten, wurde uns klar, wir müssen umdenken. Wenn wir es richtig machen wollten, dann musste ein völlig neues Stallkonzept her.“ In dem modernen Milchviehstall, dessen rotes Dach schon von der Bundesstraße aus zu sehen ist, arbeiten heute neben zwölf Melkrobotern ein junges Team und „alte“ Kühe. Alte Kühe deswegen, weil die Thüringer keine Tiere für die anspruchsvolle Technik zugekauft hatten, sondern mit der bestehenden Herde umgezogen waren. Schon seit 1981 werden die Milchrinder aus den eigenen Reihen remontiert.

„Über kurz oder lang selektieren sich die Kühe, die Schwierigkeiten am Roboter haben, von alleine aus“, erklärt Büchner. Trotzdem sei er manchmal erstaunt, welche nicht wirklich optimalen Euterformen und Zitzenstellungen die Ansetzarme trotzdem beherrschen. Zu Beginn, erzählt der 32-jährige Herdenmanager, der in Halle Agrarwissenschaften studiert hat, hatten sie die Frischmelker ganz an den Stallanfang platziert. Dass diese Gruppe aber die meiste Aufmerksamkeit der Betreuer erfordert und die meisten Alarme auslöst, lernten sie schnell. Zehn Minuten haben sie Zeit, vom Büro, das mittig über einer Einheit Melkroboter platziert ist, bis zum Ende des Stalles zu gelangen. „Für die 120 m muss man schon mal spurten.“ Den Weg vom Büro zum Computer beschreibt er mit zwei bis drei Minuten – einfach. Vier bis sechs Minuten Weg für eine Maßnahme, die, wenn sie nicht erfolgreich war, wiederholt werden muss (z. B. Transpondereinstellung). Deshalb wurden zusätzliche Rechnerterminals auf Stallebene angebracht (Foto Nr. 10). Mit ihnen kann man schnell auf die Daten im Büro zugreifen, was die Arbeitswege erheblich verkürzt.

Dass moderne Technik junge Menschen anzieht, ist längst kein Geheimnis mehr. Und im Dreiländereck, wie es Büchner beschreibt, muss man den Lehrlingen schon etwas bieten. Zwei junge Frauen und ein junger Mann der Fachschule Stadtroda hatten sich aufgrund der Robotertechnik für Kaltensundheim entschieden. Büchner ist sehr zufrieden, denn, wie er sagt, „können diese sich sehr gut in die Kühe hineindenken.“ Das sei sowieso die größte Herausforderung mit den neuen Systemen, ist er sich gewiss. Heutzutage steht die Tierbeobachtung und die dazugehörige Datenanalyse im Vordergrund. Das erfordere ständiges Mitdenken.

Die Automatischen Melksysteme seien das eine, betrachtet Geschäftsführer Dr. Bach erfahren den Betrieb, das Bewirtschaftungssystem und der Kuhverkehr sind aber ebenso wichtig. Aufgeteilt auf sechs Gruppen mit jeweils zwei Robotern werden die Kühe in ihren Laufwegen zum Melken und Liegen bzw. zum Futtertisch gelenkt. So fallen nur unter 5 % Kühe an, die manuell nachgetrieben werden müssten. Die Milchleistung ist seit der Umstellung von bio zu konventionell von 24 auf 32 kg je Kuh und Tag angestiegen, auch die Zellzahl ist auf rund 180 000 verbessert worden. Der Leistungsanstieg hängt natürlich mit der intensiveren Fütterung zusammen, in der wieder Mais als TMR-Komponente integriert wurde. Sechs Millionen Euro hatte die GmbH in die Hand genommen, um den Kühen einen tiergerechten Stall und den Mitarbeitern einen modernen Arbeitsplatz bieten zu können. Damit haben sie die Milchproduktion am Standort nachhaltig gesichert. Denn die gesamte Erzeugung ist nur so gut, wie das schwächste Glied in der Kette.

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