Wenn's raschelt im Stroh

01.09.2016

© Sabine Rübensaat

Bildergalerie: Wenn's raschelt im Stroh


Wenn es in der Scheunenherberge in Neu Lübbenau im Stroh raschelt, ist das ein gutes Zeichen. Denn dann sind alle „Ställe“, Kuh-, Pferde-, Schweine- oder Hühnerstall, belegt – mit Klassen, Familien oder anderen Gruppen. In dieser Woche sind es acht Fünftklässler der Bewegten Grundschule Cottbus, die im Stroh rascheln. Die Fotosession mit der BauernZeitung ist ein kleiner Zusatzpunkt im Wochenprogramm der jungen Gäste. Andere waren eine Wanderung nach Leibsch mit anschließender Kahnfahrt, ein Besuch der Dauerausstellung „Unter Wasser unterwegs“ in der Alten Mühle in Schlepzig, ein Abstecher zum Wasserspielplatz im 18 km entfernten Lübben und ein Bogenbiwak in Groß Wasserburg. Morgen geht es mit vielen neuen Eindrücken nach Cottbus zurück. Das Schlafen im Stroh gehört mit Sicherheit dazu.

 

„Heu pikt stärker“

Zuerst steigt einem der Duft in die Nase. Zum Reinlegen! Und wer dem nachkommt, wird nicht enttäuscht – weicher als vermutet.

Die Kinder haben ihre Schlafsäcke auf dem Stroh ausgebreitet. Bevor die nächsten Gäste kommen, wird es wieder mit der Heugabel aufgeschüttelt und gegebenenfalls aufgefüllt. Ein paar Strohhalme bleiben immer irgendwo am Pullover hängen. Die vier „Ställe“ sind einfach eingerichtet: Ein knapp 20 cm hoher Birkenstamm drittelt die Räume längsseits in strohbefüllten Schlafbereich und Gang. Ein paar Garderobenhaken, ein paar Gegenstände zum Nachdenken – im „Kuhstall“ Milchkanne und ein paar Melkzeuge zum Beispiel – fertig. Auch im Winter kann man hier im Stroh schlafen. Aber warum im Stroh und nicht im Heu, das hier doch zuhauf auf den Spreewiesen wächst?

„Heu pikt stärker“, sagt Sylvia Zeidler, Chefin der Agrargenossenschaft Spreetal eG. Noch unter der Ägide ihres Vorgängers Wilhelm Ludwig hatte die Genossenschaft den Umbau eines seit der Wende ungenutzten Milchviehstalls zur Scheunenherberge begonnen. Im Sommer 2005 konnten die ersten Gäste die Strohzimmer beziehen, ein Jahre später zusätzlich sechs Doppel- und ein Einzelzimmer im Dachgeschoss angeboten werden. Aufenthalts-, Spiel- und Lesezimmer wurden eingerichtet, der Außenbereich mit Spiel- und Grillplatz aufgewertet, und im vergangenen Jahr kamen drei Ferienwohnungen, zwei weitere Einzelzimmer und sogar eine Sauna hinzu. „Durch unsere Lage in der Nähe mehrerer Radwege kommen immer mehr sportlich ambitionierte Radfahrer vorbei. Die misstrauen dem Stroh, legen Wert auf ein ordentliches Bett und einen ansprechenden Sanitärbereich“, so Sylvia Zeidler.

An den Umsätzen der Agrargenossenschaft ist die Scheunenherberge mittlerweile mit knapp zehn Prozent beteiligt – 166 000 € von 1,76 Mio. € im vergangenen Jahr. Die Anzahl der Übernachtungen stieg von 1 600 im Jahr 2006 auf 3 800 im vergangenen Jahr. Das ist erfreulich, aber es gibt auch noch Luft nach oben, wissen die Beteiligten. Mit Katharina Buder hat im Januar eine ausgebildete Hotelfachfrau das Management der Scheunenherberge übernommen. Sie konnte auf dem Know-how ihrer Vorgängerin Edelgard Krüger aufbauen, die im Januar in den Ruhestand verabschiedet wurde. Mit einem neuen Auftritt im Internet, hat die 35-Jährige einen ersten Akzent gesetzt. Demnächst soll eine Hotelreservierungssoftware die Arbeit vereinfachen. Was das landwirtschaftliche Umfeld der Scheunenherberge betrifft, sammelt die Herbergsleiterin ihrerseits neue Erlebnisse und Erfahrungen. Denn auch wenn der Schweinestall zwei und die Milchviehställe in Neu Schadow vier Kilometer von der Scheunenherberge entfernt sind, spielt die Nähe der Landwirtschaft zumindest für einen Teil der Gäste eine besondere Rolle – wenn auch hier noch ungenutzte Potenziale schlummern.

„Nach der Eröffnung 2005 hatten wir 60 Schulen aus dem Umfeld und Berlin per Brief zum Eisessen eingeladen“, erinnert sich Sylvia Zeidler: „Ganze zehn haben sich zurückgemeldet. Das war schon etwas entäuschend.“ Es gebe aber auch gute Beispiele, so die Zusammenarbeit mit dem Gymnasium in Teltow, das regelmäßig mit Schülern kommt, die etwas über Landwirtschaft lernen sollen. „Das hängt immer stark von den Lehrern und deren Engagement ab“, so Zeidler.

 

Wirtschaft im Reservat

Dabei hat die Agrargenossenschaft Spreetal, die 1991 aus der alten LPG heraus mit elf Mitgliedern neu gegründet wurde, einiges zu bieten. „Unsere 1 000 Hektar liegen komplett im Unesco-Biosphärenreservat Spreewald, daher haben wir von Anfang an Bio produziert“, so Zeidler, die seit 2007 hier Chefin ist. 500 Hektar sind Grünland, zum Teil im Überschwemmungsgebiet der Spree, auf den anderen 500 Hektar wachsen Winterroggen, Kleegras und Mais als Futter für 340 Milchkühe mit Nachzucht und rund 500 Mastschweine. Die jährlich etwa zwei Millionen Liter Biomilch werden an die Berliner-Milcheinfuhr-Gesellschaft (B.M.G.) verkauft und an die Gläserne Meierei im 20 Autominuten entfernten Münchehofe geliefert, das Fleisch über Biopark vermarktet.

„Mit dem Preis für die Biomilch können wir leben“, sagt Zeidler, ob er sich allerdings so halten werde, sei auch nicht sicher. Daher sei es immer gut, mehrere Standbeine zu haben – auch solche wie die Scheunenherberge. In die sind mittlerweile insgesamt an die 900 000 Euro investiert worden, davon 135 000 Euro aus dem LEADER-Programm. „Bei einem solchen Projekt kann man nicht alles vorhersehen. Wir hatten uns beispielsweise bei einem Betrieb in Thüringen angesehen, wie das ‚Schlafen im Stroh‘ aussehen könnte. Aber der ausgebaute Boden, den wir uns vorstellten, wäre uns hier in Brandenburg nur unter sehr teuer zu realisierenden Sicherheitsauflagen genehmigt worden. Auch werden nicht alle Maßnahmen gefördert“, sagt Zeidler.

Und nicht alle Ideen lassen sich umsetzen – oder sie erweisen sich auf Dauer doch als unrentabel. So gibt es zwar zwei Dutzend Leihräder, leckeres Bauernhofeis und ein Imbissangebot für Vorbeiradler, aber ein Rohmilchautomat lohnt sich nicht, weil der Stall vier Kilometer entfernt ist und da viel weniger Leute vorbeikommen. „Man müsste die Milch pasteurisieren, und das wird dann wieder zu aufwendig und zu teuer“, hat Zeidler durchgerechnet.

Eine andere Idee wurde nach zehn Jahren Praxis in diesem Jahr wieder eingestellt: die Freiland-Ferkelaufzucht mit 80 Sauen, mit der die Spreetaler seit 2006 Erfahrungen gesammelt hatten. Auf 14 Hektar verteilt lebten die Sauen mit ihrem Nachwuchs auf den Spreewiesen. Aber der personelle Einsatz machte sich nicht bezahlt: „Sie brauchen da engagierte Leute, die auch im Winter nach draußen gehen und füttern, hinter den Ferkeln herlaufen, um Ohrmarken und Kastration zu bewerkstelligen – und sich nebenbei die Sauen vom Leib halten, die ihre Ferkel beschützen wollen. Das ist nicht so einfach.“ Außerdem hatten die Spreetaler Ärger mit etwa 300 Kolkraben, die sich besonders im Sommer, wenn sich die Sauen wegen der großen Hitze nicht zum Abferkeln in die Unterstände zurückzogen, die frisch geworfenen Ferkel holten. „Die haben sie gegriffen und sind damit weggeflogen“, so Zeidler. Ein anderes Mal hätten die Raben auf 14 Hektar die Maispflänzchen herausgerupft. „Den Schaden ersetzt niemand. Zwar wurden uns – verbunden mit großem bürokratischen Aufwand – ein paar Vergrämungsabschüsse genehmigt“, so Zeidler, aber die hätten keinen anhaltenden Effekt gehabt. Nun stehen die Abferkelhütten am Rand der ehemaligen Freifläche und warten auf Käufer.

Eine Muttersau mit Nachwuchs schafft es allerdings regelmäßig aus dem Stall heraus in die Nachbarschaft der Scheunenherberge und bekommt dort fast stündlich neugierigen Besuch. Nicht nur von den Cottbusser Schülern, selbst die Chefin schaut ab und an vorbei – ein Gespräch mit den Gästen ergibt sich dann im Handumdrehen.

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