Hof & Hörsaal

11.05.2015

© HEINZ GROSSE HOKAMP

In den ersten beiden Semestern sind Berufs- und Hochschule sowie praktische Ausbildung unter einen Hut zu bringen.

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Seit etwa zwei Jahrzehnten erfahren duale Studiengänge in Deutschland einen regelrechten Boom. Was zunächst in Großunternehmen, z. B. in der Automobilindustrie, im Versicherungsbereich oder auch bei der Telekom mit Vorbildcharakter begann, hat sich inzwischen auf vielfältigste Bereiche in fast allen Berufsrichtungen erweitert. So gibt es zurzeit in Deutschland über 1 000 duale Studiengänge, die in verschiedensten Kooperationen von Unternehmen mit Fachschulen, Berufsakademien, Fachhochschulen oder auch Universitäten angeboten werden. Wissend um die sich abzeichnenden Nachwuchsengpässe, insbesondere auch bei Führungskräften, begann die Hochschule Neubrandenburg zum Wintersemester 2012/13 mit der Einführung eines neuen Bachelor-Studiengangs „Agrarwirtschaft Dual“.

Im Prinzip müssten klassische Hochschulen und Universitäten über den Trend zu dualen Studiengängen äußerst beunruhigt sein, zeigt dieser doch, dass dort etwas besser läuft. Hintergrund ist, dass junge Studierende verstärkt praxisorientierte Ausbildungsgänge nachfragen, in denen aufgrund einer engen Verknüpfung von Theorie und Praxis wissenschaftliche Aspekte reduziert sind. Gleichzeitig ergeben sich häufig verbesserte Chancen, eine Anstellung zu finden oder sogar nach Beendigung des Studiums direkt vom Ausbildungsbetrieb übernommen zu werden.

Langjährig und von der Praxis auch als erfolgreich angesehen, bietet die Hochschule Neubrandenburg sowohl den siebensemestrigen Bachelor- als auch den darauf anschließenden dreisemestrigen Master-Studiengang Agrarwirtschaft an, nachdem vor zwölf Jahren das Diplom abgelöst wurde. Neben etwa 20 % Studierenden, die aus entfernteren Regionen kommen, sind es über 50 %, die aus Mecklenburg-Vorpommern und etwa 30 %, die aus Brandenburg stammen. Bemerkenswert ist, dass etwa 50 % der Studienanfänger neben der Fachhochschulreife bereits eine landwirtschaftliche Lehre abgeleistet haben. Für dieses Klientel mit guter Praxiserfahrung käme ein dualer Studiengang nicht infrage. Studieninteressierte mit Fachhochschulreife, aber ohne entsprechende Praxiserfahrungen haben während der Studienphase in Neubrandenburg 18 Wochen landwirtschaftliche Betriebspraxis abzuleisten, wovon mindestens acht Wochen vor Studienantritt liegen sollten. Empfohlen wird sogar ein volles Praxissemester, wobei auch ein entsprechendes Auslandspraktikum eine einmalige Bereicherung ist. Ein zweites Praktikum im Umfang von zwölf Wochen ist zusätzlich im späteren Studienbereich im vor- und nachgelagerten Bereich der Landwirtschaft gefordert. Hier sollten die Studierenden insbesondere die andere Seite des Schreibtisches kennenlernen, wobei nahezu vollständige Freiheit bei der Wahl des Praktikumsplatzes besteht.

 

Für Führungskräfte

In Neubrandenburg wurde der duale Studiengang insbesondere für studieninteressierte Abiturienten entwickelt, denen das Praxisangebot von Universitäten nicht ausreicht. Als Besonderheit ist zudem eine Ausbildung in einer Region mit ausgesprochen großbetrieblicher Landwirtschaft zu sehen. Diese gilt es weiter mit guten Führungskräften zu versorgen. Kernziel ist damit zum einen für weitblickende Unternehmen die Chance, sich gezielt junge Nachwuchskräfte für den Betrieb aufzubauen. Auf der anderen Seite soll auch für entsprechend an der Landwirtschaft interessierte Jugendliche mit Abitur ein Angebot geschaffen werden, bei dem sie ein höheres Maß an Unternehmenspraxis mit einem zukunftsorientierten Studium kombinieren können.

Nun ist es leider nicht so, dass sich Agrarbetriebe, vergleichbar mit der Großindustrie, ihre eigene private Hochschule oder Berufsakademie leisten können. Daher kombiniert die Hochschule Neubrandenburg ihren Bachelor-Studiengang mit einer Berufsausbildung zum/r Landwirt/in in Zusammenarbeit mit den regionalen Berufsschulen, in MV mit Güstrow-Bockhorst und in Brandenburg mit der landwirtschaftlichen Berufsschule in Pritzwalk. Auch in Sachsen-Anhalt gibt es die erste entsprechende Kooperation. Waren es 2012 zunächst vier, 2013 bereits zehn, gab es dann im Herbst 2014 bereits 17 Studierende, die den dualen Ausbildungsweg in Neubrandenburg wählten.

 

Klare Absprachen

Insgesamt ist das bisherige Fazit überwiegend positiv, wobei auf Hochschulseite zumeist eine hohe Leistungsbereitschaft der gezielt studierenden Jungagrarier feststellbar ist. Ebenso ist aber auch festzustellen, dass einige Unternehmen noch unklare Vorstellungen über dieses Studienangebot haben und dass sie die Studierenden zunächst wie klassische Auszubildende eingestuft haben. Die weiterblickende Grundidee, die vorbereitende Ausbildung zukünftiger Führungskräfte, war dann entsprechend weniger ausgeprägt. Dieses zeigt sich dann auch an der Bereitschaft einer finanziellen Bindung von Unternehmen und Studierendem. Grundidee eines solchen dualen Studiums ist auch letztlich, dass eine vertragliche Bindung nicht nur bezüglich der ersten Ausbildungsphase (Landwirtslehre) eingegangen wird, sondern dass die Bindung auch während der zweiten Studienphase bestehen bleibt. So sollte umgekehrt selbstverständlich auch der praktische Einsatz, z. B. während der Semesterferien, im Unternehmen gegeben sein. In diesen Bereichen haben alle Beteiligten noch zu lernen.

Nennen wir unseren Beispielstudenten Michael Meier, der den dringenden Wunsch hat, sich auf einem guten Agrarbetrieb praxisnah zu qualifizieren, zumal er selbst später im Leitungsbereich eines entsprechenden Unternehmens arbeiten möchte. Ihm raten wir, dass er sich schon frühzeitig, also in den kommenden Wochen, um ein auch wirklich passendes Unternehmen bemüht. Es sollten schon Spitzenbetriebe sein, die nur selten in der nächsten Nachbarschaft zu finden sind. Wichtig ist, dass er mit seinem künftigen Ausbildungsbetrieb eindeutige Absprachen trifft. Klar sollte beiden Parteien, Auszubildendem und auch Ausbildungsstelle, sein, welche zeitweiligen Belastungen und auch gegenseitigen Chancen sie hier mit ihrer Kooperation erhalten.

Auch vonseiten eines Arbeitgebers könnte ein entsprechendes Ausbildungsverhältnis initiiert werden. Gerade weiterblickenden Unternehmen, bei denen absehbar leitende Mitarbeiter ausscheiden oder bei denen eine Nachfolgeregelung nicht geklärt ist, sei dringend geraten, frühzeitig entsprechend aktiv zu werden. Wichtig erscheint, dass dem Arbeitgeber die Ausbildung junger Leute Spaß macht, dass man sich findet und dass man u. U. auch die Werbetrommel hierfür rührt. Nachfolgende Tabelle zeigt schematisch den Ausbildungsweg von Michael Meier an der Hochschule Neubrandenburg.

Die Rahmenbedingungen der Ausbildungsbetriebe sind oft verbesserungswürdig. Erfolge wollen vorbereitet sein. Hier zeigen zahlreiche Gespräche mit Studierenden, dass auf den Ausbildungsbetrieben akzeptable Rahmenbedingungen bzgl. Wohnmöglichkeiten, Freizeitregelungen, Bezahlung etc. oft nicht gegeben sind. Bieten etwa in westlichen Bundesländern mehr als 90 % der Betriebe Wohnmöglichkeiten, oft mit Familienanschluss, so sind es hingegen z. B. in Mecklenburg-Vorpommern laut Liste der anerkannten Ausbildungsbetriebe weniger als fünf Prozent, die eine Wohnmöglichkeit anbieten. Eine einladende Motivation für zukünftige Leistungsträger sieht anders aus.

FAZIT: Mit einem dualen Agrarstudium ergibt sich für Abiturienten, die an mehr Praxis in der Ausbildung bzw. im Studium interessiert sind, eine interessante Möglichkeit, innerhalb einer festgelegten Anzahl von Semestern zwei Ausbildungsgänge, sowohl die landwirtschaftliche Lehre als auch das Fachhochschulstudium, abzuleisten. Wichtig erscheint, dass sehr gezielt geeignete und wirklich interessierte Betriebe gesucht werden müssen und dass auch eindeutige Absprachen zwischen Ausbildungsstelle und Auszubildendem/r getroffen werden.

Prof. Heinz Grosse Hokamp, Hochschule Neubrandenburg

www.hs-nb.de/studiengang-aw
oder www.bildungsserveragrar.de/studium/duale-studiengaenge

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