Chance beim Schopf gepackt

23.09.2015

© Sabine Rübensaat

Ronny Fuhrmann (vorn) mit Daniel Wege und Roman Radicke von der Tagschicht im Melkstand.

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Im April hat Ronny Fuhrmann seine Ausbildung beendet. Seit Mai ist er Herdenmanager. Wir sprachen mit dem 29-Jährigen über seinen Berufseinstieg, die Arbeit im Team, die Aussichten in der Milchproduktion und den Weg zum privaten Glück.

Herr Fuhrmann, Sie sind vor wenigen Monaten von der Schulbank in die landwirtschaftliche Praxis gewechselt. Ist Ihnen der Einstieg geglückt?
■ Ja, es ist gut gelaufen. Im April habe ich an der Fachschule für Agrarwirtschaft in Güstrow meine Ausbildung als Staatlich geprüfter Agrarbetriebswirt abgeschlossen. Am 1. Mai fing ich in der Agrargesellschaft Kandelin GmbH als Herdenmanager an. Damit ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen.

Was reizt Sie an der Aufgabe?
■ Eigentlich alles. Die Agrargesellschaft Kandelin ist ein sehr moderner Großbetrieb. Wir bewirtschaften rund 4 300 ha Fläche mit durchschnittlich 40 Bodenpunkten, 580 Sauen und über 3 600 Mastschweine an zwei Standorten und mehrere Biogasanlagen mit je 530 kW. Im Unternehmen werden 1 100 melkende Kühe plus eigene Nachzucht gehalten, insgesamt rund 2 500 Rinder. Die Milchkühe sind in zwei umgebauten ehemaligen Typenställen sowie in zwei neuen Ställen in Neuendorf untergebracht. Seit 2005 steht hier ein neues Melkhaus mit einem Doppel-20er-Fischgrätenmelkstand und einem großen imposanten Glasgiebel als Blickfang.

Die weiblichen Nachkommen werden in Kandelin in vier umgebauten Typenställen und einem Kälberdorf gehalten. Als Herdenmanager bin ich dafür verantwortlich, dass in den Rinderställen alles rund läuft, die tägliche Arbeit erledigt wird, die Tiere gut versorgt sind und die Milch fließt. Dabei ist vieles im Blick zu behalten.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
■ Ich fange um 5 Uhr an, schaue zunächst im Computer nach, wie das Melken verlaufen ist. Ich kontrolliere die Hemmstoffproben und die Meldung über die Milchablieferung. Wenn um sechs Uhr die ersten Kühe gemolken werden, habe ich mir in den vier Milchviehställen einen Überblick verschafft und am Rechner die Tiere herausgesucht, die zu besamen sind. Anschließend beginne ich meine Arbeit im Stall: Kühe umsetzen und kontrollieren, zur Schlachtung selektieren, für die Besamung auswählen, für Sterilitäts- beziehungsweise Trächtigkeitsuntersuchungen oder tierärztliche Behandlungen vorbereiten. Danach Standortwechsel zu den Jungrindern nach Kandelin. Der Arbeitstag ist klar strukturiert, und doch verläuft jeder Tag anders, weil oft etwas passiert, was nicht vorherseh- oder planbar war, sei es ein plötzlich erkranktes Tier, eine Schwergeburt oder eine Havarie im Futtersilo.

Wenn Sie heute noch einmal zurückblicken, haben Sie in Ihrer Ausbildung das notwendige Rüstzeug als Herdenmanager erhalten?
■ Was das Fachliche angeht, ja. In den drei Jahren Ausbildung als Landwirt habe ich viel gelernt. Sowohl an der Berufsschule in Jördenstorf, vor allem aber in den Ausbildungsbetrieben. Meine erste Station war der Betrieb von Henning Heß in Klausdorf bei Stralsund. 400 Milchkühe und Ackerbau, sehr interessant. Nach zwei Jahren schubste Heß mich aus dem Nest. Du musst dir noch was anderes ansehen, meinte er. Okay, dachte ich, dann schaue ich mal, was in einem richtig großen Betrieb abgeht und landete in Kandelin. Ich war ziemlich beeindruckt. Hier mal als Herdenmanager anfangen, das wär’s, sagte ich mir. Dachte aber nicht im Traum dran, dass es was werden könnte.

Man machte Ihnen aber ein Angebot?
■ Geschäftsführer Torsten Zahn, auf dessen Mist hier alles gewachsen ist, wollte mich nach der Ausbildung nicht gehen lassen und bot mir die Stelle als Assistent des Herdenmanagers an. Das war wirklich verlockend. Aber ich wollte mehr. An der Berufsschule war es gut gelaufen. Den Agrarbetriebswirt traute ich mir zu. Damit könnte ich später auch Herdenmanager werden. Also sagte ich Zahn ab und meldete mich bei der Fachschule in Güstrow-Bockhorst an. Start im September 2012, drei Wintersemester, berufsbegleitend. In den Sommermonaten Arbeit in der Steesower Agrarland GmbH mit 6 000 Rindern, davon 2 000 Milchkühe. Ebenfalls ein sehr interessanter Betrieb. Dann noch mal einen Sommer bei Henning Heß. Im Februar 2015 folgte der Wechsel nach Kandelin.

Aber dort hatten Sie doch schon einmal abgesagt?
■ Der Herdenmanager dort wollte sich beruflich verändern, man suchte einen Nachfolger und fragte mich. Ich wollte die Chance beim Schopf packen und habe nicht lange überlegt.

Als Herdenmanager sind Sie nicht nur für die Tiere, sondern auch für die Mitarbeiter in den Ställen zuständig.
■ Richtig. Wir sind 24 Leute im Team: Melker, Fütterer, Kälberpfleger in den Milchviehställen in Neuendorf, dazu die Mitarbeiter am Jungrinderstandort Kandelin, ein Auszubildender und der Assistent des Herdenmanagers. Eines stellte sich sehr schnell heraus: Kommunikation mit dem einzelnen Mitarbeiter und im Team ist der Dreh- und Angelpunkt für den reibungslosen Betriebsablauf und für den wirtschaftlichen Erfolg.

Waren Sie darauf vorbereitet?
■ Für Personalführung sollten an der Fachschule mehr Stunden eingeplant werden. Das Thema ist unheimlich wichtig. Mir ist der Einstieg aber relativ leicht gefallen, weil die Mannschaft eingespielt ist. Außerdem habe ich während meiner Ausbildung mit den meisten Kollegen im Melkstand, beim Füttern oder Kälberpflegen zusammengearbeitet. Man kennt und schätzt sich. Und es gibt ein ausgefeiltes System, damit jeder Mitarbeiter die Informationen erhält, die er braucht, um einen guten Job zu machen.

Neue Daten, Veränderungen, Auffälligkeiten am einzelnen Tier, Behandlungen von Eutererkrankungen, Abkalbungen, notwendige Reparaturen an Geräten und Ausrüstungen werden dokumentiert und mit Unterschrift quittiert, so dass die nachfolgende Schicht im Bilde ist.

Trotzdem müssen ja zum Beispiel bei Urlaub, freien Tagen und der Besetzung von Schichten unterschiedliche Interessen unter einen Hut gebracht werden. Nicht jeder kann mit jedem, oder?
■ Stimmt. Darauf achten wir selbstverständlich. Ein gutes Instrument, um zu koordinieren, ist unser Wunschfrei-Buch. Mitarbeiter können sich bis zum 15. des Monats eintragen, wann sie im Folgemonat dienstfrei nehmen wollen. Bisher haben wir das meist hingekriegt, zuletzt Ende August, als vier von sieben Melkern mit ihren Familien die Einschulung ihrer Kinder und Enkel feiern wollten. Die Leute spüren, ob man sich bemüht, ihnen entgegenzukommen und ob darauf geachtet wird, die Dinge im Vorhinein zu bedenken, um Arbeitsspitzen, Stress und Hektik möglichst gering zu halten. Das wiederum hat Auswirkungen auf Betriebsklima, Motivation und Krankenstand.

Als Leiter müssen Sie jeden Tag entscheiden. Wie kommen Sie damit klar?
■ Grundsätzlich fällt mir das nicht schwer, von Natur aus bin ich kein Bedenkenträger. Außerdem gibt es im Unternehmen viel Erfahrung und Sachverstand. Jeder der 70 Mitarbeiter ist auf seinem Gebiet Spezialist. Wir tauschen uns aus, beraten und helfen uns. Als kürzlich im Silo das Schrot nicht mehr nachrutschte und wir nicht weiterwussten, war Schlosser Andreas Horn zur Stelle. Nach 45 Minuten konnte wieder Futter geladen werden. Zupacken ohne viel Worte, so ist hier die Grundeinstellung.

Das klingt ja toll, aber es gibt doch sicher auch schwierige Entscheidungen?
■ Oh ja, schwierige und unangenehme. Die Trennung von unserem Klauenschneider war so ein Fall. Erst im vorigen Herbst hatte der Betrieb 25 000 Euro in einen mobilen Klauenschneidestand investiert und einen bestandseigenen Klauenschneider eingestellt. Allerdings war er nie da, wenn wir ihn brauchten. Das konnte so nicht weitergehen. Im Mai trennten sich unsere Wege. Die Aufgabe hat nun die Klauenpflegergenossenschaft Röbel übernommen. Die Mitarbeiter kommen zweimal im Jahr und machen ihre Sache super.

Neue Besen kehren gut, heißt es. Wie ist das bei Ihnen?
■ Ich habe nicht den Ehrgeiz, alles neu oder anders zu machen. Wer durch unsere Ställe geht, sieht, dass es den Tieren gut geht. Wenn jede unserer 1 100 Milchkühe pro Jahr im Durchschnitt über 10 000 Liter Milch gibt, dann wissen zumindest die Fachleute, das dahinter eine Menge Arbeit steckt. Mein Job ist es aber nicht nur, für das Wohlbefinden der Tiere zu sorgen und die Milchleistung hochzuhalten. Die Haltungskosten zu optimieren, ist genauso wichtig. Jeder Kostenfaktor wird auf seinen Nutzen überprüft. Wenn der nicht ausreicht, wird neu entschieden. So setzten wir vor einiger Zeit Energiedrinks ab, die die Kühe nach der Abkalbung schneller wieder fit machen sollen. Die positiven Effekte kamen unter unseren Bedingungen nicht so zum Tragen. Wir stellten nach dem Absetzen keine Verschlechterung beim Fitnissaufbau fest. Wir sparen jetzt Kosten ein – elf Euro pro 500 ml Energiedrink.

Die Milchbauern sind in die öffentliche Kritik geraten. Der Vorwurf: Sie halten einseitig auf Höchstleistung gezüchtete „Turbokühe“. Was sagen Sie dazu?
■ Das geht an der Realität vorbei. Kriterien wie Langlebigkeit, Gesundheit und Fruchtbarkeit nehmen in den Zuchtprogrammen und bei den Milchviehhaltern einen viel höheren Stellenwert ein als noch vor einigen Jahren. Wir wurden schon mehrfach für 100 000-Liter-Kühe ausgezeichnet. Bei uns ist die durchschnittliche Haltungsdauer auf 3,2 Laktationen angestiegen. Im Betriebsvergleich ist das ein Wert im oberen Drittel.Wie gesagt, eine hohe Milchleistung ist nicht alles, aber ohne eine hohe Milchleistung ist alles andere nichts: Ein Milchviehbetrieb ist keine Tierpension, sondern ein Wirtschaftsunternehmen, das seine Kosten decken und Gewinn bringen muss. Mit Auszahlungspreisen von 27 Cent pro Kilogramm Milch wie im Juli funktioniert das nicht. Der Preisverfall gerade in den letzten Monaten ist eine Katastrophe. Mittlerweile hört man, das selbst in Verbundbetrieben die Einnahmen aus dem Marktfruchtbau nicht mehr ausreichen, um die roten Zahlen bei der Milch auszugleichen. Wenn die Preise im Keller bleiben, wird das den Strukturwandel hin zu noch größeren Betrieben enorm beschleunigen.

Was machen Sie, wenn Sie nicht auf der Arbeit bei den Tieren sind? Haben Sie sich in Neuendorf schon eingelebt?
■ Ich habe hier im April eine Wohnung bezogen. Aber wenn man jung ist, ändern sich die Dinge manchmal schnell. Meine Freundin arbeitete bisher in Grabow. Nun ist sie am Leibniz-Institut für Nutztierbiologie in Dummerstorf. Von der Entfernung her sind wir zusammengerückt. Nun wollen wir zusammenziehen. Damit ihr Arbeitsweg nicht so lang ist, haben wir uns auf halber Strecke zwischen Neuendorf und Dummerstorf eine neue Wohnung gesucht.

Die Deutschen Holsteins sind in diesem Jahr Tier der MeLa. Fahren Sie zur Messe nach Mühlengeez?
■ Ich habe den 12. September dafür fest eingeplant. Ich bin mit Geschäftspartnern verabredet, und mit Bekannten aus der Zeit an der Fachschule. Wir werden uns viel zu erzählen haben. Außerdem ist die Agrargesellschaft Kandelin mit einer abgekalbten Färse, einer Tochter des bekannten Vererbers Scirocco in der Ausstellung der RinderAllianz vertreten. Die Präsentation will ich sehen.

Das Gespräch führte
Gerd Rinas

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