Wie Veilsdorf die Zukunft sichert

17.08.2015

Azubis der Milch-Land GmbH Veilsdorf

Ausbilder Wolfram Mertz mit seinen Azubis im Schaubeet.

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Wenn eine Auszubildende im zweiten Lehrjahr aus eigenem Antrieb einen Rap-Text auf die Arbeit in ihrem Betrieb macht, dazu per Handykamera etliche Stunden Film aufnimmt, die dann in drei Minuten illustrieren: „Ich bin Landwirt, und ich hab Spaß daran“, dann kann der Betrieb nicht ganz schlecht sein. Ist er auch nicht. Im Gegenteil: Die Milch-Land GmbH Veilsdorf (Südthüringen) wurde auf dem Bauerntag in Erfurt mit dem Titel „Ausbildungsbetrieb des Jahres 2015“ ausgezeichnet. Und diese Entscheidung fiel, als es den Rap noch gar nicht gab. Um Sarah und ihr Lied geht es im Beitrag, der sich diesem anschließt, hier um den Betrieb, in dem sie und 13 weitere künftige Landwirte derzeit ihre Ausbildung absolvieren – beziehungsweise absolvierten, denn fünf von ihnen haben gerade ihre Abschlussprüfungen gemeistert.

Eine der Absolventen ist Lea Schleicher aus einem Dörfchen, das auf halbem Weg zwischen Coburg und Bamberg liegt. Auf dem Hof ihrer Eltern stehen 500 Mastschweine und 25 Milchkühe. Sie wollte in Thüringen die Arbeit in einem großen Landwirtschaftsbetrieb kennenlernen und erinnert sich an ihren ersten Eindruck: „Der erste Tag war schon krass. Wir haben Fleckvieh daheim, und hier die Schwarzbunten – ich hab gedacht: Was sind denn das für ausgehungerte Dinger da? Aber die sind ja von der Rasse her so. Zu Hause sind wir zwei, und hier arbeiten weit über hundert Landwirte. Jeder ist in seinem Bereich top ausgebildet, es gibt geregelte Arbeitszeiten. Zu Hause würde meine Vater sagen: ,Was fällt dir ein?’, wenn ich Feierabend machen will, und es ist noch etwas zu tun. Hier kommt die nächste Schicht, man übergibt und kann beruhigt gehen.“ Die nächsten Monate wird sie in einem Betrieb in Rieth Elternzeitvertretung machen. „Ich nehme es als Weiterbildung, denn dort stehen Melkroboter. Und auch, wenn man selbst keinen hat, sollte man sich auskennen, um nicht den Anschluss zu verlieren“, ist Lea überzeugt.
Ihre Leidenschaft für den Beruf teilt sie mit den beiden jungen Männern, die mit ihr und Ausbilder Wolfram Mertz – heute ausnahmsweise in Begleitung der BauernZeitung – zur Weide mit den 50 Trockenstehern und drei Färsen hinausgefahren sind. Die gilt es zu tränken, denn ihre Betreuung obliegt ausschließlich den Azubis. Der Wassertank hängt an einem kleinen Belarus, der mindestens 35 Jahre auf dem Buckel hat. Am Lenker sitzt Chris Eichhorn, der nach dem Abi ins zweite Lehrjahr eingestiegen ist. In seiner Freizeit versorgt er zu Hause vier eigene Schafe und seit vergangenem Jahr auch einen Bullen. „Für mich gehören Tiere zum Dorf. Mein Opa hat vor 32 Jahren die Tierhaltung auf dem Hof aufgegeben und sagt, ich sei verrückt. Aber eigentlich freut er sich, glaub’ ich“, grient Chris. Dass andere im Dorf sich nicht freuen und sich aufregen, wenn die Kuh mal Muh macht oder einen Fladen fallen lässt, kann er nicht verstehen. Und Ausbilder Wolfram Mertz, einer von drei hauptamtlichen Ausbildern, die noch an Thüringer Betrieben tätig sind, und der hier seit 1982 Landwirte ausbildet, findet deutlichere Worte: „Landwirte sind heute die Verbrecher der Nation“, bemerkt er bitter und kann sich noch an Zeiten erinnern, in denen das anders war.

Neben der Arbeit mit den Lehrlingen ist Wolfram Mertz „mit Sonderaufgaben“, wie sein Chef es formuliert, betraut. Dazu gehört die Betreuung von Praktikanten und Besuchergruppen. „Gestern hat uns eine Grundschulklasse aus dem Nachbarort besucht. Ein Kind durfte nicht mit, weil seine Eltern Veganer sind!“ Kopfschütteln. Zu den Grünen Tagen war Mertz mit seiner Jungzüchtergruppe – ein paar Kinder von Kollegen, die Kälber führig gemacht haben – in Erfurt. Ihr Slogan, auf ein Schild gemalt: „Streicheln, Kuscheln und Entspannen mit Tieren aus Massentierhaltung“ – das sei der Renner gewesen.

Er pfeift leise, die Kühe antworten mit Muh, wir staunen, die Azubis grinsen. Das kennen sie schon. Nico Blechschmidt öffnet den Hahn am Tankwagen und lässt Wasser in die Tränken. Er ist einer der Azubis, die vom Engagement der Veilsdorfer im Programm „Berufsstart plus“ profitiert haben. „Ich konnte hier zwei Praktika machen, das erste in der achten Klasse. Dann habe ich mich beworben und bin angenommen worden. Jetzt beende ich mein erstes Lehrjahr.“ Nach seiner Lieblingsarbeit befragt, kann sich Nico nicht entscheiden – eigentlich alles. Die schlimmste Arbeit jedoch, da sind sie sich alle einig: Hochsilo saubermachen! Dunkelheit, Ratten und Spinnen – der richtige Ort für‘s Dschungelcamp, finden sie, haben aber gelernt, dass auch solche Arbeit gemacht werden muss. Die Versorgung der Trockensteher mit Wasser und Weidezaunbau sind da vergleichsweise beliebte Alternativen. Und damit die BauernZeitung die Nachwuchsarbeit im Bild festhalten kann, gibt es von Wolfram Mertz gleich noch eine kurze Unterrichtseinheit: Quadratmeterprobe. Rahmen, Korb, Wagen – alles ist dabei, die jungen Leute wissen Bescheid, repetieren ihr Wissen – dann geht es zurück zum Schackendorfer Betriebszentrum, ein eigener neuer Dorfkern mit Einkaufsladen, Café und Kantine.

Eine weitere Unterrichtseinheit gibt es wenig später mit allen Azubis, die mittlerweile aus den verschiedenen Betrieben der GmbH im Unterrichtskabinett zusammengekommen sind: Gefrierpunkt der Milch, Grenzwerte bei Fett- und Eiweißgehalt, Keimzahl und Zellzahl – das geht flott im Ton, immer mal mit einer Randbemerkung versehen, die den Azubis ein Lächeln abringt. Dass hier die graue Theorie oft sehr bunte Züge annimmt, ahnen wir, als Lea uns heimlich einen Blick ins Anschauungsmateriallager von Lehrer Mertz werfen lässt: verschiedenste Raufutterproben stehen dort in Eimern neben diversen Kraftfuttervarianten, im Regal finden sich Bündel und Körnerproben aller möglichen Getreidesorten und Leguminosen, Beispiele für Herbarien – bis hin zur Kuchenbackmischung und zum getrockneten Kuhfladen.

Draußen hinter dem Kantinenflachbau geht es weiter: Im Schaubeet, das unter Mertzscher Ägide angelegt wurde und von den Lehrlingen gepflegt wird, wachsen unter anderem 22 Sorten Kartoffeln und neben den gängigen Marktfruchtarten auch deren „Vorfahren“ wie Einkorn und Emmer. Kein Wunder also,  dass sich jemand, der mit so viel Lust und Laune an seine Arbeit geht, auch Sorgen um seine Schützlinge macht. Wolfram Mertz findet es ungeheuerlich, dass mit der neuen Förderperiode der Zuschuss für den Traktorführerschein, den die Azubis früher bekamen, weggefallen ist. „Nicht jeder, der bei uns lernt, kann mal eben tausend Euro in der Familie locker machen“, weiß Mertz. Darum schießt der Betrieb das Geld vor, und die Azubis stottern es dann von ihrem Lehrlingsgeld ab. Das  liegt um die 500 Euro pro Monat – je nach Ausbildungsjahr. 40 Euro im Monat kostet der Platz im Internat, ein Angebot, das die Hälfte der Auszubildenden derzeit nutzt.

Fragt man sie, wie sie selbst die Ausbildungssituation im Betrieb einschätzen, drucksen sie erst etwas herum: Die Ausbildung sei super, was die Tierhaltung betrifft, und auch Pflanzenbaumeisterin Nancy Vogt mache im Acker- und Pflanzenbau, was sie kann. Dennoch komme das Arbeiten mit der Technik zu kurz. Geschäftsführer Silvio Reimann kennt das Problem. „Wir arbeiten nach dem Prinzip, dass jede Maschine einem Angestellten zugeordnet ist“, sagt er. „Ich kann nicht noch zusätzlich Maschinen für die Ausbildung anschaffen. Wenn viel zu tun ist, sind die Kollegen nicht begeistert, wenn noch der Lehrling daneben sitzt.“ Ist der Zeitdruck geringer, sei aber auch Zeit zum Üben, sagt Reimann.

Was für die Azubis das Wichtigste ist, kann er momentan nur eher als Luxusproblem betrachten: „Mir fehlt allein auf das vergangene halbe Jahr gerechnet eine 3/4 Million Milchgeld.“ Gründe sind neben dem katastrophalen Milchpreis die Änderung der Kulap-Förderung (was 200 000 Euro ausmacht) und die Änderung bei den Betriebsprämien (100 000 Euro weniger). Hinzu komme die Trockenheit, so Reimann. „Wir werden keine Spitzenernten einfahren.“ Der erste Futterschnitt habe gerade mal 50 Prozent gebracht. „Wenn du aufs Jahr gerechnet weit über eine Million verkraften musst, kannst du sparen, wie du willst. Da kommst du um eine Streichliste bei den Arbeitskräften nicht herum. Das gehe alles noch sozial verträglich über Rente und Umbesetzungen“, so Reimann, „aber das macht jetzt als Betriebsleiter keinen Spaß im Moment!“ Folgerichtig wird er 2015 nur einen seiner fünf Absolventen übernehmen können.

Fragt man ihn nach seinem persönlichen Werdegang, wird jedoch deutlich: Manchmal führen viele Wege über Rom nach Veilsdorf. Als Silvio Reimann am 21. Mai 2001 die Geschäftsführung übernahm, war das ein Wiedersehen nach elfjähriger „Wanderschaft“, die ihn um manche Erfahrung reicher gemacht hat. „Ich war 1990 mit dem Studium fertig, hatte schon mein Vorpraktikum in Veilsdorf gemacht und habe gleich hier angefangen. Ein halbes Jahr, es war ja die wilde Zeit, da musste ich mich umsehen“, erzählt er. Zwei Jahre Sachversicherungen, dann zurück zum geliebten Vieh zu einem Bauern in Unterfranken, der noch zwei Betriebe in Tschechien hatte, darauf einige Jahre als Herdenmanager und Anlagenleiter bei einem Holländer in Thüringen, weitere bei einem Futtermittelunternehmen mit Stammsitz in den Niederlanden, einschließlich Sprachkurs und viel Fahrerei. Das Angebot, in Veilsdorf die Tierproduktion zu übernehmen, nahm er nach dieser unruhigen Zeit gern an. Als dann derjenige, der ihn gefragt hatte, ganz plötzlich starb, musste jemand die Leitung übernehmen. Das ist nun gut 14 Jahre her. Seit vergangenem Jahr ist Silvio Reimann auch noch ehrenamtlicher Bürgermeister. Mit gutem Beispiel voran? Man könnte auf den Gedanken kommen – nicht nur als Azubi.

Milch-Land GmbH Veilsdorf
• Nutzfläche: 4 740 ha – 2 760 ha Acker-, 1 980 ha Grünland, Bodenwertzahlen 25-27
• Zertifizierung: „Betrieb der umweltverträglichen Landbewirtschaftung“ (USL-Prüfkriterium), QS, QM, GVO-freie Milch
• Beschäftigte:
– Veilsdorf: 51 AK Tier-, 23 AK Pflanzenproduktion, 16 AK Nebenbetriebe, 4 Betriebshandwerker, 6 AK Verwaltung, 1 Ausbilder, 14 Auszubildende; 
– Crock: 17 AK Tier-, 5 AK Pflanzen­produktion, Schlosser, Verwalter Tierproduktion: 20 Mio kg Milch, 2 250 Milchkühe, 2 500 weibliche Kälber, Jungrinder, Färsen, 450 Mastrinder; 600 Mutterschafe (Hüteflächen am „Grünen Band“)
• Zudem: Biogasanlage 252 KW, Landmarkt, Landhandel, Kantine, Café, Gärtnerei, Wohnheim u. a.

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