Von Osun in die Börde

10.12.2013

Bildautor: © Sabine Rübensaat

Khairat und Kemi, Muslima und Christin. Sie verstehen sich blendend.

Bauernzeitung: Erzählt mir bitte ein bisschen über euch selbst.

  • Khairat:

Ich habe Zoologie studiert, bin 24 Jahre alt, nicht verheiratet, nicht verlobt. Wir sind Muslime, mein Vater hat drei Frauen. Ich habe vier Geschwister und acht Stiefgeschwister. Nach der Schule habe ich angefangen, mich für Landwirtschaft, speziell für Ernährungssicherheit, zu interessieren. Ich habe bereits in einigen Projekten zu diesem Thema mitgearbeitet. Nigeria ist eine der am schnellsten wachsenden Regionen der Welt. Vor 20 Jahren hatten wir 90 Millionen Einwohner, jetzt sind es 160 Millionen. In 20 Jahren werden es schätzungsweise 300 Millionen sein. Sie wollen alle essen.

 

  • Kemi:

Ich bin 34 Jahre alt und studiere Landwirtschaft an der Universität. Mein Vater war Beamter im Staatsdienst, er ist jetzt pensioniert. Meine Mutter arbeitet als Verkäuferin. Ich habe vier Geschwister, zwei davon haben ebenfalls Landwirtschaft studiert. Am 28. Dezember 2013 werde ich heiraten.


 

Eurem Praktikum ging ein zweimonatiger theoretischer Teil voraus. Was wurde im Einzelnen gelehrt?

  • Khairat:

Das Spektrum reichte vom Maisanbau, den Grundlagen von Düngung und Grünlandbewirtschaftung über Vorratsschutz und Schadnagerbekämpfung, Weidezaunbau, die unterschiedlichen Möglichkeiten der Bodenbearbeitung bis zu Mutterkuhhaltung, Kälberaufzucht, Tiertransporte, Schafhaltung, Krankheitsprophylaxe, Tierseuchenbekämpfung und Aquakultur.

 

  • Kemi:

Wir haben außerdem Fahrübungen mit verschiedenen Maschinen machen können beziehungsweise ihren praktischen Einsatz kennengelernt. Wir sind beide sehr technikbegeistert. Wir haben auch Betriebe besichtigt, zum Beispiel das Mischfutterwerk Osterburg und das Veterinärlabor Stendal.


 

Eins zu eins in eurer Heimat umsetzen könnt ihr sicher wenig. Was nehmt ihr dennoch mit?

  • Kemi:

Hier in Rottmersleben bestellen zwanzig Leute 1 000 oder mehr Hektar. Das ist für mich Effizienz. Nicht wie bei uns, wo zwanzig auf einem Hektar arbeiten. In unserer Provinz sind große Flächen von sehr unterschiedlichen Strukturen wie Wald, Siedlungen, Straßen zerschnitten. Wir wollen versuchen, die Farmer zu überzeugen, ihre Flächen zusammenzulegen und in Kooperativen gemeinsam zu wirtschaften. Das wird nicht leicht sein, denn es bedeutet, Dinge zu ändern, die traditionell seit Jahrhunderten so gemacht werden. Nur so lässt sich die Produktion mechanisieren. Aber ich bin zuversichtlich. Es wurden ja 20 Junglandwirte nach Deutschland geschickt, damit wir zu Hause als Gruppe agieren können. Die Regierung müsste Anreize schaffen oder eine Art Flurbereinigung auf ihre Agenda setzen.

 

  • Khairat:

Derzeit gibt es nur drei große Farmen in unserem Bundesstaat. Im Bereich Tierhaltung fehlt eine gezielte Mast. Die Bauern füttern ihre Tiere mit dem, was übrig ist, mit Essensresten, manchmal mit Gras. Hier  liegt ein weiterer Ansatz für uns.


 

Was hat euch besonders beeindruckt?

  • Khairat:

Eine große Putenfarm, die von nur einem Angestellten gemanagt wird. Alles ist computergesteuert. Ebenso beeindruckt war ich von den Biogasanlagen, wo Abfälle zur Energiegewinnung genutzt werden. Was für euch alltäglich ist, war für uns ein Geschenk: ein eigenes Zimmer, ein warmes Bad …  


                               

Nur 40 Prozent der nigerianischen Haushalte haben Zugang zu elektrischer Energie, meist in den städtischen Räumen.

  • Kemi:

Wir nutzen zwar Wasser und Sonne zur Energiegewinnung, tun dies aber wenig effizient. Es gibt insbesondere auf dem Land ausgedehnte Regionen, die komplett ohne Stromversorgung sind. Bei euch hilft sogar der Wind, Strom zu erzeugen.


 

Wie seid ihr mit dem deutschen Spätherbstwetter klargekommen?

  • Khairat:

Eine zweite Hose unter der Arbeitshose, zwei Jacken, Handschuhe und Mütze.


 

Nigeria legt Einnahmen aus dem Ölexport auf ein Sonderkonto der Zentralbank fest, auch für Infrastrukturmaßnahmen.

  • Kemi:

Die mangelhafte Infrastruktur, besonders auf dem Land, stellt ein großes Hindernis für die wirtschaftliche Entwicklung dar. Das Wegenetz muss ausgebaut werden, weil nur so auch der Zugang zu Märkten gewährleistet ist, wo man Überschüsse verkaufen kann.

 

  • Khairat:

Die stabile Versorgung mit sauberem Wasser bei euch hat mich beeindruckt. Nigeria verfügt über ein Netz von Brunnen, aber die Tiere werden nicht daraus getränkt, sondern aus Lachen und Pfützen. Die Gefahr von Tierseuchen ist groß.


 

Wie habt ihr eure Freizeit verbracht?

  • Khairat:

Wir haben zum Beispiel ein agrarhistorisches Museum mit alten Maschinen und Hausrat besucht. Das war sehr amüsant. Dinge, die bei uns noch täglich in Gebrauch sind, ein kaltes Bügeleisen, Töpfe, Pflug, stehen bei euch schon im Museum.

 

  • Kemi:

Wir haben dort historische Dokumente zur Ortsgeschichte, aber auch Wetteraufzeichnungen gesehen. Sie helfen den Bauern, den richtigen Bestell- oder Erntezeitpunkt einzuhalten. Wir haben solche Aufzeichnungen nicht. Wenn die Saat nicht zum richtigen Zeitpunkt in den Boden  kommt und der Bauer kein Geld für eine nochmalige Saat besitzt, dann hat es sich mit den Erträgen für das Jahr erledigt.


 

Hattet ihr Kontakt zu den Leuten hier im Dorf?

  • Kemi:

In unseren Medien wird Deutschland oft als fremdenfeindlich dargestellt. Aber alle waren freundlich zu uns. Wir hatten ein Zimmer bei Frau Weitz, die Familie hat sich sehr um uns gekümmert. Khairat hat mit ihnen die Moschee in Magdeburg besucht.


 

Malt mir ein Bild vom Nigeria des Jahres 2050!

  • Khairat:

Die Agrarwirtschaft ist auf einem viel höheren Niveau als heute. Wir werden sogar Nahrungsmittel exportieren. Jeder hat Zugang zu ausreichend Nahrungsmitteln, und sie sind billig. Verbraucherschutz steht bisher bei uns nur auf dem Papier. Das wird sich ändern. Korruptionsniveau und Arbeitslosenquote sind 2050 gesunken.

 

  • Kemi:

Wir sind Pioniere mit einem Auftrag. Deshalb waren wir hier. Ich sehe ein besseres Nigeria, eine Provinz Osun mit gesicherter Stromversorgung, sauberem Trinkwasser. Die derzeitige Abwanderung der ländlichen Bevölkerung in die Städte wird sich umkehren. Ich sehe qualifizierte Facharbeiter in der Landwirtschaft, die zufrieden mit ihrem Job sind, weil sie ein Auskommen haben, moderne Maschinen bedienen und Spaß haben, weil ihr Beruf hohes Ansehen in der Öffentlichkeit hat.


Das Gespräch führte

Jutta Heise

 

 

Wir bauen auf knapp 2 000 Hektar Weizen, Gerste, Raps, Mais und Zuckerrüben an. Dazu halten wir 1000 Mastrinder, 70 Mutterkühe und 70 Färsen. Wir wollten den beiden das Maximum vermitteln, was sich in acht Wochen weitergeben lässt und was zu unserem Betriebsspektrum gehört, sowohl zu Anbauverfahren wie zu allem, was Mast ausmacht, die Betreuung der Tiere, das Mischen nach Futterprotokoll und so weiter. Darüber hinaus haben wir versucht, durch Stippvisiten in Nachbarbetrieben das Spektrum noch zu erweitern. Kemi und Khairat haben in der Agrargenossenschaft Ivenrode bei meinem Kollegen Hartmut Jordan das Melken von Milchkühen und die Betreuung von Kälbern erlernt. Sie haben einen Schlachthof besichtigt und sich Melkroboter in Karow angesehen, waren beim Landeskontrollverband zu Gast. Es gab einen Besuch bei der Deutschen Vilomix in Haldensleben. Wir haben das alles dokumentiert, sodass es Khairat und Kemi schwarz auf weiß mit nach Hause nehmen können. Ich war Mitglied der Delegation, die im vorigen Jahr Nigeria besucht hat. Manches ist in Ansätzen vorhanden, zum Beispiel ist eine intensive Rinderhaltung im Aufbau, auch Schweinehaltung und Eierproduktion sind, soweit wir das sehen konnten, auf akzeptablem Stand. Lehre und Forschung an der Agrarfakultät sind auf hohem Niveau. Aber der Wissensflow zu den praktischen Landwirten fehlt.

Thomas Seeger, geschäftsführender Vorsitzender
der Agrargesellschaft Börde, Rottmersleben

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