Von der Stange? Nein, danke!

30.12.2014

© Sabine Rübensaat

Der kraftvollste Teil der Entstehung eines Handschuhs. Das Leder muss gedehnt werden.

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Bauernzeitung: Wenn ich Sie so allein werkeln sehe … Macht der Beruf einsam?
Bergauer: Man hat ja Kontakte, zu Lieferanten, Kunden …

Aber Disziplin braucht es schon, sich im eigenen Ein-Mann-Betrieb jeden Morgen zur Werkbank zu prügeln, oder?
■ Am Anfang ist mir das hin und wieder nicht ganz leicht gefallen. Dass ich nur die Treppe hinunter zur Werkstatt laufen muss, weil ich mit meinem Partner auch hier im Haus wohne, das wir gemeinsam wiederhergerichtet haben, macht die Sache eher schwieriger. Man denkt, ach, du kommst immer noch zurecht. Aber man findet schnell seinen Rhythmus. Ich betrachte mich als Einzelkämpfer. Das Schöne am Beruf ist, das Entstehen und Wachsen eines Stückes von Anfang bis Ende zu sehen, vom Leder bis zum fertigen Handschuh. 

 

Das Erzgebirge war jahrhundertelang Zentrum der Handschuhmacherei in Deutschland. Landwirtschaft ist infolge der hängigen Lagen nicht rentabel, der Bergbau war rückgängig. Schafe und Ziegen aber wurden immer gehalten, also hatte man Häute, Leder; an den Flüssen entstanden Gerbereien.
■ Die eingewanderten Hugenotten haben das Handwerk in unsere Region gebracht. Anfang des 20. Jahrhunderts, als es als unschicklich galt, ohne Handschuhe aus dem Haus zu gehen, verdienten allein in Johanngeorgenstadt bis zu 3 500 Leute damit ihren Lebensunterhalt. 

 

Unter ihnen waren auch Ihre Vorfahren seit 1876 einschlägig tätig.
■ Vor Kurzem ist ein Handschuh aus der Werkstatt meines Ur-Ur-Großvaters aufgetaucht, so klein, dass er einem Dreijährigen passen würde, ein Einzelstück und für das 25-jährige Betriebsjubiläum der Firma Sims & Bergauer genäht. Er macht für mich Familientradition greifbar. 

 

In den letzten Jahren wurde hierzulande Nachwuchs in Ihrer Branche nur sehr spärlich ausgebildet, und seit 1998 ist Handschuhmacher kein Lehrberuf mehr.
■ Sehr bedauerlich, dadurch geht viel Wissen verloren.

 

Sie sind derzeit der jüngste Handschuhmacher Deutschlands. Wie viele Leute üben das Handwerk zwischen Rügen und Bodensee überhaupt noch aus?
■ Meines Wissens nicht mehr als zehn, zwölf. 

 

Wollten Sie eine Nische besetzen, oder hatte die Familientradition eine besonders starke Magie?
■ Meine Großmutter hat bis 1991 in Heimarbeit Zieraufnähte gemacht und Handnähte gelascht. Ich habe mich oft bei ihr aufgehalten und bei manchem Handschuh den Rolldurchzug angeleimt. Aber ich habe erst mal Wirtschaftspädagogik studiert. Bis zum ersten Staatsexamen, danach habe ich als freier Fotograf für Tageszeitungen und fürs Theater gearbeitet, weil Fotografie für mich einen großen Reiz besitzt. Nebenher hat mich Meister Frank Zahor immer mehr in die Handschuhmacherei eingeführt, bis ich mich 2012 hier in Schneeberg selbstständig gemacht habe. Weil Zahor ein Jahr vorher schon etwas kürzer getreten war, konnte ich Kontakte und Aufträge von ihm übernehmen und hatte daher nicht so viele der üblichen Startschwierigkeiten.

 

Learning-by-doing in allen Ehren. Aber kann man als Seiteneinsteiger von Null auf hundert im Beruf landen?
■ Es besteht keine Meisterpflicht mehr, Mitglied der Handwerkskammer bin ich schon.

 

Was brauchts für einen Handschuh, damit Glanz auf seinen Macher fällt? Alte Meister meinen, die spätere Qualität steht und fällt schon mit der Auswahl des Materials.
■ Das stimmt. Das Leder muss eine enorme Dehnkraft haben, zugig und rissfest sein. Das ist zum Beispiel bei Ziege, Lamm, Hirsch, Peccary, dem südamerikanischen Wasserwildschwein, der Fall. Ein paar Lieferanten in Deutschland und auch in Tschechien haben sich auf diese Leder spezialisiert. Ich arbeite großteils mit tauchgefärbten Ledern. Für das feine Glacéleder werden sogar noch Eigelb und Mehl zum Gerben benutzt, wie früher. 

 

Glacéhandschuhe waren unverzichtbarer Bestandteil der eleganten Kleidung des 18. und 19. Jahrhunderts.
■ Sie sind aus sehr weichem Lamm- oder Ziegenleder gefertigt und bis heute beim Wiener Opernball erwünscht. 

 

Bevorzugen Sie das Klassisch-Zeitlose in Form und Farbe oder setzt Ihre Kollektion moderne Akzente?
■ Klassisch sind die Arbeitsschritte. Der moderne Akzent findet sich in den Golf- oder Autohandschuhen wieder, die inzwischen aber auch schon gängig sind. Ein ausgemachter Klassiker, weil 250 Jahre alt, ist der schwarz-weiße, handgenähte Handschuh mit Dreiecken in den Fingerzwischenräumen, den Zwicken. Ich besitze 500 Musterhandschuhe aus den letzten hundert Jahren.

 

Aus wie vielen Modellen kann der unschlüssige Kunde wählen?
■ Derzeit fertige ich 70 Modelle, aus unterschiedlichen Materialien, in verschiedenen Längen, Farben und Ausführungen, mit Stulpen, mit Durchzug. Im dekorativen Bereich experimentiere ich gern mit Pelz, Spitze, Perlen, Rüschen. Die Handschuhe sind maschinell oder komplett handgenäht, nicht waschbar, aber sie können nass werden, ohne dass sie Form oder Farbe verlieren. Sie werden exakt angepasst, ich arbeite auch im Viertelzollbereich, die Industrie bleibt im Halbzollbereich. Besondere Sorgfalt und sehr weiches Material, etwa Curly-Lamm, erfordern spezielle Ausführungen für versehrte Hände nach Arbeitsunfällen oder anderen Verletzungen. 

 

Ihre Maschinen sind zum Teil hundert Jahre und älter.
■ Sie funktionieren tadellos. Werkzeug ist für eine Nischenbranche schwer zu bekommen. 

 

Maßgeschneidertes ist per se ein Luxusgut, die Handschuhmanufaktur dazu ein Saisongeschäft. Ein Handschuhmacher hat im Sommer kein Geld, im Winter keine Zeit, lautet ein geflügeltes Wort.
■ Ich versuche, zu einer ausgeglichenen Auftragslage zu kommen. Was nicht leicht ist. Ich freue mich über Aufträge eines Historien-Vereins, einer nachgestellten sächsischen Schlosswache-Kompanie. Es gab auch Anfragen von Film und Theater. 

 

Ihr exklusivstes Stück?
■ Ein Modell mit feiner Klöppelspitze, es wurde auf dem Chemnitzer Opernball getragen. 

 

Sicher ein exorbitanter Hingucker. Wie geben Sie Ihrer Umwelt zu verstehen: He, unsere Branche mag am Aussterben sein, aber Totgesagte leben länger?
■ Seit drei Jahren bin ich auf der Creativa präsent, Europas größter Messe für kreatives Gestalten in Dortmund. Im Januar kann man mich und einen Teil meines Sortiments auf der room & style in Dresden erleben. Bis zum 27. des Monats auch im Sächsischen Landtag, wo sich der Erzgebirgskreis darstellt. Jedes Jahr auf dem Schneeberger Lichterfest präsent zu sein, versteht sich von selbst. 

 

Sie wurden vor Kurzem zum Vorsitzenden des Erzgebirgszweigvereins gewählt. Brauchtumspflege liegt dem Hiesigen am Herzen, auch wenn er erst knapp über dreißig ist?
■ Ja, und die sieht unterschiedlich aus. Ich habe gerade ein interessantes Projekt mit einer Goldschmiedin realisiert. 

 

Erzählen Sie bitte!
■ Bei uns steht eine sehr alte handwerkliche Silberschmelzhütte – St. Georgen, begründet 1655. Sie wurde nur 30 Jahre genutzt, der Silberboom war schneller vorbei als man dachte. Es handelt sich um ein doppeltes Umgebindehaus, vermutlich das einzige noch komplett erhaltene Gebäude einer Silberschmelzhütte aus jener Zeit im europäischen Raum. Ein Verein möchte es wieder ausbauen und sich begleitend bei Bergparaden in der originären Schmelzeruniform präsentieren. Ich habe nach alten Zeichnungen die Schürze der Schmelzer aus Ziegenleder, weich, aber strapazierfähig, nachgebildet. Die reichte bis weit unter die Knie, um die Arbeiter vor der Hitze zu schützen und wurde mit einem Knopf geschlossen. Den hat, aus Silber gegossen und optisch rustikal wie ein Gebrauchsgegenstand, Susann Krause gemacht. 

 

Das nenne ich eine perfekte Kombination zweier, die ihr Handwerk aufs Beste verstehen.

 

Das Gespräch führte
Jutta Heise

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