Von der Kohlengrube zum Fischrevier

19.11.2018

Ferropolis, im vorderen Bild ist der Fischer Markus Lingner mit Azubi Janek auf dem Gröberner See.

Ferropolis ©Sabine Rübensaat

Zu Füßen von Ferropolis, der Stadt aus Eisen, und auf dem Gröberner See zieht Fischer Markus Lingner mit Azubi Janek so manchen kapitalen Hecht an Land.

Sie heißen Mad Max, Gemini, Medusa, Big Wheel, Mosquito und sie sind „Einwohner“ einer ganz besonderen Stadt – Ferropolis, der Stadt aus Eisen. Jahrelang schürften die Bergbauriesen am Rande der kleinen sachsen-anhaltischen Stadt Gräfenhainichen Abraum und Kohle und hinterließen ein gigantisches Loch in der Erde. Heute sind die stählernen Zeitzeugen Kulisse für Festivals und Konzerte – und die dunkle Braunkohlengrube zu ihren Füßen hat sich in einen glasklaren See verwandelt.

 

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Kapitale Hechte zappeln in den Netzen

» Bild rechts: Fischer Markus Lingner mit Azubi Janek. ©Sabine Rübensaat

Und der ist seit zwei Jahren das Revier von Fischer Markus Lingner. Morgens in aller Herrgottsfrühe sticht der 31-Jährige gemeinsam mit seinem Fischerkollegen Konrad Seidel oder Azubi Janek in See und holt den Tagesfang ein. Hechte, Barsche, Schleie, Aale, Bleie, Plötzen, Rotfedern oder Maränen zappeln dann schon mal in den Netzen. Doch nicht nur der rund 560 Hektar große und rund 35 Meter tiefe Ferropolis-See ist das Revier des jungen Fischers, sondern auch der nur wenige Kilometer entfernte Gröberner See. Auch dort wurde Kohle aus der Erde geholt – doch nicht nur das. Gefunden wurden 1987 Überreste eines etwa 115.000 Jahre alten europäischen Waldelefanten, was durchaus eine Sensation war. Eine Nachbildung des riesigen Bullen steht heute direkt vor dem 4-Sterne See- und Waldresort der Blausee GmbH.

 

Doch an die Bagger und Kohlegruben kann sich Markus Lingner nur noch sehr schwach erinnern. Sie sind für den Zschornewitzer Geschichte. Was damals hier passierte, kennt er vor allem aus den Geschichten seiner Opas, die beide als Elektriker in einem Tagebau gearbeitet haben. Markus Lingner ist aufgewachsen in einer Zeit, als die sogenannten Restlöcher vor seiner Haustür renaturiert, mit Grund- und dem Wasser der Mulde, das auch Fische mitbrachte, geflutet wurde und sich seither Stück für Stück zu einem Kleinod für Ausflügler und Urlauber entwickeln. Dass diese Seen mal sein Arbeitsplatz werden könnten, an diesen großen Fang hat er als „Piefke“, wie er sagt, natürlich nicht gedacht, wobei sein Berufswunsch schon frühzeitig feststand. So wie andere Jungs Lokführer oder Feuerwehrmann werden wollten, wollte er Fischer werden. Doch nach der Schule, so erzählt er uns, habe er Koch gelernt.

 

Allerdings ist seine Leidenschaft für die Flossentiere geblieben. Und so schob er eine Lehre zum Fischwirt nach, machte seinen Meister und träumte insgeheim vom eigenen Fischereibetrieb. Ein Traum, der 2014 mit seiner Anstellung in der Blausee GmbH nahezu Wirklichkeit werden sollte. Denn dort ist der Zschornewitzer seit einem Jahr verantwortlich für den firmeneigenen Fischereibetrieb, der im vergangenen Jahr am Gröberner See eröffnet wurde. Heißt: Die Fische werden nicht nur aus den Tagebauseen gefischt, sie werden auch vor Ort gleich fangfrisch verarbeitet. „Wir veredeln garantiert alles selbst“, versichert Lingner, „auch Fisch, den wir zukaufen wie Hering, Lachs, Scholle, Heilbutt und Rotbarsch.“

 

» Bild links: Konrad Seidel holt frischen Räucherlachs aus dem Ofen, der wie andere Räucherfische in der Gröberner Seekate verkauft wird. ©Sabine Rübensaat

 

Beim Blick hinter die Kulissen konnten wir uns davon überzeugen. Mitarbeiterin Bianca Prütz schnippelte gerade die Zutaten für den Heringssalat, Janek Mangelsdorf, Azubi im ersten Lehrjahr, filetierte die morgens gefangenen Hechte und Fischerkollege Konrad Seidel holte die frisch geräucherten Aale aus dem Räucherofen. Und jeder Fisch – ob frisch oder geräuchert – wird vom Blauseefischereibetrieb auch selbst vermarktet, so auf den Märkten in Bitterfeld und Wolfen-Nord. Und frisch auf den Tisch kommen sie im Restaurant des Ringhotels „Zum Stein“ am Wörlitzer Park, im Restaurant Waldelefant am Gröberner See und natürlich vor allem im neuen Hofladen. Der wurde im Mai am Gröberner See in einem hübschen Blockhaus eröffnet und entpuppt sich als Besuchermagnet – was auch daran liegen mag, dass es neben Fisch regionale Produkte wie Honig, Likör, Wildwurst zu kaufen gibt und die Seekate umgeben ist von Highland-Rindern, Schwarzkopfschafen, Woll- und Hängebauchschweinen, Enten, Kaninchen, Gänsen, Miniziegen und Ponys und Thüringer Barthühnern.

 

» Bild rechts: Sie sind ein Herz und eine Seele: Highlandbulle Oran und Peter Pannier, Blausee-Mitarbeiter und Nebenerwerbslandwirt. ©Sabine Rübensaat

 

Carsten Helling, Prokurist der Blausee GmbH, freut sich über den Zuspruch, schließlich seien auch mehrere Millionen Euro in die Entwicklung der sogenannten Bergbaufolgelandschaften investiert worden. Seit 2004 ist die Blausee GmbH, die zur schwäbischen Merckle-Gruppe gehört, Eigentümer von fünf Tagebauseen und neben 2.500 Hektar Wasser werden auch noch rund 3.000 Hektar Wald bewirtschaftet. Bei der Entwicklung gehe es dem Unternehmen, so Prokurist Helling, um eine nachhaltige ökologische und behutsame touristische Entwicklung – immer mit dem Ziel der Wertschöpfung für die Region, dem Schutz der Natur und der Schaffung von Arbeitsplätzen.

 

Künftig auch Fisch vom Goitzschesee

Und für Fischer Markus Lingner und seine Mitstreiter wird es künftig noch mehr Arbeit geben. Denn im kommenden Jahr wird der Fischer überdies im Goitzschesee, auch ein ehemaliger Tagebau, fischen – dann zu Füßen eines steinernen Zeitzeugen: dem Roten Turm aus dem 13. Jahrhundert, der im Dorf Pouch hoch über dem Seeufer thront und einen fantastischen Blick auf die Bergbaufolgelandschaften mit ihren fischeichen Seen bietet.

 

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