Väter und Söhne

05.10.2015

© Sabine Rübensaat

Bildergalerie: Väter und Söhne


BauernZeitung: Über die Gerbothe-Wiesner-GbR berichteten wir bereits zu den Grünen Tagen Thüringen 2014. Heute wollen wir aus aktuellem Anlass Themen anschneiden, die damals nicht im Mittelpunkt standen. Fühlen Sie sich noch als Ost-West-Gespann wie anfangs sicher Ihre Väter, als sie sich beim Demontieren des Plattenweges an der einstigen Grenze kennenlernten?
■ Marcus Gerbothe: Die Frage hat sich nie für mich gestellt. Nicht nur unsere Väter, auch Alexander und ich sind über die Jahre immer mehr zusammengewachsen.
■ Alexander Wiesner: Wir waren schon als Kinder oft zusammen, haben gespielt, sind viel auch mit den Pferden draußen gewesen.

Thematisieren Sie hin und wieder deutsche und damit auch Ihre Familiengeschichte?
■ Marcus: Wenn man älter wird, wächst das Verständnis dafür, wie sich die Generationen vor uns mühen mussten, etwas aufzubauen. Dann ist man bestrebt, es zu erhalten und weiterzuentwickeln. Mein Opa erzählt uns sehr viel, wie es früher war, zum Beispiel während der Zwangskollektivierung. Es war eine schwere Zeit.
■ Alexander: In Niedersachsen ist man mehr auf den eigenen Hof bezogen, schottet sich ab. Manche hier im Umkreis von zehn Kilometern kennen sich im Osten nicht ansatzweise aus. Sie bleiben einfach, wo sie sind. Es dominiert: „Das ist meins!“ Im Osten war der Zusammenhalt in den Dörfern größer, wie ich vom Erzählen her mitbekomme.

Der Bezug zum Eigentum war, gesellschaftlich bedingt, einfach unterschiedlich geprägt.
■ Alexander: Dieses nachhaltige Denken, dieses „Wo kommt man her, wie geht es weiter?“, ist in der Landwirtschaft viel stärker verankert als bei Leuten, die in der Industrie arbeiten. Das war so, bevor es den Zaun gab, und ist es jetzt immer noch. Wenn man klein ist, fährt man mit dem Opa mit, füttert die Kühe, wächst mit all dem auf und kriegt so vom Großvater, vom Vater den Bezug zur Landwirtschaft, zum Hof, zur eigenen Geschichte.
■ Marcus: Ich bin wie du auch da hineingewachsen und von Kindesbeinen auf an Großvaters oder Vaters Seite gewesen. Jetzt habe ich selbst schon viel Arbeit in den Hof investiert und eine Menge Herzblut.

Die Grenzanlagen sind längst demontiert, wo der Grenzzaun genau verlief, ist nicht mehr erkennbar. Wenn ich aus dem Fenster schaue – es ist im wahrsten Sinne Gras darüber gewachsen. Oder ist das ein falscher Eindruck?
■ Alexander: Wenn wir Besuch bekommen, fragt der schon mal, ob er jetzt im Westen ist oder im Osten. Für mich ist das alles eins, ich bin damit groß geworden, dass es keine Mauer mehr gibt.
■ Marcus: Wenn man hier lebt, nimmt man nach wie vor unterschiedliche Mentalitäten wahr. Ich finde, schon von der Politik her agiert man da kontraproduktiv. So kriegt man die Mauer aus den Köpfen nicht raus. Warum wird so viel föderal geregelt? Es gibt unterschiedliche Kita-Gebühren, Renten Ost, Renten West. Das schürt Missgunst. Wir waren mal zu einer Tierschau, an der auch Züchter aus Hessen teilnahmen. Da ging es hin und her, bis einer sagte, ihr könnt euch das hier doch nur leisten, weil wir euch finanzieren. Das ist für mich ein völlig falscher Ansatz!

Vorurteile Ost–West, gibt es die noch? So etwas hält sich oft zäh.
■ Marcus: Wir sind ja noch zu jung, haben nicht viel von der Wende und der Zeit unmittelbar danach mitgekriegt. Vorurteile findet man immer noch, auf beiden Seiten. Der Westler arbeitet nur bis Mittag, sagen die Ostler, und oberflächlich ist er. Dabei habe ich den lebendigen Beweis für das Gegenteil vor mir. Viele wundern sich, wie sich ein Ost-West-Betrieb wie wir schon 25 Jahre hält und Erfolg hat.

Worauf führen Sie den zurück?
■ Marcus: Ein Grund ist, dass mein Vater und Hubert als Geschäftspartner harmonieren. Anfangs haben sie eine schwere Zeit durchmachen müssen. Für den großen Kredit für den neuen Stall, der 1993 fertig wurde, hat man mit allem gebürgt, was man besitzt, Hof, Wohnhaus, Konto. Das schweißt zusammen. Wenn man es dann schafft, das Rad ins Rollen zu bringen, hat die Sache Bestand.

Bringen Sie aus eigener Erfahrung manche Schieflage in den Köpfen wieder ins Lot?
■ Alexander: Ja. Die Ostler nennen die Westler arrogant, schnöselhaft und kleinkariert, die Westler sagen, die Ostler haben das Arbeiten nicht erfunden. Aber ich denke, das Blatt wendet sich. Die Betriebe im Osten sind denen im Westen wirtschaftlich vielleicht schon ein bisschen überlegen. Das hat nicht vordergründig mit der Größe zu tun. Eher damit, dass man praktisch bei null, mit nix angefangen hat. Alles ist gewachsen, selbst erwirtschaftet. Der Gewinn kommt komplett aus der Landwirtschaft. Da war bis auf wenige Ausnahmen keine Kiesgrube, die man verkaufen konnte, keine Autobahn, für die man Flächenentschädigung erhielt, man hat kein Industrieland verkauft wie im Westen. Man hat vom Opa seine 80 Hektar übernommen, einen Haufen Rübenquote. Damit konnte man früher gut leben, und es geht immer noch. Es hat sich nicht viel weiterentwickelt.

Vor drei Jahren haben Ihre Väter Ihnen die Verantwortung für das unternehmerische Tagesgeschäft übertragen. Ihr Vater, Marcus, hat den ersten Schritt getan.
■ Marcus: Er war damals Bürgermeister von Obersachswerfen und zeitlich sehr eingespannt. Ich bin ins kalte Wasser geworfen worden, die Methode ist gar nicht schlecht. Man hat ja das Glück, schwimmen zu können! Ich möchte die Zeit nicht missen, weil ich von meiner Entwicklung her einen unheimlichen Sprung gemacht habe. Mein Vater war selbst erst Anfang zwanzig, als er mit Hubert die GbR gegründet hat.

Hat Ihr Vater gesagt, du musst jetzt auch ran, Alexander, sonst hängen die beiden uns ab?
■ Marcus: Hubert fällt es vielleicht ein bisschen schwerer, Verantwortung abzugeben …
■ Alexander: Das ist doch generell nicht leicht. Du kannst nicht einfach aufhören. Diskussionen mit meinem Vater gibt es täglich. Was wir jetzt machen und warum, dass wir da und dort aufpassen müssen. Manchmal, wenn auch ungern, gebe ich inzwischen nach und denke, ach, machen wir es so, wie er will, dann ist er zufrieden, und es kann endlich weitergehen.

Ihre Väter sind nach wie vor die Chefs, und Sie zwei der acht Angestellten, richtig?
■ Alexander: Leitende Angestellte!
■ Marcus: In der Praxis stimmt man sich ab. Dass unsere Väter ihre Meinung sagen, wenn es um bestimmte Entscheidungen geht, das bremst mitunter ein bisschen, aber es bewahrt einen auch vor Fehlern. Man rennt nicht blind drauf zu, denkt noch mal nach. Das ist nicht zu unterschätzen.

Sie haben sich die Ressorts aufgeteilt. Damit Sie sich nicht in die Quere kommen?
■ Marcus: Einerseits. Andererseits hat es mit unserer Neigung zu tun, ein Erbteil unserer Väter. Ich bin mehr für die Kühe zuständig, Alexander für den Ackerbau. Wenn Not am Mann ist, komme ich aber auch mit der Ackertechnik klar. Ich bin mehr der aufgeregte, impulsive Typ, Alex ist das Gegenteil – sehr ruhig. Das ergänzt sich wunderbar. Auch in der Mitarbeiterführung. Es kommt schon vor, dass ich Kritik sehr heftig loslasse. Wenn die Sache durch ist, man sich ausgesprochen hat, ist wieder alles okay. Ich möchte trotzdem da an mir arbeiten.
■ Alexander: Mein Vater ruft mich meistens, wenn es darum geht, dem Lehrling etwas zu erklären. Du bist ruhiger, sagt er immer. Er hat viel Angst, dass an den Maschinen was kaputt geht. Aber wenn ein junger Mensch etwas lernen soll, muss man ihn auch machen lassen. Dass nicht auf Anhieb alles akkurat und schnell geht, ist doch klar. In der Lehre musste ich gleich am dritten Tag Futter zum Silo fahren.

Getrennte Reviere haben Vorteile, in den Zielen muss man einig sein.
■ Marcus: Man versucht immer, Abläufe zu optimieren, mehr Gewinn zu erzielen.
■ Alexander: Wir ticken gleich und vertrauen dem anderen. Wenn man sich einig ist, dass man den Betrieb mit dieser oder jener Idee weiterentwickeln kann, und es funktioniert, dann macht das die Sache einfacher.

Was soll, sagen wir, in den nächsten zehn Jahren passieren?
■ Marcus: Flächen zukaufen, das ist das Hauptziel. Im Moment stagniert das ein bisschen, aber es gibt immer wieder Möglichkeiten. Nichts ist sicherer als Eigentum, außer man wird enteignet. Land hat Bestand. Und den Milchviehbereich wollen wir umgestalten, stärker automatisieren, zwei Melkroboter anschaffen. Wir machen uns außerdem intensiv Gedanken über automatische Einstreusysteme und Ähnliches. Die Laufflächen müssen erneuert werden, wir wollen Gummimatten anschaffen. Den Hauptteil wollen wir nächstes Jahr realisieren, aber beim jetzigen Milchpreis fallen Investitionen deutlich schwerer.

Sie, Marcus, sind ein begabter Züchter. Derzeit befassen Sie sich auch mit dem Kobe-Rind.
■ Marcus: Unser Jungrind Wanda stammt als Embryo aus den USA. Es steht im Moment auf der Weide, um abzuspecken, weil es für die Embryonengewinnung zu fett ist. Die Rasse ist ein exzellenter Futterverwerter. 2016 wollen wir die ersten Kälber haben. Wie wir das Edelfleisch vermarkten, ist noch nicht entschieden.
■ Alexander: Im Ackerbau könnten wir einen Teil der Flächen abspalten, auf Ökolandbau umstellen. Auch der Landwirt lebt von Veränderung, muss seinen Horizont erweitern. Ich habe versuchsweise einen Hektar mit Sojabohnen angebaut. So bräuchten wir kein Sojaschrot aus Importen zukaufen.

Diskutieren Sie Ihre Pläne sofort mit Ihren Senior-Chefs?
■ Alexander: Manchmal denkt man, vier Chefs, und jeder hat eine Meinung, da ist mindestens eine zu viel …

Es kann hilfreich sein, eine Sache aus vier Ecken zu betrachten …
■ Alexander: Es macht die Dinge manchmal langwierig, aber schlussendlich sind sie gründlich überlegt. Was die Veränderungen im Kuhstall angeht, war das ähnlich. Einer sagte, lasst uns Milchvieh ganz abschaffen, der andere wollte umbauen. Das ging zwei Jahre so. Irgendwann nimmt dann einer Kontakt zum Melkroboter-Hersteller auf, man sieht sich um. Jetzt haben wir eine einheitliche Linie.
■ Marcus: Unsere Eltern sind aber kulant und sagen am Ende immer: „Ihr seid die Zukunft, wir wollen euch nicht im Wege stehen. Wir sind maximal noch 20 Jahre im Geschäft, ihr müsst vierzig Jahre durchhalten.“

Korrigieren sich Ihre Väter, wenn Sie die besseren Argumente haben?
■ Marcus: Erzähl mal, wie wir zur Drilltechnik mit Unterfußdüngung gekommen sind!
■ Alexander: Mein Vater war erst komplett dagegen, weil es vor uns noch kein anderer hier gemacht hat. Wenn das wirklich so toll wäre, würden es doch alle praktizieren, hat er gesagt. Aber irgendeiner muss anfangen. Jetzt steht die Maschine da, wir drillen schon vier Jahre so, die Erträge haben sich stabilisiert, sind teilweise sogar gestiegen. Wenn der Dünger in der Maschine zur Neige geht, ich meinen Vater bitte, neuen zu bestellten, sagt er jetzt: Fahr bloß nicht weiter, Junge, wir müssen Dünger druntermachen!

Wie haben Sie das geschafft?
■ Alexander: Ich habe erst in Fachzeitschriften recherchiert und hatte Glück, dass die TLL in Erfurt einen entsprechenden Versuch laufen hat. Es geht schwerpunktmäßig um Phosphor; wir sind da unterversorgt, weil wir wenig Veredlung haben. Irgendwann mickern die Bestände. Phosphor kriege ich aber nur durch starkes Aufdüngen in den Boden. Ich habe dann einen Bericht über die platzierte Düngung gelesen, wobei man mit weniger Düngeaufwand das Gleiche erreichen kann. Ich habe mir mit meinem Vater den Praxisversuch angesehen. Der hat ihn überzeugt. Alles in allem arbeite ich sehr gern mit ihm zusammen.

Man muss also am Ball bleiben, soll Erfolg von Dauer sein.
■ Alexander: Was wir machen, wollen wir immer effektiver und besser hinbekommen. Wir werden jetzt im zweiten Schritt Applikationskarten erstellen, sodass man den Dünger noch effektiver einsetzt, auch von der Kalkung her. Meinen Vater habe ich jetzt auch soweit. Die Liebe zum Ackerbau habe ich von ihm. Ich mag auch Kühe melken. Nur, wenn man Milchviehhaltung erfolgreich betreiben will, braucht man dieses Feeling, diesen Kuhverstand, den Marcus hat.

Wird man mit Kuhverstand geboren, oder kann man ihn erwerben?
■ Marcus: Den richtigen Umgang mit dem Tier, viel über sein Wesen lernt man nur, wenn man es von klein auf täglich sieht. Man kann das schlecht beschreiben. Es ist Wissen, das man über Jahre erwirbt, plus Intuition. Ich war als Kind mit meinem Großvater oft bei unseren Kühen. Mein eineinhalbjähriger Sohn fängt auch an, mit den Tieren warm zu werden. Dass jeder Tag Neues bringt, gefällt mir. Zucht ist ungeheuer spannend. Manchmal ergibt ein Minus + Minus ein Plus. Dass immer wieder neues Leben entsteht, ein Kalb geboren wird und man erlebt, wie die Generationen sich entwickeln, empfinde ich als Geschenk.

Marcus ist schon Familienvater. Wie steht es mit Ihnen, Alexander?
■ Alexander: Ist in Planung.

Legten Sie bei der Partnerwahl Wert auf einen landwirtschaftlichen Hintergrund?
■ Marcus: Früher kam gedanklich für mich nur jemand infrage, der in der Landwirtschaft arbeitet. Diese Mädels haben Verständnis dafür. In der Praxis ist es anders gekommen. Stephanie ist Altenpflegerin. Allgemein ist es mit der Partnersuche ein großes Problem, weil wir für den Betrieb viel Zeit ans Bein binden müssen. Wiederum ist es ein Vorteil gegenüber unseren Eltern, dass wir mittlerweile ein ziemlich modernes Bauernleben führen. Da ist auch Urlaub drin, ein freier Tag.
■ Alexander: Ich habe auch mal gedacht, such dir eine mit 40 Hektar, wenn sie mitmacht und halbwegs erträglich ist … Bei einem kleinen Familienbetrieb ist es möglicherweise von Vorteil, wenn die Frau mitarbeitet. In so einem Betrieb habe ich gelernt. Inzwischen finde ich es eher gut, wenn jeder beruflich eigene Wege geht.
■ Marcus: Man muss sich auch noch was zu erzählen haben.

Ein gewisses Grundverständnis für den Beruf des Landwirts sollte Frau denn aber doch haben.
■ Alexander: Knackpunkt ist immer die Ernte oder wenn sonntags Arbeit anfällt. Da muss Verständnis dafür da sein, dass der Betrieb Vorrang hat, auch wenn wie in diesem Jahr aufgrund des andauernd schönen Wetters die Ernte reibungslos verlief und trotz langer Trockenheit Erträge und Qualitäten zufriedenstellend sind.

Das Gespräch führte
Jutta Heise

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