Nachfolger ans Steuer lassen

09.12.2013

Bildautor: © Annekatrin Pischelt

Teilnehmer am Seminar zur Agrarökonomie an der Hochschule Neubrandenburg

Trotz des sonnigen Herbsttages Ende Oktober drängen sich Studierende und einige Landwirte aus der Region in einen Hörsaal der Hochschule Neubrandenburg. Weil die rund 100 Plätze nicht reichen, haben die Organisatoren der Hochschule und der Jungen DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft) einen benachbarten Saal mit Video-Übertragungstechnik ausgerüstet. Nun zwingen sich die Referenten, am Platz vor der Kamera stehen zu bleiben, was für die drei Männer nicht einfach ist, denn sie sind Praktiker und würden ihre Worte wohl gerne durch das Auf-und-Ab-Schreiten vor dem Publikum verstärken. Doch was sie zu sagen haben ist so gehaltvoll, dass es von den Studierenden auch so aufgesogen wird wie Wasser von einem Schwamm.


Die jungen Leute studieren im Herzen Mecklenburg-Vorpommerns Agrarwirtschaft. In der Veranstaltung aus der Reihe „Agrarökonomisches Seminar“, das die Neubrandenburger Hochschule seit Jahren regelmäßig durchgeführt, geht es um den Generationswechsel. Zwei Betriebsleiter sprechen über ihre praktischen Erfahrungen bei der Betriebsübernahme und ein Steuerberater erklärt, worauf man dabei achten muss.

 

Nicht ohne meinen Berater

Was Helmut Wienroth vom Landwirtschaftlichen Buchführungsverband aus Kiel zu den steuerlichen Fragen der Hofübergabe erklärte, war auf alle Fälle die Hohe Schule der Steuerberatung. Ganz sicher hat sich jeder den Satz gemerkt: Ziehen Sie auf alle Fälle ihren Steuerberater hinzu. Diese Empfehlung ist ganz bestimmt nicht von der Hand zu weisen, denn jedes Unternehmen hat schließlich seine individuellen Bedingungen. Damit könnte bei dem einen oder anderen Studenten im Saal mit einer gewissen Affinität zu Zahlen die Idee für den Beruf des Steuerberaters reifen. Denn auch in diesem Bereich gibt es einen steten Generationswechsel. Wienroth warb zudem für den Einstieg in diesen Beruf.


Für die steuerliche Beurteilung der Unternehmensnachfolge ist zunächst zu prüfen, in welcher Rechtsform man sich bewegt. So ging Wienroth als erstes auf die Übertragung von landwirtschaftlichen Einzelunternehmen ein und stellte den Regelfall, der steuerlich grundsätzlich unproblematisch ist, dar. Er wies aber gleichzeitig auf Beratungsbedarf hin, wenn z. B. der Betrieb auf mehrere Kinder übertragen oder wesentliche Betriebsgrundlagen (Flächen oder Gebäude) oder etwa gewerbliche Betätigungen/oder Beteiligungen (Stichwort Erneuerbare-Energien-Gesetz) zurückbehalten werden sollen.


Bei den Personengesellschaften wies Steuerexperte Wienroth darauf hin, dass eine steuerneutrale Übertragung grundsätzlich nur möglich ist, wenn der Anteil am Gesellschaftsvermögen (Gesamthandsvermögen) und im Alleineigentum stehende, aber der Gesellschaft zur Nutzung überlassene Gegenstände (Sonderbetriebsvermögen) gleichzeitig übertragen werden. Der Steuerexperte zeigte jedoch Gestaltungsalternativen, falls der Übergeber beispielsweise Grundstücke zurückbehalten möchte.


Wienroth ging ferner auf landwirtschaftliche Betätigungen in Kapitalgesellschaften, etwa GmbH, ein. Dort bestehen besondere Probleme in Fällen einer Betriebsaufspaltung. Diese liegt vor, wenn ein Landwirt sowohl die Mehrheit der GmbH-Anteile innehat (personelle Verflechtung) als auch wesentliche Betriebsgrundlagen aus seinem Alleineigentum zur Nutzung an die GmbH überlässt (insbesondere landwirtschaftliche Nutzflächen). Ist eine Übergabe geplant, müssen sowohl die GmbH-Anteile als auch die Grundstücke zeitgleich übergeben werden. Auch an dieser Stelle wies Wienroth auf Gestaltungsalternativen hin, die jedoch immer einen gegebenenfalls mehrjährigen zeitlichen Vorlauf benötigen. Mit sozialversicherungsrechtlichen und rechtlichen Problemstellungen rundete er den Vortrag ab.

 

Jung, klug und voller Elan vom Land

Christian Beckmann aus Pritzwalk, das liegt im Norden Brandenburgs, ist seit drei Jahren Geschäftsführer der PBK Rinderzucht GmbH Schönhagen. Das Unternehmen ist eine Tochtergesellschaft der PBK Vermögensverwaltungs AG (Aktiengesellschaft). Heute ist Beckmann 27 Jahre alt. Nach dem Gymnasium hatte der schlanke Mann im schwarzen Sakko eine Ausbildung zum Landwirt mit Fach-abitur gemacht. 2006 schloss er ein Praktikum in den John Deere Werken Mannheim an, es folgte eine Ausbildungstour der großen Zahlen: drei Monate auf einer Milchfarm in den USA (Texas, 7 000 Rinder, 700 ha Acker); ein Monat auf einem Mutterkuhbetrieb in Kanada (Alberta, 250 Stück, 240 ha Grünland); zwei Monate bei einem Lohnunternehmer in Kanada (20 Mitarbeiter, 5 000 ha Ackerland). Von 2007 bis 2010 studierte Beckmann Agrarwirtschaft in Bingen am Rhein und war gleichzeitig Werksstudent in den John Deere Werken Mannheim.


Lange hat der junge Mann mit den kurzen dunkelblonden Haaren und der deutlichen Stimme nicht gebraucht um einen Job in seiner alten Heimat zu bekommen: Seit 2010 ist er in der PBK Rinderzucht GmbH Schönhagen Geschäftsführer und verantwortlich für 18 Mitarbeiter und für die Haltung von 1 083 Rindern, davon 545 Milchkühen. Deren jährliche Leistung ist enorm hoch, sie liegt bei 10 795 kg Milch/Kuh. Zudem exportiert die GmbH Zucht- und Nutzvieh und es wird Solar- und Windenergie produziert. Gezielt wählt Beckmann während des Vortrags im Hörsaal der Neubrandenburger Hochschule die Worte, setzt Absätze, während denen man nachdenken kann und schmunzelt zuweilen über sein Gesagtes. Der junge Mann weiß genau, wovon er spricht. Er hat die Landwirtschaft sozusagen von klein auf im Familienleben aufgesogen. – Seine Eltern bewirtschaften ein paar Kilometer weiter von seinem Wirkungsort einen Landwirtschaftsbetrieb. Dies ist seine Basis. Das andere Wissen und Können und sein sicheres Auftreten hat er sich während der „Wanderjahre“ erarbeitet. Seinem jetzigen Betrieb und natürlich ihm selbst kommt das zugute.


Für den ehemaligen Schönhagener Geschäftsführer war Christian Beckmann der Wunschkandidat. Der musste gesundheitsbedingt mit 63 Jahren in den Vorruhestand gehen. Genau 14 Tage blieben den beiden für die Betriebsübergabe. Beckmann war gerade zwei Monate mit dem Studium fertig, als er im September Geschäftsführer wurde. „Das war wie ein Sprung ins kalte Wasser mit aller Verantwortung“, erinnert er sich.
•    Den Studenten und den Verantwortlichen für die Studienprogramme möchte er gerne noch etwas mit auf den Weg geben: den Blick für die Ausbildungslücken.
•    Wie gehe ich mit meinem  Bauchgefühl um?
•    Woher nehme ich die Sicherheit bei Entscheidungen?
•    gezielte Personalführung;
•    Kenntnisse in der Bauplanung und Baudurchführung;
•    die tatsächliche Betriebswirtschaft (Buchhaltung, Bank, Bilanzen);
•    Durch Spezialisierung wird Wissen aus anderen Bereichen verdrängt;
•    die Außendarstellung der Landwirtschaft und Öffentlichkeitsarbeit.


„Als Betriebsleiter muss man sich Herausforderungen stellen und sie umsetzen“, sagt Christian Beckmann. Er hat sich dafür Strategien entwickelt. Eigene Erfahrungen für das Personalmanagement hat er während der Ausbildung bei John Deere gemacht. Um eine betriebswirtschaftliche Situation einschätzen zu können, müsse man Bilanzen verstehen und diese zuvor genau einsehen. Will er einen Ansatz für die wichtigen Veränderungen finden, legt er zuerst Dringlichkeiten und Ziele fest. Geduld mit den Mitarbeitern und mit sich selbst kann man aus seiner Sicht nur durch Gelassenheit üben. Ganz wichtig ist ihm: Man muss lernen, Sachen abzugeben und zu delegieren, das überträgt sich auch auf die Arbeitsqualität. Die Vorbildfunktion ist für ihn enorm wichtig, dazu gehört aber auch eine gesunde Selbstkritik, meint der junge Mann.


Für die Neubrandenburger Agrarstudenten hat er noch ein paar Tipps und Tricks für den richtigen Einstieg ins Berufsleben. Stichpunkte sind: zuhören, beobachten, Personal einschätzen, Ziele setzen und formulieren, im Team Ziele besprechen und verfeinern, Ziele kontrollieren und gegebenenfalls anpassen. Wichtig ist, belanglose Kleinigkeiten mit absoluter Konsequenz umzusetzen und bei den ersten Änderungen zu 100 % erfolgreich sein. Davon ist Beckmann überzeugt: „Wenn die kleinen Sachen funktionieren, laufen die Großen problemlos.“

 

Startschuss zur Hofübergabe

Der Weg von Christian Ringenberg zum landwirtschaftlichen Unternehmer war zum Teil der einer klassischen Hofübernahme. Er machte seine beruflichen Erfahrungen in unterschiedlichen Regionen Deutschlands, bevor er als Betriebsleiter in einem Landwirtschaftsbetrieb in Mecklenburg-Vorpommern (MV) sesshaft wurde. Nach dem Realschulabschluss erwarb der junge Mann 1998 in Schleswig-Holstein den Berufsabschluss zum Landwirt und schloss 2001 das Fachabitur an der Berufsoberschule Schönbrunn in Bayern ab. Vier Jahre später übernahm er den elterlichen Hof. Doch das ist längst nicht das Ende seiner beruflichen Karriere, 2006 erwarb er nach dem Studium der Agrarwissenschaften den Titel Dipl. Ing. Agrar (FH) an der Hochschule Neubrandenburg. Nun steht er vor den heutigen Studenten und erzählt ihnen, wie er zum Unternehmer wurde und was er dabei für wichtig erachtet. Seine Ehefrau sitzt im Publikum und hört zu.


Das Thema seiner Diplomarbeit war damals schon mitten aus dem Leben des Landwirts Ringenberg: Betriebsplanung für ein landwirtschaftliches Unternehmen in MV unter Berücksichtigung der EU-Agrarreform. 2010 übernahm Christian Ringenberg zusammen mit seinem Bruder Mathias zudem die Geschäftsführung der „Papenhäger Landprodukte GmbH“. Ausgelernt hat er bis heute nicht, betont der 34-Jährige. An Fortbildungen wie Top-Kurs, Bus-Kurs, Kommunikationstraining usw. teilzunehmen, ist für ihn ganz selbstverständlich. Das kommt den beiden Betrieben an zwei Standorten, die 38 km auseinander liegen, zugute. Insgesamt werden etwa 2 500 ha Acker sowie 200 ha Grünland für Mutterkühe bewirtschaftet – der LWB Ringenberg, hat rund 800 ha bei Greifswald und die Papenhäger Landprodukte GmbH ca. 1 900 ha bei Grimmen. Für etwa zehn feste Mitarbeiter ist der Betriebsleiter mit verantwortlich.


Für den Weg des Unternehmers hat sich Ringenberg schon früh entschieden. Es war im Grunde schon zum Ende der Landwirtslehre klar, dass er den Hof übernehmen will. Wann es tatsächlich passieren würde, war damals ungewiss. Er empfiehlt, eineinhalb Jahre vor der Übernahme, Gespräche mit Eltern und Freunden oder Bekannten über Wünsche, Vorstellungen, Erfahrungen und Erbe zu führen. Auf alle Fälle solle man Notar, Rechtsanwalt, Steuerberater und/oder Betriebsberater hinzuziehen, um Rechtliches, Freibeträge, Hofübergabevertrag, Altenteil, usw. zu klären.


Als sein Bruder Mathias 2006 den Betrieb eines Großonkels übernahm, bewirtschafteten sie den 160-Hektar-Betrieb gemeinsam. Mit dem Nachbarunternehmen, der Papenhäger Landprodukte GmbH, kam man gut zurecht, erzählt der bärtige dunkelhaarige Mann. Es war eine Zeit, in der er sich fragte, wie seine weitere Zukunft aussehen würde. In der Nachbar-GmbH stand ein Geschäftsführerwechsel an. Konnte er sich das zutrauen? Nach intensiven Verhandlungen übernahmen die Brüder Ringenberg die Geschäftsführertätigkeit, berichtet er den Studierenden. Damals waren für die beiden einige Herausforderungen zu meistern. Als erstes galt es natürlich sehr viel Verantwortung zu übernehmen. „Man steht selbst an erste Stelle“, beschreibt es Ringenberg. „Hinzu kommen Selbstzweifel zur fachlichen Qualifikation, die überwunden werden müssen.“ Da es zwei Geschäftsführer gibt, mussten die Brüder etwas ganz Entscheidendes in den Griff bekommen: das „Zweihäuptlingssyndrom“. Es lässt sich lösen, wenn jeder „Häuptling“ ganz klare Aufgabenbereiche und Kompetenzen hat, und man sich immer wieder abspricht. Denn sonst besteht die Gefahr, dass Mitarbeiter einerseits nicht wissen, wer welche Anordnungen gibt und andererseits bestimmte Mitarbeiter die Chefs gegeneinander ausspielen. Außerdem muss man selbst seinen Platz finden, damit Mitarbeiter oder Kunden mit einem entsprechend umgehen können.


Einen weiteren wichtigen Hinweis gibt Ringenberg den Studierenden: „Man wird vom Sohn oder von der Tochter zum Betriebsleiter oder zur Betriebsleiterin.“ Man solle das auch bei den Hofübergabeverhandlungen beachten, vor allem, wenn es um das Altenteil geht. Selbstverständlich müssen die Eltern für die Zukunft finanziell abgesichert sein und ein gutes Auskommen haben, dafür haben sie schließlich ihr Leben lang gearbeitet. Doch die finanzielle Belastung durch das Altenteil muss vom Landwirtschaftsbetrieb auch wirklich getragen werden können. Ansonsten haben nämlich weder Hofabgeber noch -übernehmer etwas davon.


Als Betriebsleiter sieht Ringenberg Herausforderungen darin, den gewachsenen Betrieb effizient zu führen und zwar im Team. Außerdem rät er, sich die Frage zu stellen: „Führe ich den Hof oder führt er mich?“ Die Kunden- und Verpächterpflege sieht er als besondere Aufgaben eines Leiters, ebenso wie die sorgsame Pflege der Mitarbeiter. Alle Maßnahmen müssen schließlich dazu führen, dass das Unternehmen konkurrenzfähig bleibt. Bei seinen zukünftigen Herausforderungen steht für den jungen Betriebsleiter seine Familie an erster Stelle. Außerdem wird es aus seiner Sicht nötig sein, den Betrieb zu erweitern und er will keinesfalls den Drang bzw. die Pflicht zur Optimierung aus den Augen verlieren. Ungewöhnlich aber sinnvoll: Ringenberg macht sich schon heute, mit mehr als 30 Jahren vor Renteneintritt, dar-über Gedanken, wie er sich das Abgeben des Betriebes später erleichtern kann: Er sucht nach einer Aufgabe außerhalb des Betriebes. Das ist weitsichtig!

 

Weiterbilden und über den Tellerrand sehen

Für die Studierenden, die den Weg zum Betriebsleiter noch vor sich haben, hat Christian Ringenberg aus seinen Erfahrungen ein Fazit gezogen: Sie sollten niemals den persönlichen Kraftaufwand bei der Übernahme der Betriebsleitung unterschätzen. Außerdem findet er es im Nachhinein ganz gut, manche Entscheidungen getroffen zu haben, ohne dass er vorher wusste wie viel Arbeit sie verursachen würde. Sonst hätte er wohl so manches nicht getan. Die Hofnachfolge hat ihn selbstständig werden lassen. Wie seine persönliche Entwicklung zudem zeigt: Ein solider Betrieb kann der Grundstock für weitere Unternehmungen sein.


Ein Appell ist ihm am Ende besonders wichtig: „Vergessen Sie nie, sich fortzubilden und über den Tellerrand zu schauen.“ Und dieses Statement machte wohl vielen Studierenden Mut: „Ich würde es immer wieder tun, wer weiß, wann man noch mal so ein Chance bekommt!“

Mehr zum Thema Über den Generationswechsel konnten Sie kürzlich unter anderem in den Ausgaben: 42/2013, S. 44 ff und 45/2013,  S. 48 ff etwas lesen.

•    http://www.bauernzeitung.de/junges-land/betriebsfuehrung/nachfolger-bitte-uebernehmen/
•    www.bauernzeitung.de/junges-land/betriebsfuehrung/platz-da-jetzt-kommen-die-nachfolger/

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