Miteinander zum Beruf

09.07.2014

© Sabine Rübensaat

Die Azubis mit Ausbildern und Geschäftsführer der Fürstenwalder Agrarprodukte GmbH. (v. l.) Kenneth Fiedler, Benjamin Meise, Ronny Kaczmarek, Doreen Albert, Vivian Klaus.

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Am Tisch sitzt ein großer, kräftiger junger Kerl, schwarzes T-Shirt, blond, Kurzhaarschnitt und schreibt mit kantiger Schrift auf linierte Seiten. Manchmal hat er Fotos von mächtigen Rindern auf das Papier geklebt. Es ist der Bericht für die Woche im Berichtshefter – zuweilen ein notwendiges Übel für Auszubildende. Für Kenneth Fiedler ist das Beschäftigen mit Lehrinhalten keine so üble Angelegenheit. Der 21-Jährige weiß es zu schätzen, dass und wie er in der Fürstenwalder Agrarprodukte GmbH Buchholz den Beruf Tierwirt lernen kann, sagt er. „Es ist mein zweiter Betrieb für diese Ausbildung, im ersten habe ich mich nur als billige Arbeitskraft gefühlt.“ Kenneth ist einer von sechs Jugendlichen, die einen Ausbildungsvertrag mit dem Landwirtschaftsbetrieb im brandenburgischen Landkreis Oder-Spree unterschrieben haben. Das Unternehmen bildet drei weitere Tierwirte, einen Landwirt und eine Bürokauffrau aus. „Wenn einer von denen über die Ausbildung im Betrieb meckert, dann sage ich nur, seid froh, wie es hier läuft, denn es geht manchem viel, viel schlechter“, sagt der Motocrossfan und betont das durch heftiges Nicken.

Fachkräfte fehlen

GmbH-Geschäftsführer Benjamin Meise braucht dringend gut ausgebildete landwirtschaftliche Fachkräfte. Ihm fehlt schon heute manchmal Personal, zurzeit im Milchviehstall. Weil er dann fehlende Mitarbeiter durch Lehrlinge ersetzen muss, kann er seine hohen Anforderungen an eine gute Lehrausbildung in der Praxis nicht immer erfüllen. Lehre heißt für den 33-Jährigen Betriebsleiter, der die Geschäfte des Unternehmens vor drei Jahren von seinem Vater übernommen hat, nicht nur Büffeln in Berufsschule und Arbeiten im Betrieb. In der Praxis sollen die Jugendlichen das begreifen, was ihnen in der Schule theoretisch vermittelt wird. Sie sollen die Arbeit eines Facharbeiters schnell übernehmen können, konkret ab dem 2. Lehrjahr. Zudem möchte er den jungen Erwachsenen positive soziale Kompetenzen vermitteln, unter anderem respektvollen Umgang miteinander, Verantwortungsbewusstsein und Pünktlichkeit. Neben Fachwissen ist für ihn die Liebe zur Landwirtschaft, zum Arbeiten in der Natur, mit Tieren, Pflanzen, moderner Technik und unter freiem Himmel, entscheidend. Ob das jemand will und möchte, kann er während der Schule oder danach – etwa während des Studiums –, in einem Praktikum auf dem Betrieb in Buchholz testen.

Im Büro in Steinhöfel bei Fürstenwalde blickt Meise auf den diesjährigen Ausbildungsplan. Für jeden Azubi sind dort die Termine von Schule und Betrieb mit entsprechenden Lehrplanthemen aufgelistet. „Die Zeiten und Themen stehen in der Regel ein Jahr vorher fest, sodass alle damit rechnen können.“

Für Kenneth ging es Anfang Juni um Fütterung und Futterrationsberechnung. Er hatte knapp drei Wochen Zeit, um sich damit im Betrieb zu beschäftigen. „Die Azubis können sich hier anschauen, wie etwas funktioniert und vor den anderen Azubis darüber einen Vortrag halten.“ Für die intensive Beschäftigung mit dem Gelernten hat Meise in Steinhöfel den Ausbildungstag eingerichtet.

Es ist Freitag, einer dieser Ausbildungstage, Berichtshefter schreiben, Vortrag halten. Für die Auszubildenden ist es der Tag ohne Arbeit im Stall oder auf dem Feld, ohne Arbeitsklamotten und Gummistiefel, aber mit Stift, Taschenrechner und liniertem Schreibpapier miteinander im Aufenthaltsraum arbeiten.

„So ein Vortrag vor den Anderen ist eine große Herausforderung“, gesteht der Betriebsleiter. Er fordere das aber ja nicht ohne Grund: „Es ist für alle die Wiederholung des Gelernten und erhöht die Lerneffizienz, außerdem üben sie, sich zu artikulieren. Schließlich sind die Abschlussprüfungen schriftlich und mündlich.“ Er erzählt das Beispiel eines Jugendlichen mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. Dieser junge Mann konnte bei der Prüfung klar durch seine mündliche Leistung punkten und absolvierte sie erfolgreich.

An diesem Freitag füllt Kenneth sein Berichtsheft im Gemeinschaftsraum des Agrarbetriebes ohne Azubi-Kollegen aus. Ausbilderin Doreen Albert schaut ihm ab und zu über die Schulter. Doch auch sie hat heute wenig Zeit, da sie den Anlagenleiter der Milchviehanlage, der Urlaub hat, vertritt. Die 26-Jährige kam vor vier Jahren in den Betrieb.

Vertretung nötig

Die Auszubildende Vivien Klaus ist diesen Freitag im Melkstand. Weil ein Mitarbeiter krank ist, musste sie kurzfristig einspringen. Vivien melkt gerne. Die 19-Jährige hat das erste Lehrjahr fast hinter sich und ist sich sicher, dass das der richtige Beruf für sie ist. Die kess geschnittenen kurzen blonden Haare mit dem Kuhfleckenmuster an den knapp rasierten Seiten sind ein Indiz für ihre tierische Leidenschaft. Das Berichtsheft muss sie später aktualisieren. „In der Schule ist sie fit“, sagt Doreen Albert auf dem Hof, und klopft der jungen Frau auf die Schulter. Die genießt die vertrauensvolle Geste. Dass sie heute keinen Ausbildungstag hat, gefällt Albert aber nicht.

„Die anderen Azubis haben in dieser Woche Schule, zwei sind krank. Es klappt nicht immer, dass alle Lehrlinge der Agrar-GmbH an einem Ausbildungsfreitag zusammen im Betrieb sind“, sagt Betriebsleiter Meise. Er erkundigt sich bei Ronny Kaczmarek über den Stand der Silierung. Derzeit wird auf dem Hofgelände Grassilage in Schläuche gepresst. Der 33-Jährige ist Ausbilder und für den Bereich Pflanzenproduktion verantwortlich.

„Zugegeben, ich war erst nicht darüber erfreut, dass die Zeitung mit mir reden will“, erzählt Kenneth. „Aber wenn ich vergleiche, wie man sich hier um uns kümmert und wie es manchen in anderen Betrieben geht, dann geht es uns doch wirklich gut“, findet der Tierwirt-Azubi. „Dass man zurzeit einen personellen Engpass hat, na gut, dass kann sich die Obrigkeit auch nicht aussuchen.“ Der Kugelschreiber kreist zwischen seinen Fingern. „Beispielsweise bei der überbetrieblichen Ausbildung wird dafür gesorgt, dass wir das Fahrgeld zurückerstattet bekommen. In meiner Klasse gibt es welche, die haben das nicht so gut. Das Gehalt, das wir hier kriegen, damit können wir auch zufrieden sein“, sagt der junge Mann. In den Ausbildungsverträgen hält sich die Agrarprodukte GmbH an den Tarifvertrag für landwirtschaftliche Betriebe. „Außerdem bekommen die Azubis Zuschläge für gute Noten in den Prüfungen“, versichert Benjamin Meise.

„Wir unterstützen die Lehrlinge auch beim Erwerben des Führerscheins“, ergänzt Ronny Kaczmarek. Das ist für den Pflanzenbauer ein wichtiger Punkt, denn vielen Jugendlichen fehlt die Fahrerlaubnis für Traktoren, wenn sie die Lehre als Landwirt beginnen. Für die späteren Arbeiten im Betrieb ist sie jedoch unabdingbar.

Im Netzwerk geborgen

Wer heute gute landwirtschaftliche Facharbeiter nachhaltig ausbilden will, schafft das nicht alleine. Deshalb ist die Fürstenwalder Agrarprodukte GmbH vor gut zwei Jahren Mitglied im Ausbildungsnetzwerk Landwirtschaft „Oder-Spree“ des Kreisbauernbauernverbandes „Oder-Spree“ e. V. für die Berufe Landwirt und Tierwirt geworden. Dort ist die Koordinatorin Raja Beierlein beschäftigt. Sie kümmert sich bei den 17 Netzwerkbetrieben intensiv um insgesamt 33 Auszubildende.

Selbst wenn Betriebe Mitarbeiter mit einer Ausbildungsberechtigung haben, können diese selten alle Aufgaben hundertprozentig so erfüllen, wie sie für eine wirklich gute Lehre erforderlich ist. Allein personelle Engpässe wie in Steinhöfel zeigen, wo trotz engagierter Betriebe und qualifizierter Ausbilder die Grenzen liegen. Raja Beierlein ist Diplom-Agraringenieurin und sitzt in der Prüfungskommission, weiß also, was von den Azubis gefordert wird. Was Land- und Tierwirte wissen müssen, vermittelt sie, wenn sie in den Betrieben mit den Jugendlichen den Lehrstoff durchgeht. Sie hilft ihnen beispielsweise Herbarien mit 30 verschiedenen Pflanzen anzulegen. Das ist in der Ausbildung eine Besonderheit, die sich das Ausbildungsnetzwerk zusätzlich zu den gesetzlichen Lehrplanvorgaben vorgenommen hat. Natürlich hilft Beierlein bei Bedarf, die Berichtshefte zu führen. Die Koordinatorin unternimmt mit den Azubis zudem Lehrausflüge, letztens in die Gläserne Molkerei in Münchehofe. Dort konnten sich die Jugendlichen den Weg der in den Betrieben gemolkenen Milch bis zur Verarbeitung ansehen. Besonders erfolgreich war bisher die Prüfungsvorbereitung. Seit die 53-Jährige ihre Schäflein so intensiv betreut, fiel keines durch die Zwischen- und Abschlussprüfung, freute sich der Kreisbauernverband (KBV) Oder-Spree im April, als er alle Betriebe des Ausbildungsnetzwerkes zwei Jahre nach dem Start zur Zwischenbilanz eingeladen hatte. Bei der Gesprächsrunde kam auf den Tisch, dass im OSZ Seelow bislang zu viele Stunden ohne Ersatz oder Beschäftigung ausgefallen sind. Die Betriebe seien deshalb mit den theoretischen Kenntnissen der Azubis nicht zufrieden. Sehr zufrieden waren die Netzwerker dagegen mit den Ergebnissen ihres Projektes und mit der Arbeit der Koordinatorin Frau Beierlein, schrieb der KBV im Internet.

Hilfe weiter erhofft

Die Geschäftsführerin des KBV Oder-Spree Ruth Ulbrich kümmert sich um die Finanzen des Projektes. „Das Ausbildungsnetzwerk wird seit 2012 durch die Projektförderung der LASA (Landesagentur für Struktur und Arbeit Brandenburg GmbH) finanziert.“ Nachdem im ersten Jahr 90 % der Kosten übernommen wurden, sind es im zweiten und dritten Jahr nur noch 70 %. Es fallen vor allem Personalaufwand für die Koordinatorin, Reisekosten und Material an. 30 % der Kosten tragen nun die Mitgliedsbetriebe selbst, das sind derzeit 15 € pro Azubi und Monat. „Am 31. Dezember läuft die LASA-Förderung aus, ob sie fortgeführt wird, ist ungewiss. Die Netzwerkbetriebe mit ihren derzeit 33 Auszubildenden hoffen auf die Fortführung“, sagt Ulbrich.

Betriebliche Ausbildungskräfte bekommen durch ein solches Netzwerk fachkundige Unterstützung. Der finanzielle und personelle Aufwand für den Ausbildungsbetrieb ist hoch. Doch ob der ausgebildete Facharbeiter später tatsächlich der richtige ist und ob er im Betrieb bleibt, kann man beim Ausbildungsstart nicht wissen. Betriebe, die zudem über ihren Bedarf hinaus ausbilden, können sich zwar die besten Facharbeiter sichern, sie tragen aber auch die Kosten der Auszubildenden, die nicht bleiben. Ungerecht findet das nicht nur Benjamin Meise. Zudem scheint es viel zu kurz gedacht, die Ausbildung wenigen engagierten Betrieben zu überlassen. Wenn die Ausbildung für junge Menschen und für Landwirtschaftsbetriebe so unattraktiv ist, wird es immer weniger Interessenten für landwirtschaftliche Berufe geben. Damit nehmen die personellen Engpässe zu.

Benjamin Meise hat sich deshalb über ein Modell für die Ausbildung Gedanken gemacht. Er schlägt vor, die Ausbildung zu intensivieren und in Ausbildungsspezialbetrieben zu konzentrieren. Meise vergleicht es mit der externen Jungviehaufzucht in einem Aufzuchtspezialbetrieb, wie es sein Unternehmen praktiziert. So können Unternehmen ihre freien Ressourcen (Mitarbeiter, Zeit, Geld, Gebäude) auf die Milchproduktion konzentrieren und die aufgezogenen Färsen von den Vertragspartnern oder am Markt später zurückkaufen. „Der Preis einer Färse wird in der Regel anhand konkreter Leistungskriterien bestimmt. Analog könnte eine vielleicht zertifizierte Ausbildung funktionieren.“ Der Betriebsleiter stellt sich das konkret so vor: „Ausbildungsspezialbetriebe bilden über ihren Bedarf hinweg aus. Für jeden fertigen Facharbeiter, der nicht übernommen wird, gibt es je nach Abschlussnote eine Ausbildungsprämie (z. B. 40 000 € für die Note 1; 30 000 € für die Note 2; 20 000 € für die Note 3 und 10 000 € für die Note 4). Dieses Geld könnte (evtl. subventioniert) direkt vom übernehmenden Betrieb bzw. indirekt über einen Personalvermittler gezahlt werden, der sich das Geld als Provision bei einer späteren Vermittlung zurückholt.“

Spezialbetriebe schaffen

Die Vorteile sieht Meise in einem messbaren Nutzen hinsichtlich Anzahl und Qualität der Azubis für das eingesetzte Geld und er erwartet zudem Skaleneffekte im Marketing und in der Ausbildungsqualität. Schließlich müssen dann nicht alle Betriebe den personellen und materiellen Aufwand betreiben, um beispielsweise auf Messen aktiv zu sein, Meister zu beschäftigen (Voraussetzung für einen Ausbildungsbetrieb) oder für Azubiunterkünfte zu sorgen. Mithilfe solcher Betriebe könnten die Ressourcen der bestehenden Ausbildungsbetriebe genutzt werden. Diese könnten daraus sogar einen gewinnorientierten Betriebszweig machen und investieren (höhere Ausbildungsvergütungen, Seminarräume, Anschauungsmaterial, Marketingmaßnahmen etc.), was die Ausbildung für Lehrende und Lernende attraktiver macht. Durch die Ausbildung in anderen Betrieben als dem Anstellungsbetrieb sieht Geschäftsführer Meise einen höheren Fachwissenstransfer innerhalb der Branche.Kaum noch betrieblich auszubilden, weil Finanzen und personelle Ressourcen fehlen, ist wohl keine Lösung für eine Branche, in der die Praxis eine wichtige Grundlage der Arbeit ist. Der Fachkräftemangel in einigen Regionen zeigt bereits, was passiert, wenn nicht bald vonseiten der Politik gehandelt wird. Doch Betriebe können auch selbst etwas tun. Deshalb ist es sinnvoll, bei der Lehre zu kooperieren. Ausbildungsnetzwerke, wie das des Kreisbauernverbandes Oder-Spree, sind eine gute Möglichkeit dafür.Vivien Klaus macht den Fischgrätenmelkstand sauber und Kenneth Fiedler klappt den Berichtshefter zu. Für beide ist bald Feierabend. Doreen Albert, die neben dem Job ihre Meisterausbildung macht, und Ronny Kaczmarek haben noch zu tun. Benjamin Meise überlegt, wie er seine Auftritte auf den Ausbildungsmessen effektiver gestalten kann und bespricht den Ausflug einer Schulklasse, die sich den Buchholzer Milchviehbetrieb in der Praxis ansehen will. Dann gehts wieder ums pure Agrargeschäft.

 

Betriebsspiegel
Fürstenwalder Agrarprodukte GmbH Buchholz
Tierhaltung: 720 Milchkühe
Pflanzenproduktion: 2 250 ha LN
Personal: 30 Mitarbeiter ständig beschäftigt, z. Z. 6 Auszubildende in landwirtschaftlichen und kaufmännischen Berufen
Kooperationen: Die anfallende Rindergülle und der Stallmist aus der Milchproduktion werden in der 500-kW-Biogasanlage der Buchholzer BioEnergie GmbH verstromt. Die Fürstenwalder Vieh- und Fleisch GmbH Briesen zieht die 470 Jungrinder für die Milchviehanlage auf.

 

Das Ausbildungsnetzwerk
Derzeit gehören 17 landwirtschaftliche Ausbildungsbetriebe dem Netzwerk an. Es wird seit 2012 durch die Projektförderung der LASA (Landesagentur für Struktur und  Arbeit Brandenburg GmbH) finanziert. Die Koordinatorin Raja Beierlein unterstützt die Ausbildungsbetriebe intensiv vor Ort. Nachdem im ersten Jahr 90 % des Aufwandes von der LASA übernommen wurden, sind es im zweiten und dritten Jahr 70 %. Den Rest tragen die Mitgliedsbetriebe selbst, das sind derzeit 15 € pro Azubi und Monat. Am 31. Dezember läuft die Förderung aus, ob sie fortgeführt wird ist ungewiss. Die Netzwerkbetriebe mit ihren derzeit 33 Auszubildenden hoffen auf die Fortführung.

 

 

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