Mit Zwanzig wird man erwachsen

08.08.2013

© Sabine Rübensaat

Am Ende war es reines Bauchgefühl. Zwei Betriebe von fünf waren übrig geblieben, doch nur auf einem konnte der junge Land- und Baumaschinenmechaniker anfangen. Ob es nun der Familienbetrieb war oder aber die Tatsache, dass es keine gelben Felgen auf dem Hof von Landwirt und Lohnunternehmer Wolfgang Knie gibt, lässt sich nicht mehr genau sagen. „Das Gesamtpaket hat einfach gepasst“, meint Ricardo Boldt aus Wolfshagen, dem letzten Dorf der Uckermark auf dem Weg nach Mecklenburg-Vorpommern. Seit dem 1. März arbeitet er nun schon auf dem Betrieb von ­Familie Knie. Wer aber denkt, dass Ricardo seine Tage im ­Dunkel der Werkstatt fristet, liegt daneben.

Raus aufs Feld

Die meiste Zeit des Tages ist er nämlich auf dem Acker zu finden. Er arbeitet ganz bewusst als Landwirt und nicht als Schlosser. Diesen Schritt hat er sich reiflich überlegt und zielstrebig darauf hingearbeitet. „So zwischen dem zweiten und dritten Lehrjahr kam mir der Gedanke, aus der Werkstatt zum Bauern zu wechseln“, meint Ricardo Boldt. „Als Schlosser musst du immer die Schäden von anderen reparieren und kommst nicht so richtig raus.“ Die Arbeit auf einem Landwirtschaftsbetrieb mit Lohnunternehmen hält da viel mehr Überraschungen bereit. Sicherlich wird auch auf dem Betrieb von Familie Knie geschraubt, aber in erster Linie geht es darum, die großen Maschinen verantwortungsvoll auf dem Acker zu bewegen, egal ob auf den eigenen oder den Flächen von Lohnkunden. Also hat er sich gegen Ende seiner Lehre mit dem Jobcenter in Verbindung gesetzt und sich arbeitsuchend gemeldet. Da er sehr genaue Vorstellungen von seinem „Wunschbetrieb“ und der dazugehörigen Region hatte, bekam er sehr schnell eine Liste mit Betrieben, die Nachwuchs suchen.

„Da kamen Anrufe aus ganz Deutschland“, meint Wolfgang Knie. „Aus Baden-Württemberg, aus Nordrhein-Westfalen und von sonst wo. Wir hatten bestimmt fünfzig oder mehr Anrufe, nachdem wir beim Jobcenter unser Stellenangebot abgegeben hatten.“ Seine Frau Elke ergänzt: „Wirklich ernsthafte Bewerbungen sind am Ende aber nur vier bei uns gelandet. Und davon waren auch wieder nur zwei, die infrage kamen.“

Elke und Wolfgang Knie sind mit Leib und Seele der Landwirtschaft verbunden. Begonnen hat alles am 18. März 1993. Das war der Tag, an dem das Ehepaar den eigenen Landwirtschaftsbetrieb anmeldete. „Ich hab vorher schon immer im Nebenerwerb gewirtschaftet, und als ich dann das zweite Mal in kurzer Zeit arbeitslos wurde, habe ich beschlossen, nur noch auf eigene Rechnung zu arbeiten“, meint der 54-Jährige. „Mit hundertachzig Hektar haben wir angefangen damals“, ergänzt er. Daraus sind heute 460 ha Fläche geworden.

 

Doch das findige Ehepaar hat schon beizeiten realisiert, dass es sich lohnt, mehrere Standbeine zu haben. Schon 1994 wurden auf dem Hof die ersten Fremdenzimmer ausgebaut. 1996 dann, wurde ein eigenes Lohnunternehmen gegründet. Elke Knie dazu: „Das hat sich im Prinzip von allein ergeben. Wir hatten unsere Maschinen und haben hier und da ausgeholfen. Da man als Landwirtschaftsbetrieb aber nur einen sehr geringen Teil seiner Einkünfte aus Lohnarbeit erzielen darf, waren wir praktisch gezwungen, das Lohnunternehmen zu gründen. Arbeit war ja reichlich vorhanden.“

 

 

 

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Fast das ganze Jahr über sind die Familie und ihre Mitarbeiter emsig zugange. Leben und Arbeit gehen Hand in Hand. Jens Finke zum Beispiel ist Mitarbeiter der ersten Stunde. „Ich bin seit 1994 im Betrieb. Nach einigem Hin und Her gleich nach der Wende und meiner Bundeswehrzeit habe ich bei Wolfgang angefangen.“ Der lacht und meint dazu: „Jens gehört schon zum Inventar, solange wie er schon mit uns arbeitet!“

 

 

„Alles war dabei“

Diese Zeit war nicht immer rosig. Elke und Wolfgang erzählen, dass in den zwanzig Jahren wirklich alles dabei war. „Da hast du dann ein paar trockene Jahre in Folge und schon kann es finanziell eng werden. Den Banken ist das reichlich egal, ob die Ernte gut war oder nicht. Die wollen immer ihr Geld.“ Doch es ging nicht nur auf und nieder, sondern auch immer weiter mit dem Betrieb. Zur Freude der Eltern arbeitet Tochter Andrea inzwischen voll auf dem Betrieb mit. Die 26-Jährige sei das „Mädchen für alles“, meinen ihre Eltern. Egal, ob es um den Papierkrieg am heimischen Schreibtisch oder das Steine sammeln auf dem Acker geht. Andrea ist sich für keine Arbeit zu schade.

 

Dasselbe gilt auch für Ricardo Boldt. Momentan verbringt er seine Tage mit dem Ausbringen von Gärresten auf dem Maisland. Vierzig Kubikmeter sollen auf jedem Hektar landen. Nach und nach soll er alle Maschinen des Betriebes kennen und fahren lernen. Er sagt: „Ich muss noch eine Menge lernen. Schließlich soll ich ja auch bei Lohnkunden arbeiten. Und spätestens da muss dann jeder Handgriff sitzen.“ Verblüfft ist er immer wieder, wie genau sein Chef Wolfgang Knie einschätzen kann, wie lange er auf welchem Schlag braucht. „Dabei sieht er mich tagsüber nur aus der Ferne und weiß trotzdem immer genau, wie viele Fässer ich noch auf einer Fläche auszubringen habe.“ Auf jeden Fall wird er sich anstrengen, um spätestens zur Getreideernte so weit zu sein, dass er alleine bei Lohnkunden arbeiten kann. Schließlich lockt einer von drei Mähdreschern, die zu besetzen sind.

 

 

Sofern es die Zeit und die Arbeit zulässt, werden sich alle auf dem Hof Knie in diesen Tagen an die vielen verschiedenen Erlebnisse der vergangenen zwanzig Jahre und sicher auch an die Menschen erinnern, die ein Stück des eigenen Weges mitgegangen sind. Doch für Wolfgang und Elke Knie ist es nur der Abschluss einer Etappe. Sie wissen, dass die kommenden zwanzig Jahre mindestens genauso viel Aufmerksamkeit verdienen, wie die vergangenen.

Zwanzig Jahre ist der Betrieb alt. Genauso alt wie ihr jüngster Mitarbeiter Ricardo Boldt.

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