Mit neuen Zielen weiter wachsen

10.01.2014

© Sabine Rübensaat

Maria Oberbach, DomenicSchmid und Anja Rößler absovieren derzeit ihre Tierwirtausbildung in der Agrargenossenschaft Oberland Bernsgrün (v. l.).

Wer in die Jugend investiert, plant für die Zukunft. Was am Anfang vielleicht wie eine zusätzliche Belastung aussieht, zahlt sich später jedoch doppelt und dreifach aus. Gerade heute sind Auszubildene in der Tierhaltung gefragter denn je. Viele landwirtschaftliche Unternehmen suchen bereits händeringend Nachwuchs, denn ihnen stehen der Generationswechsel aber keine jungen Leute ins Haus. Der Agrargenossenschaft Oberland Bernsgrün eG stellt sich dieses Problem nicht, denn sie bildet seit 1996 kontinuierlich  ihre eigenen neuen Mitarbeiter aus.

Engagement ist gefragt

Schon vor 17 Jahren hat Andreas Höfer, Vorstandsvorsitzender der Agrargenossenschaft im Thüringer Vogtland und Produktionsleiter für die Schweinehaltung, beschlossen, nichts dem Zufall zu überlassen, auch nicht den Generationswechsel im Betrieb. Seither wurden jeweils ein Tierwirt im Schweine- bzw. Rinderbereich pro Jahr aufgenommen und ausgebildet. Eine Besonderheit gibt es dabei noch: Die Lehrlinge kommen nicht vorwiegend aus dem direkten Umfeld der Genossenschaft, sondern oftmals aus anderen Bundesländern. Häufig sind es agrarfremde Quereinsteiger, die ihre Liebe zur Landwirtschaft zufällig oder über besondere Umstände nach Bernsgrün gefunden haben. „Doch das habe keine Nachteile“ stellt Höfer fest, „denn der Lehrling selber ist das Maß, wie die Ausbildung verläuft und mit welchem Erfolg sie zu Ende geführt wird.“

Zusammen mit Werner Müller, Ausbilder und Produktionsleiter Rind, werden die Azubis behutsam aber bestimmt an die verantwortungsvollen Arbeiten mit den Tieren herangeführt. Am Anfang der Ausbildungszeit „laufen“ die Lehrlinge erstmal bei den Chefs mit, um Einblicke in alle anfallenden Arbeiten und Betriebsabläufe zu bekommen. Auch wenn noch keine landwirtschaftlichen Vorkenntnisse vorhanden sind. „Die Ausbildung steht und fällt mit dem Engagement und der Selbstständigkeit der jungen Leute“, so Höfer. Je mehr sich diese Fähigkeiten beweisen, desto größer werden die Aufgabenbereiche für sie. 25 Jugendliche haben bisher die Lehre in Bernsgrün erfolgreich abgeschlossen, wobei sieben davon einen Meisterabschluss bzw. die Fachschulfortbildung zum staatlich geprüften Agrarwirt in Stadtroda angeschlossen haben. Das ist eine Voraussetzung, wenn die mittlere Leitungsebene in Agrarbetrieben angestrebt wird. Für diesen Weg haben sich auch Philipp Franz (23 Jahre) und Franziska Urban (27 Jahre) entschieden
(S. 39 o.).

Philipp wollte eigentlich mal Tierpfleger im Zoo werden, doch mit dem Ausbildungsplatz sollte es nicht so recht klappen. Aus der Not heraus, denn das Ausbildungjahr hatte bereits begonnen, bewarb er sich auf eine landwirtschaftliche Lehre in Bernsgrün. Als Nachzügler hatte er Glück und seine guten schulischen Leistungen überzeugten Höfer, ihn postwendend aufzunehmen. Das Gespür für gute Kräfte sollte sich bestätigen, denn nach der Lehre schloss Philipp sofort die Fachschule an und konnte noch 2013 als Zweitbester des Jahrganges abschließen. Seit August leitet er bereits die Rinderproduktion des Kooperationsbetriebes Hohendorf. Die Fachschule wurde in vier Winterhalbjahren bewältigt. Die geforderte Projektarbeit des Fachschulstudiums konnte er mit einem Praxisbeispiel in Bernsgrün umsetzen. Er plante den Bau einer Biogasanlage für den Betrieb. Ob diese 2014 wirklich gebaut werden kann, hängt derzeit eher von den politischen Rahmenbedingungen, als von seinen Planungen ab.

Erfahrungen werden aber nicht nur in den einheimischen Betrieben gesammelt. Dafür organisiert die Fachschule in Stadtroda interessante Betriebsexkursionen, auch ins Ausland wie der Schweiz und Frankreich. Dass diese bei den jungen Leuten auf viel Begeisterung treffen, versteht sich fast von selbst. Der überragende Schulabschluss Philipps bewog die Agrargenossenschaft, ihn zusätzlich auszuzeichnen. So bekommt er einen finanziellen Zuschuss für eine Züchterreise nach Kanada, wo er im Frühjahr wieder viele neue Eindrücke sammeln kann.

Die Richtung gewechselt

Eigentlich sah der Weg für Franziska anfangs ganz anders aus, ein Studium der Werkstoffwissenschaften sollte es nach dem Abitur werden. Doch mit der Materie nicht ganz glücklich, entschied sie sich für ihre Vorliebe: Eine Arbeit mit Tieren. Die Ausbildung viel nicht schwer und so konnte Franziska die Lehre zum Tierwirt in Bernsgrün mit „sehr gut“ abschließen. Danach wurde ebenfalls ein Fachschulstudium angehängt. Genau wie Philipp wird sie vier Winterhalbjahre dort lernen, bevor sie die Leitung der Schweineproduktion im Betrieb übernimmt. Obwohl die Lehrlinge in ihrer Ausbildung in der Agrargenossenschaft nicht nur auf eine Tierart spezialisiert werden, waren letztendlich die günstigeren Arbeitszeiten in der Schweineanlage für diese Wahl ausschlaggebend.

Zurzeit sind in Bernsgrün drei Lehrlinge in der Tierproduktion beschäftigt (S. 38 o.), allen ist ein Faible für Tiere gemein. Anja Rößler begann zwar im August 2012 mit 17 Jahren ihre Ausbildung in einem anderen Landwirtschaftsbetrieb, wechselte im Oktober aber hierher, um mit den Schweinen arbeiten zu können. Domenic Schmid, erst 16 Jahre alt, fing 2013 seine Lehre im Betrieb an. Er wohnt als einziger im Ort und sein Herz schlägt für die Milchkühe. Maria Oberbach ist mit 20 Jahren die älteste der Azubis und kümmert sich neben Arbeit und Schule noch um ihren dreijährigen Sohn. Mit Kind einen Ausbildungsplatz zu bekommen, ist nicht einfach, aber mit Hilfe und Verständnis eines Betriebes durchaus zu schaffen. So hat sich Höfer als erstes für einen Kindergartenplatz vor Ort eingesetzt, um die Betreuung des Kindes abzusichern und Maria damit den Freiraum für ihre Lehrzeit zu geben. Für ihn haben junge Eltern eine Chance verdient, zumal sie sich oft durch verantwortungsbewußteres Handeln gegenüber gleichaltrigen hervorheben.

Erfolg zeichnet aus

In Arnsgrün stellt die Agrargenossenschaft vier Lehrlingswohnungen zur Verfügung, eine davon hat Anja bezogen. Hier kann sie dicht und preiswert in der Nähe ihrer Ausbildungstätte wohnen. Die Berufsschule liegt über 100 km vom Betrieb entfernt, sodass die jungen Leute während dieser Zeit in dem dort ansässigen Internat wohnen.

Beide Produktionsleiter, An-dreas Höfer und Werner Müller, haben ihre Ausbildereignung in den Neunziger Jahren bekommen. Müller arbeitet im Prüfungsausschuß Rind und nimmt Lehrlingen den praktischen Teil der Prüfungen auf den Betrieben ab. Höfer sitzt als Prüfer ebenfalls im Ausschuß, allerdings für den Schweinebereich. Kein Wunder also, dass die Agrargenossenschaft Oberland Bernsgrün schon dreimal – 2006, 2011 und 2012 – vom Thüringischen Landwirtschaftsministerium als einer der erfolgreichsten Ausbildungsbetriebe des Landes ausgezeichnet wurde.

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