Mehr als nur Arbeit

16.09.2014

© Heike Mildner

Das „Zwiebelexperiment“ nennt Hans-Joachim Lutze einen Versuch, in größerem Stil Biozwiebeln anzubauen.

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Es ist Freitag, der letzte Tag der Arbeitswoche. Die Hohenwiedener versammeln sich zur Wochenfeier. Es ist neun Uhr. Etwa 80 Männer und Frauen stehen entlang den Saalwänden im Dorfgemeinschaftshaus. In der Mitte brennt eine dicke Kerze. 32 der Versammelten wohnen in einer der vier Hausgemeinschaften, in denen je acht Betreute mit einem Betreuerpaar leben. Andere leben in Grimmen – in einer betreuten Wohngemeinschaft oder völlig selbstständig und fahren nur zum Arbeiten nach Hohenwieden. Bei der Wochenfeier erzählen Vertreter der Hausgemeinschaften und der neun Arbeitsbereiche, was in der vergangenen Woche bei ihnen los war. Einer berichtet vom Pferderennen am vergangenen Wochenende, bei dem „seine“ Nummer Neun gewonnen hat. Ein Gast von der SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth in Unterfranken, der hier zwei Wochen Urlaub macht, und ein neuer Bewohner aus Sachsen stellen sich vor. Die Textilwerkstatt hat ein Erinnerungsbild für Carolin gewebt. Die Praktikantin, die dieser Tage verabschiedet wird, war beliebt: „Es war eine schöne Zeit mit dir“, sagt eine Frau traurig. Ein Kommen und Gehen, auch hier.

Wer betreut wird und wer Betreuer ist, lässt sich an der Sprache und den Formulierungen unterscheiden. Unvoreingenommene Freundlichkeit und offene Herzlichkeit scheinen jedoch Eigenschaften zu sein, die alle in dieser Runde teilen. Die Fragerunde geht weiter. Was gab es noch? In der Küche bereitete man in dieser Woche neben den üblichen Mahlzeiten Basilikumpesto für den Hofladen zu. In der Holzwerkstatt wurde am Auffüllen des Sortiments für die anstehenden Märkte gearbeitet, die Dorfmeisterei hatte mit Reparaturen im Kindergarten zu tun, den der SOS-Kinderdorfverein in Grimmen betreibt, die Hauswirtschafter bereiten sich auf den Umzug einiger Büros vor, und in der Landwirtschaft stehen Kartoffel- und Zwiebel-ernte auf dem Programm. Am Ende gibt es einen Geburtstagskanon für Rosi aus der Käserei. „Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen ...“ Rituale sind wichtig, geben dem Leben einen Rhythmus vor und takten die Zeit. Das ist hier, wo nicht alle Uhr und Kalender verstehen, besonders wichtig.

Ein anderer Taktgeber sind die Tiere: Eber und Sau mit Aufmast, eine Schar Gänse und besonders die 16 altdeutschen Schwarzbunten und ihre Nachzucht. Die Milch – 140 bis 150 Liter täglich – wird in der dorfeigenen Käserei zu Hohenwiedener Skör-Topfen, einer prämierten Weichkäsespezialität, sowie zu Hart- und Schnittkäse verarbeitet und teils im eigenen Hofladen verkauft. Abnehmer ist zudem die gläserne Meierei in der Nähe von Ratzeburg.

Im Kuhstall, der wie viele Gebäude in Hohenwieden mit viel Holz gebaut wurde, lümmeln momentan nur zwei Kälbchen im Stroh. Die ältere Nachzucht – darunter ein freundlicher junger Ochse – steht im Außenbereich und frisst Heu. Die Milchkühe und die beiden Ammenkühe für die Kälber wurden wie jeden Tag um halb sieben versorgt und auf die knapp einen Kilometer vom Stall entfernte Weide gebracht. Ihre Namen stehen mit Kreide über ihren Plätzen im Stall. Im nächsten Jahr soll von Anbinde- auf Laufstallhaltung umgestellt und der Stall entsprechend umgebaut und erweitert werden. Ein großer Schritt für die kleine Dorfgemeinschaft, und Hans-Joachim Lutze, der den Landwirtschaftsbereich in Hohenwieden leitet und der BauernZeitung den Hof zeigt, freut sich sehr über diese Entscheidung des SOS-Kinderdorfvereins. „Anbindehaltung lässt sich den Besuchern, die sehr zahlreich nach Hohenwieden kommen, nicht mehr vermitteln“, begründet er. Der neue Stall wird auch für die, die hier arbeiten, eine Umstellung. Schon jetzt ist der Umgang mit den großen Tieren eine Herausforderung. Besonders für die jungen Leute, die von einer Förderschule nach Hohenwieden kommen und im Landwirtschaftsbereich erste Erfahrungen sammeln.

Die Tiere sind nicht nur Rhythmusgeber für 365 Tage im Jahr, sondern auch eine große Motivation. „Zweimal am Tag steht die Kuh auf der Matte, egal ob wochentags, Ostern oder Weihnachten“, sagt Lutze. Er hat in den sieben Jahren, die er hier arbeitet, immer wieder beobachtet, wie sich zwischen den Tieren und ihren Betreuern ein Vertrauensverhältnis entwickelt, das für beide Seiten, besonders aber für die zwölf betreuten Mitarbeiter im Landwirtschaftsbereich von großem Wert ist. Denn mit dem Vertrauen wächst auch deren Selbstvertrauen, und das ist gar nicht hoch genug zu schätzen. „Es ist beispielsweise ein Unterschied, ob ich die Kühe von der Weide holen muss oder ich rufe sie und sie kommen! Das ist toll für die Betreuten! Sie müssen auch mutig sein, wenn sie sich zum Melken unter die Kuh begeben. Dann merken sie, dass sie ihnen gar nichts tut. Oder wenn sie doch einmal ausschlägt, dann, weil sie eine Fliege vertreiben will. Und wenn die Kuh so weit ist, dass sie nicht nach der Fliege schlägt, solange sie gemolken wird, sind das sehr schöne Momente für den, der mit ihr arbeitet und ihr Vertrauen genießt“, erzählt der Landwirt.

Auch im Ackerbau können Menschen mit Lern- und Denkbeeinträchtigung die Erfolge ihrer Arbeit erleben. Vor ein paar Wochen übergab Frank Meißler von Globus Rostock-Rog­gentin den Hohenwiedenern eine durch die Globusstiftung finanzierte Kartoffelsortier- und Abpackanlage, die die Demeter-Richtlinien einhält, möglichst viel Handarbeit zulässt und eine vollautomatische Waage hat. „Es gibt beispielsweise bei uns keine Großkistenentleerung“, erläutert Hans-Joachim Lutze. „Wir arbeiten mit einem alten Roder und kleinen Kisten. Die Arbeitsgänge sind bewusst so gestaltet, dass sich viele Leute mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten einbringen können. Manche können keine Zahlen lesen, daher die vollautomatische Waage, die mit Lichtsignalen arbeitet.“ Ziel sei es, für möglichst jeden ein Tätigkeitsfeld zu schaffen, in dem er sich entwickeln kann, Erfahrungen sammelt und sein Selbstbewusstsein gestärkt wird. „Wenn die Biokartoffeln der Sorten Solist und Linda im Globus-Warenhaus an exponierter Stelle ausliegen, macht das unsere Leute stolz und es motiviert sie, gut zu arbeiten, auch wenn sie mal ein Tief haben“, hat Lutze beobachtet.

Insgesamt bewirtschaften die Hohenwiedener 49 ha landwirtschaftliche Nutzfläche. 20 ha sind Dauergrünland, auf den übrigen wird neben den Kartoffeln vor allem Futter für die Tiere angebaut. Dort, wo jetzt die Kartoffelsortierung untergebracht ist, standen früher Pferde. Lutzes Vorgänger wollte den Hof ausschließlich mit Pferden bewirtschaften. Ein Weg, der sich auf Dauer als Sackgasse erwies, weil die Arbeit für die betreuten Mitarbeiter zu schwer, die Arbeitsorganisation zu aufwendig war. Pflug, Düngefass und Heuwender für die Pferdebewirtschaftung stehen nun zum Verkauf, die Reittherapie wurde ausgegliedert.

Doch auch moderne Technik ist für den Hohenwiedener Hof keine Alternative. „Wir brauchen keine elektronische Regelhydraulik, sondern Hebel, die gezogen werden. Sowas liefert kaum noch einer“, sagt Lutze. Alle Arbeitsplätze auf dem Hof müssen behindertengerecht sein. Schließlich gehe es nicht  um Beschäftigung, sondern um sinnvolle Tätigkeiten, die in einem Gesamtzusammenhang stehen und wirtschaftlich relevant sind.

Wer neu nach Hohenwieden kommt, ist meist Schulabgänger einer Förderschule und hat Beeinträchtigungen, die verhindern, dass er auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fasst. In der Dorfgemeinschaft arbeitet er zunächst im Berufseingangsbereich. Hier wird ausgelotet, wo Begabungen und Interessen liegen: Holzwerkstatt, Weberei, Käserei ... „Wenn die Entscheidung für einen Bereich gefallen ist, versuchen wir, dass der Betreute seinem Arbeitsplatz treu bleibt. Nicht jeder Tag macht Spaß, aber man muss seinen Platz im Leben finden“, ist Lutze überzeugt. „Auch Landwirtschaft ist nicht immer schön. Aber es ist erstaunlich, wie weit viele mit ihrer Arbeit kommen.“ Drei seiner Betreuten haben sogar einen internen Führerschein und arbeiten mit dem Schlepper.

Inzwischen sind wir auf unserem Hofrundgang auf dem Feld hinter dem Dorf angekommen. Hier werden gerade Zwiebeln geerntet. Die Strünke sind vertrocknet, und Weißklee hat sich breit gemacht. Gespritzt wird nicht. Also gilt es zu improvisieren: Erst mit dem Rasenmäher drüber, dann mit der Misthacke den Boden aufreißen, wo man die Zwiebeln vermutet, und ernten. Ein mühsames Geschäft. Aber wenn die Zwiebeln groß und sauber im Hofladen liegen und gekauft werden, ist es die Mühe wert. „Zu wissen: Alles was ich auf dem Acker mache, hat Auswirkungen. Das Mühen im Sommer mit dem Heu beschert uns im Winter einen vollen Milchtopf; aus den Kuhfladen wird eine mullige, schöne Komposterde, die für kräftige Pflanzen sorgt – das sind Vorgänge, die die Betreuten verstehen, an die sie andocken können.“ Und das ist in Hohenwieden immer noch die wertvollste Ernte.

www.sos-dg-grimmen.de

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