Karolines Gespür für Rinder

08.08.2013

Rüdiger hat einen hellbraunen Teint, schöne, braune Augen mit langen Wimpern und eine besondere Stärke – er wiegt 1,2 Tonnen. Er ist ein echt starker Fleckviehzuchtbulle.

Wenn Karoline Behr, 26 Jahre, 1,57 Meter, ihn ruft, trotten er, Sohn Rudi sowie Zuchtbullenkollege Piet – ein Deutsch Angus – gelassen vom anderen Ende der Weide zu ihrer hübschen Chefin in der leuchtend roten Jacke. Sie hat ihre langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Doch das Aussehen der Herdenmanagerin ist den Bullen egal. Sie finden problemlos den Übergang zur neuen Koppel, den Behr mit Elektrodraht abgezäunt hat.

Karoline Behr ist seit über einem Jahr in der Bio Ranch Zempow für die Rinder verantwortlich. Sie hat hier als Trainee angefangen und sich in der Methode des Low Stress Stockmanship – der stressarmen Rinderhaltung – ausbilden lassen. „Wir haben 350 Rinder, davon etwa 150 Mutterkühe der Rasse Deutsch Angus sowie Anguskreuzungen und bis zu 150 Kälber“, erklärt die Agraringenieurin. Sie hat seit dem 31. August 2011 ihr Studium an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) im Studiengang Ökolandbau und Vermarktung (BSc) abgeschlossen und den Bachelor in der Tasche. Am Folgetag begann ihr Arbeitsvertrag.

Wilhelm Schäkel und seine Frau Swantje bewirtschaften auf 500 Hektar Acker, Grünland und Wald auf sandigen Standorten in Nordbrandenburg und Südmecklenburg einen Familienbetrieb mit sechs Mitarbeitern nach den Richtlinien des Bioanbauverbandes Gäa. Neben Rinderhaltung und Ackerbau vermieten sie auf ihrem Hof am Rand der Mecklenburgischen Seenplatte Ferienhäuser und -wohnungen, vermarkten das Fleisch ihrer Rinder in einem kleinen Hofladen, bieten Seminare und Reiturlaub an.

Täglich ist Karoline Behr auf den Weiden des Betriebes unterwegs. Die Herdenmanagerin kontrolliert die Mutterkuh- und Jungrinderherden: Sind die Tiere gesund, reicht das Futter, sind die Zäune in Ordnung und alle Ohrmarken da, wo sie hinge­hören?

„Ich habe mir mit dem Studium ein halbes Jahr länger Zeit gelassen und währenddessen eine Traineeausbildung als Herdenmanagerin hier in Zempow gemacht“, erzählt die zierliche Frau in der derben, schwarzgrauen Arbeitshose. Die Mutterkühe lässt sie, während sie spricht, nicht aus den Augen.

Ruhe in der Herde

Die Kühe gehen entspannt ihrem Tagwerk nach – sie grasen, käuen wieder, rindern. Rindern? Das nimmt jetzt Behrs Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie rückt ihre Brille zurecht. „Die schwarze Kuh mit dem weißen Kopf da hinten, da muss ich mir mal eben die Ohrnummer aufschreiben. Die ist mir schon mal aufgefallen.“ Die Kuh ist nicht wieder trächtig geworden, und noch ein Jahr wird Karoline sie nicht durchfüttern. Das ist unökonomisch. Sie wird bei der nächsten Gelegenheit zum Schlachten gegeben. Eine andere Kuh hat ihre Ohrmarke verloren. Auch das wird notiert, denn die Marke muss so schnell wie möglich bestellt und neu eingezogen werden. „Dass die Kühe so entspannt sind, liegt daran, dass wir hier nach dem Low-Stress-Stockmanship-Prinzip arbeiten“, erklärt Behr. „Das heißt: stressarm mit Herdentieren umgehen. Dar­um gehe ich zu Fuß über die Weiden, wenn ich sie beobachte. Klar fahr ich auch mit dem Jeep hin, das kennen die Tiere. Wenn wir beispielsweise mit dem Viehhändler kommen, staunt der nur, dass die Tiere liegen bleiben und nicht flüchten. Das kennt der sonst nicht so.“

Karoline Behr hat mittlerweile mehr als ein Jahr mit den Rindern in Zempow gearbeitet. „Inzwischen wurden viele Jungrinder verkauft.“ „Die Jungbullen gingen ganz ruhig auf die Waage“, lobt Wilhelm Schäkel, „und die Gewichte der Absetzer konnten sich sehen lassen!“ Die Anerkennung ihres Chefs freut die junge Frau. Sie ist stolz auf ihre Arbeit.

Der 50-Jährige lässt der Fachhochschulabsolventin viel freie Hand bei ihrer Arbeit. „Das war schon während der Traineezeit nicht anders. So wie man sich anstellt, so viel Verantwortung bekommt man hier“, sagt sie. Für Karoline kam sie manchmal schneller als gedacht. „Das war in Ordnung, ich bin nämlich der Do-it-yourself-Typ.“

Sie erzählt, wie sie überhaupt nach Zempow kam: „Ich wollte nach dem Abitur studieren, ökologische Landwirtschaft, aber keine Berufsausbildung machen“, erzählt das aus Dresden stammende „Stadtkind“. In Eberswalde hat man ihre Arbeitsaufenthalte in Island und Kanada als Praktika anerkannt, so studierte sie dort. „In den drei Jahren haben wir viel gelernt – das weiß ich heute.

Doch als die Studienzeit zu Ende ging, saß ich da und dachte: Was kann ich eigentlich? Ich habe doch ,nur‘ den Bachelor gemacht. Klar hätte ich noch den Master dranhängen können. Doch in welcher Fachrichtung? Dann hat sich das mit den Kühen so entwickelt.“ Wenn Karoline lacht, zeigt sich ein Grübchen am Kinn.

 

Die Pferde sind schuld

Auf dem Hof der Ranch wärmen sich heute Nachmittag ihre Islandpferde in der Herbstsonne den Rücken. Die hatte sie mitgebracht, als sie aus Island zurückkam, wo sie von 2004 bis 2006 auf Pferdehöfen gearbeitet hatte. In Kanada hat Behr weitere vier Monate auf einem Islandpferdehof vieles gelernt.

„Eine ehemalige Kommilitonin von der Hochschule in Eberswalde arbeitete damals hier als Herdenmanagerin. Sie erzählte mir, dass man zur Betreuung der Pferde und zur Unterstützung in der Rinderherde jemanden suchte. Das passte alles gut zusammen, zumal ich meine Bachelorarbeit über Weidemanagement von ökologischen Pferdeweiden geschrieben habe. So ergab es sich, dass ich am 1. März 2011 Trainee auf der Bio Ranch wurde.“

Karoline zeigt auf der Weide, wie praktisch die sternförmig angeordneten Koppeln sind, und macht keinen Hehl daraus, wie cool sie das findet.

„Während der Traineezeit habe ich sehr viel von meiner Vorgängerin gelernt – allein die Arbeitsweise: das Verladen, den Zaunbau, die Zuchtbullen in die Herde bringen ...“ In dieser Zeit war Behr noch an der Fachhochschule immatrikuliert. „Das war ganz praktisch, da ich mich in der Zeit noch als Studentin versichern konnte.“ Die Arbeit als Trainee wird bezahlt. Doch es ist eine Ausbildungszeit und keine Festanstellung.

 

Das Jahreshighlight

 „Ich habe hier das erste Mal mit Rindern gearbeitet. Und heute mache ich das ganz alleine“, sagt sie stolz: „Ich habe hier meine Leidenschaft für Rinder entdeckt.“ Begeistert erzählt sie, dass es viele Parallelen zwischen Pferden und Rindern gibt. „Aber die Arbeit mit den Rindern ist viel interessanter: Nehmen wir das Absetzen und Wiegen. Das ist das Jahreshighlight! Das Ergebnis der Mutterkuhhaltung, das, worauf du das ganze Jahr hinarbeitest! – Mal abgesehen von den Abkalbungen.“

Als die Stelle der Herdenmanagerin im August 2011 frei wurde, war Karoline längst Feuer und Flamme für Mutterkühe, Mastrinder, Rüdiger & Co. „Als Wilhelm und Swantje mich fragten, ob ich die Stelle übernehmen würde, musste ich nicht lange nachdenken. Außerdem haben der Martin und der Fiete Schröder – die sind hier angestellt und machen den Futter- und den Ackerbau, und ich arbeite viel mit den beiden zusammen – gesagt, dass ich bleiben soll. Da wusste ich, die stehen hinter mir, das war ein gutes Gefühl.“

Auf ihrer Kontrolltour hat Behr immer etwas zu tun: „Manchmal ist eine Wasserpumpe aufzubauen und Wasser aus einem Graben in den Trog zu pumpen.“ Die Pumpe ist schwer, Karoline nimmt es sportlich. Auf dieser Weide gibt es eine Brunnentränke. Ein Blick zeigt: Sie ist sauber und funktioniert. Am Weidezauntor misst sie die Spannung, sie ist in Ordnung.

„Mit dem Aufwuchs kommen wir noch bis Montag hin. Das sind hier 70 Mutterkühe, da reicht eine Fläche manchmal für drei Wochen“, erklärt Behr. „Mit den Tieren ist alles in Ordnung.“

Dann geht’s ab in Richtung Stallanlagen. In den Bullenmastställen fehlt bei den jüngeren Tieren Einstreu. „Da gab es wohl ein Kommunikationsproblem“, vermutet die Herdenmanagerin und bespricht das mit dem Auszubildenden, der sich darum kümmern sollte. Die Arbeit mit den Mitarbeitern gehört so selbstverständlich zu ihrem Job wie die Pflege aller Daten der Herde im Computer.

Die Mastbullen und -färsen sind fast alle in den Ausläufen, so kann Behr sehen, ob sie gesund sind und welche der Tiere demnächst zum Viehhändler oder zum Schlachter können. „Langsam kann ich einschätzen, wie schwer sie sind, aber ich wiege sie trotzdem. Das ist besser für die Dokumentation.“ Sie spricht mit den Vertragspartnern die Termine ab und führt die Verhandlungen. „Der Preis entscheidet zwar, aber zuerst liefern wir an unsere Erzeugergemeinschaft Seenland Müritz“, sagt sie konsequent.

Von den Stallanlagen am Dorfrand geht es mit dem Jeep zurück ins Büro auf dem Gelände der Bio Ranch. Zwischen den Ferienhäusern aus Holz tummeln sich die Feriengäste, unter anderem eine Kindergartengruppe aus Berlin. Ein paar Reiter machen sich für einen Ausritt fertig.

Nach einem kleinen Imbiss wird die Dokumentation am Computer vervollständigt. Die Arbeit einer Herdenmanagerin ist doch sehr abwechslungsreich, und sie muss viel wissen. „Das praktische Wissen habe ich von meiner Vorgängerin, von Wilhelm, durch eigene Erfahrungen und durch Selbststudium. Außerdem treffen wir uns regelmäßig unter ehemaligen Kommilitonen und Berufskollegen, mit denen wir Erfahrungen austauschen.“

Gäbe es die Herdenmanagerin Karoline Behr ohne diese Traineeausbildung? „Wenn ich damals die Stelle ausgeschrieben gesehen hätte, ohne die Traineezeit gemacht zu haben – ich hätte mich nie dar­auf beworben“, sagt sie. „Denn ich hätte nicht gewusst, ob ich das kann.“ Swantje und Wilhelm Schäkel hören zu und freuen sich, sie suchen derzeit wieder einen Absolventen als Trainee. „Wir bieten jungen Menschen, die vom Studium kommen und keine Berufspraxis haben, an, diese Erfahrungen zu sammeln“, erklärt Swantje Schäkel. „Sie können hier ein ganzes Jahr in der Rinderherde miterleben: unter anderem die Kalbungen, die Bullen in der Herde, die Trennung der Absetzer von den Mutterkühen. Die Arbeit wird selbstverständlich bezahlt, wenn man dabei auch nicht reich wird. Man muss Lust haben, sich auf dem Gebiet der stressarmen Rinderhaltung weiterzuentwickeln“, sagt die 45-Jährige. „Wir sind die Angestellten unserer Kühe.“

Es gibt kein festes Traineeprogramm, aber den natürlichen Rhythmus der Rinderhaltung. Als Abschluss erhält man ein ausführliches Arbeitszeugnis. „Und das ist in der Praxis viel wert“, versichert Wilhelm Schäkel. „Denn dort steht genau drin, was man im Laufe des Jahres gemacht hat.“

Für Karoline Behr heißt das demnächst, ihr Wissen ebenso gut weiterzugeben, wie sie es selbst von ihrer Vorgängerin erfahren hat. Wie das funktioniert, weiß sie ja, und außerdem: „Das Studium bringt viel, aber das Gelernte anzuwenden, muss man sich erst zutrauen.“

Annekatrin Pischelt

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr