Die Chancen nutzen!

10.02.2016

© SABINE RÜBENSAAT, ANNEKATRIN PISCHELT

Den Berichtshefter geschlossen, das Zeugnis in der Tasche: Nun beginnt der Ernst des Lebens.

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Endlich fertig – der Gedanke vieler Jugendlicher, wenn sie ihre Ausbildung in der Tasche haben und strahlend mit dem vermeintlich letzten Zeugnis nach Hause laufen. Für viele ist das jedoch nicht das Ende ihrer beruflichen Erstqualifikation. Sie entscheiden sich für eine berufspezifische Fortbildung zum Meister, Techniker oder Betriebswirt in der Agrarwirtschaft. Auch ohne Abitur besteht dann nach Erwerb dieser Abschlüsse die Möglichkeit, noch ein Hochschulstudium aufzunehmen. Um zu erfahren, wie hoch das Interesse seitens der landwirtschaftlichen Fachschüler ist, die genau diesen Weg einschlagen, wurden deutschlandweit Schüler von landwirtschaftlichen Fachschulen durch den Bundesverband der Landwirtschaftlichen Fachbildung (vlf) befragt.

Insgesamt kamen so 667 Fragebögen aus acht Bundesländern und 15 Fachschulstandorten zur Auswertung. Am stärksten vertreten waren die Länder Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein mit fast der Hälfte aller Rückläufer. Drei der neuen Bundesländer (Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt) sind mit insgesamt 14 %, also knapp 100 Antworten, vertreten.

Persönliche Situation und Vorbildung

Der Realschulabschluss ist bundesweit mit 70 % die dominierende allgemeinschulische Vorbildung landwirtschaftlicher Fachschüler. Immerhin besitzen 13 % der Antwortenden eine höherwertige Fach- oder Allgemeine Hochschulreife. Diese Gruppe verzichtet offenbar ganz gezielt auf eine für sie mögliche Hochschulausbildung. Aus verbalen Kommentaren einzelner geht hervor, dass einige eine vorherige Hochschulausbildung abgebrochen haben bzw. dem Anforderungsniveau dort nicht standhalten konnten. Hier kommt dann die Frage auf, inwieweit bereits erworbene Teilleistungen in der Hochschule für die Fachschulfortbildung anerkannt werden können, um diese folglich zu verkürzen. Das ist bislang nicht einheitlich geregelt und wird in der individuellen Einzelfallprüfung belassen. In den neuen Ländern haben sogar 80 % der Fachschüler einen Realschulabschluss, wobei hier zum Teil der Abschluss eine Bedingung zum Fachschulbesuch darstellt. Das ist in den alten Ländern in der Regel nicht der Fall – oft reicht der Hauptschulabschluss. Kernbedingung, und im Vergleich zur Hochschulausbildung eindeutiges Gütezeichen der Qualifizierung an einer Fachschule, ist der vorherige Abschluss einer einschlägigen Berufsausbildung. Zusätzlich wird eine Praxiszeit von einem Jahr vor der Prüfung verlangt. Es werden jedoch immer wieder Stimmen laut, die mangelnde Praxiserfahrungen der Hochschulabsolventen kritisieren.

Familiär geprägt oder einfach interessiert?

In der Erhebung wurde gefragt, wie die Fachschüler zur Landwirtschaft gekommen sind. Die Tabelle vermittelt die wesentlichen Motive. Für 71 % der Befragten aus den alten Ländern ist die Hofnachfolge eines elterlichen Betriebes relevant. Weitere sechs Prozent verfügen zwar über einen solchen Betrieb, ihre berufliche Zukunft sehen sie allerdings außerhalb. Immerhin 15 % der Teilnehmer aus den alten Ländern besuchen, ohne einen landwirtschaftlichen Hintergrund zu haben, die Schule. Mündliche Berichte von Schulleitern bestätigen diesen steigenden Trend im alten Bundesgebiet.

Gemäß der grundsätzlich anderen Agrarstruktur in den neuen Ländern liegt der Anteil der Hofnachfolger bei den befragten Fachschülern bei nur 21 %. Entsprechend hat ein Großteil sein Interesse an der Landwirtschaft aus anderen Gründen als der Hofnachfolge gefunden. Bei 36 % der Fachschüler haben ihre Familien keinen direkten landwirtschaftlichen Bezug. Für die Werbung von Berufsnachwuchs in den neuen Ländern spielen diese Aspekte eine entscheidende Rolle. Interessant ist auch der mit 30 % deutlich höhere Anteil weiblicher Schülerinnen, während der Frauenanteil in den alten Ländern traditionell bei nur zehn Prozent liegt.

Mit dem erfolgreichen Abschluss einer Fachschule haben alle Absolventen die Möglichkeit eines anschließenden Hochschulbesuchs – auch ohne Abitur. Das war 88 % der Antwortenden bewusst. Für 80 % der Fachschüler aus den alten Ländern kommt eine solche zweite Ausbildung nicht infrage. Eine Hochschulausbildung wollen fünf Prozent der Fachschüler absolvieren, zirka 15 % sind noch unentschlossen. In den neuen Ländern ist dagegen die Gruppe der Unentschlossenen zum Hochschulbesuch mit 26 % deutlich höher. Nur zwei Prozent streben von vornherein eine Hochschulausbildung an.

Fachschulfortbildung steht im Vordergrund

Für die Gruppe derjenigen, die keine Hochschulausbildung anstreben, war vor allem in den alten Ländern die „elterliche Hofübernahme“ mit 71 % sowie der Wunsch „beruflich aktiv zu werden“ mit 57 % ausschlaggebend. In den neuen Ländern spielt „die Hofübernahme“ erwartungsgemäß eine geringe Rolle.

Dreiviertel von ihnen möchte keine Hochschulausbildung anstreben. Finanzielle Einschränkungen, die gegen den Hochschulbesuch sprechen, haben dann für die Schüler aus den neuen Ländern eine wesentlich größere Bedeutung. Aufgrund der Möglichkeit von Mehrfachnennungen standen häufig auch die Argumente „eine Hochschulausbildung würde mich nicht weiterbringen“ (mit 24 % der Nennungen), „ich habe aktuell kein Interesse an einer weiteren Qualifizierung“ (24 %), „die weitere Ausbildung kostet mich zu viel Zeit und ist zu lang“ (22 %) und „eine Hochschulausbildung könnte ich zeitlich nicht mit meiner geplanten betrieblichen Tätigkeit in Einklang bringen“ (20 %).

Hoher Zeitaufwand und Selbstzweifel

Aus der kleinen Gruppe derjenigen, die eine Hochschulausbildung beabsichtigen, sind die Antworten bundesweit breit gestreut. Mit jeweils 37 % am häufigsten bestätigt wurden die Argumente „mit einer Hochschulausbildung kann ich später den eigenen Betrieb wesentlich besser managen“ und „ein Hochschulstudium bietet mir später ein viel interessanteres Aufgabenspektrum“.

Die Gruppe derjenigen, die der Frage einer möglichen Hochschulfortbildung unentschlossen gegenüberstand stand, war ebenfalls vielfältig in ihren Antworten. Wie aufgeführt, kommen gerade die Unentschlossenen aus den neuen Ländern. In den alten Ländern hingegen liegen die Zweifel an einer Hochschulausbildung relativ häufig darin begründet, dass Nutzen und Zeitaufwand einer solchen Ausbildung nicht im Einklang gesehen werden. Die Fachschüler aus den neuen Ländern hingegen sehen zum einen finanzielle Schwierigkeiten durch eine Hochschulausbildung auf sich zukommen. Zum anderen sind ausgesprochen viele verunsichert darüber, ob sie dem Anforderungsniveau einer Hochschule überhaupt gerecht werden können.

Nachwuchsgewinnung leicht gemacht

Die Nachwuchsgewinnung und -qualifizierung für die Landwirtschaft ist in den neuen Bundesländern schwierig. In den alten Ländern rekrutiert sich immer noch der Nachwuchs aus dem Vorhandensein eines elterlichen Betriebes. Die vom frühen Kindesalter mitgegebene Bindung sorgt offenbar dafür, dass der Jugendliche viel früher weiß, was er will und auch was er nicht will. Diese Prägung dürfte für die Hofnachfolger maßgeblich für den Eintritt in die Branche der Landwirtschaft sein. Der zum Teil mühsam gewonnene Berufsnachwuchs in den neuen Ländern ist sich über seine berufliche Qualifizierung häufiger unsicher. Auch finanzielle Einschränkungen bei einer Fortbildung werden öfter gesehen. 

Die Berufsnachwuchsgewinnung in den neuen Ländern muss daher intensiver und vor allem auch früher beginnen. Die Betriebe sollten wann immer es geht, Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich mit betrieblichen Abläufen vertraut zu machen. Wettbewerbsfähige Strukturen, die Faszination von Landtechnik, aber auch ausgewiesene Führungsqualitäten des Leitungspersonals können dabei stärker genutzt werden.

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