Der fremde Blick

08.08.2013

Aufgeschlossene Menschen finden es interessant, wenn ein Fremder kommt, sich in ihrer Wohnung umschaut und ehrlich sagt, was er sieht. Der fremde Blick nimmt wenig Rücksicht auf unsere Gewohnheiten und birgt die Chance, unser Eingerichtetsein in Gegebenheiten neu zu hinterfragen.  Eine Septemberwoche lang waren 19 Studenten der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde mit fünf Betreuern im Oderbruch unterwegs, sahen sich um, stellten Fragen, diskutierten über die Antworten und bereiteten eine Präsentation vor.  Aber keine mit hübschen Kreisdiagrammen und Prozentzahlen, die möglicherweise den einen oder anderen Wissenschaftler interessiert hätte, sondern eine öffentliche Präsentation auf der Bühne eines Theaters, des Theaters am Rand in Zollbrücke. 

 

Einigen der Studenten sei erst im Theater so richtig bewusst geworden, dass sie am Abend selbst auf der Bühne stehen würden, erzählt Lars Fischer von der Akademie für Landschaftskommunikation, die die Studenten im Rahmen einer Sommerschule ins Oderbruch holte. Am Sonnabend angekommen, ins Thema eingeführt und in Gruppen aufgeteilt, befragten sie an den zwei Folgetagen Verwaltungsfachleute, Landwirte, Naturschützer, Künstler und andere Oderbrücher zu ihrem Verhältnis zur Landschaft, in der sie leben. Im Mittelpunkt des Interesses stand die Frage, ob das Oderbruch – zu DDR-Zeiten zerfallend in die Kreise Seelow und Freienwalde und heute neben anderen Regionen zum Landkreis Märkisch-Oderland gehörend – sich als zusammenhängender Handlungsraum begreift, ob die Oderbrücher sich als zusammengehörig wahrnehmen. Die Ergebnisse sollten – so weit die Vorgabe der Organisatoren – im Rahmen einer Probe des Oderbruchorchesters dargestellt werden.

 

Lars Fischer und Dr. Kenneth Anders beschäftigen sich seit knapp zehn Jahren mit dem Oderbruch im Speziellen und mit der Landschaftskommunikation im Allgemeinen. Mit Landschaftskommunikation meinen sie „die Verständigung über den Raum, den wir be­wohnen und nutzen“. Sie sei ­unerlässliche Voraussetzung für die Entwicklung einer Region. Um die Kommunikation über die Landschaft anzuregen, wenden die beiden Kulturwissenschaftler Darstellungsmethoden wie diesen Abend im Theater am Rand an. Ergebnisse solcher Projekte werden wenn möglich ­publiziert und – wenn sie sich auf das Oderbruch ­beziehen – auf der Website www.oder­bruchpavillon.de zugänglich gemacht (weitere Projekte finden sich unter www.landschafts­kommunikation.de).

 

Zur Präsentation der Eberswalder Studenten ist das Theater am Rand gut besucht.  Auch der Landrat von Märkisch-Oderland, Gernot Schmidt, und Landtagsabgeordnete Jutta Lieske sind gekommen. Ludwig Krause, pensionierter Stadt- und Verkehrsplaner aus Berlin, hat eine großformatige Landkarte des Oderbruchs gefertigt, in der zwar Siedlungen, Straßen und andere Landmarken erkennbar sind, aber noch nichts bezeichnet ist. Die erste Runde geht ans Publikum: Die Gäste sollen Elemente, Dinge, Orte nennen, die für sie das Oderbruch ausmachen. Die Antworten werden für eine „mentale“ Oderbruchkarte protokolliert. Ob dieser Punkt als Erster des Abend gut gewählt ist, bleibt fraglich. Oderbrücher sind stur – ist später zu erfahren – und hätten wohl erst ein bisschen vorgewärmt werden müssen. Dann geht es mit dem ersten Probenversuch des Oderbruchorchesters weiter, der mangels Dirigenten ungewollt in Kakofonie mündet. Nun wird ein Orchesteroberhaupt gesucht und – „für eine Probe mach ich’s“ – gefunden.  Er sortiert die Stimmen, Vertreter von Ortschaften und verschiedener Interessengruppen. Jede einzelne klingt gut und unterhaltsam. Auf Volksliedermotive werden Texte gesungen, die die Befindlichkeiten der Einzelnen auf den Punkt bringen. Der Zusammenklang mündet mangels Abstimmung abermals im Argen. Die dritte Probe lässt im Lied „Eine Stunde Oderbruch“ zumindest die Vision eines gemeinsamen Ganzen aufblitzen. Dazwischen zitieren die angehenden Landschaftsentwickler Franziska Resch und Johannes Hassler zu Gitarrenklängen von „Matze“ Kühn aus den Antworten der Oderbrücher. Anonymität der Zitierten und die fremden Stimmen sorgen für besseres Zuhören, denn vorzeitigem „Dichtmachen“ – „was der denkt, weiß man doch“ – wird der Boden entzogen. Die Spannbreite reicht von „Eine Landschaft, auf die ich nicht verzichten möchte“ bis zu „Die Flexiblen gehen, das Mittelmaß bleibt“. Am Ende begegnen die Oderbrücher, denen so auf produktive Weise der Spiegel vorgehalten wird, dem fremden Blick der Studenten mit Applaus. Auf dessen Dokumentation, die von der Akademie für Landschaftskommunikation in Aussicht gestellt wurde, darf man ebenso gespannt sein wie auf deren Diskussion in der Öffentlichkeit.

Heike Mildner

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