Auslandspraktikum im Spreewald

02.11.2018

Beim Kartoffelroden ©Christine Bertschi

Diana Dovzhuk und ihr Chef Wilfried Baronick arbeiten gerne zusammen.

Fenchel und Sellerie kannte sie vor dem Praktikum noch nicht, erzählt Diana. Diese Gemüse seien in ihrer Heimat nicht verbreitet. Die 22-Jährige studiert in Belarus (Weißrussland) Agrarwissenschaften. Aufgewachsen ist sie in einem Dorf, ihre Eltern betreiben ebenfalls Landwirtschaft: Von den 20 Muttersauen – Wollschweine, Hängebauchschweine und eine russische Schweinerasse – verkaufen sie die Ferkel, zudem bauen sie Getreide für ihre Schweine und die Hühner an. Mit dem Gemüsebau ist Diana ebenfalls aus ihrer Familie vertraut: „Aber das sind andere Dimensionen als hier – wir bauen Kartoffeln und Gemüse für die Selbstversorgung an, unser Gewächshaus ist nur drei mal zehn Meter groß.“

Interesse am Erfolg

Begeistert scrollt Diana auf ihrem Handy durch unzählige Fotos und zeigt Körbchen mit bunten Tomaten, Porree in Kisten, Gurken mit Sonnenaufgang im Hintergrund. „Das ist hier unser Leben“, sagt sie. Je fast 50 Sorten Kartoffeln und Tomaten werden auf dem Betrieb der Familie Baronick angebaut, erzählt die angehende Agronomin und ergänzt: „Ich kann zwar noch nicht alle richtig benennen, aber ich frage immer wieder und versuche es mir zu merken.“ Bevor Diana im Juni nach Deutschland kam, hat sie in ihrer Heimat bereits zwei Monate Praktikum absolviert. „Ich bin hierher gekommen und habe direkt den Unterschied gespürt“, erzählt sie. Den Grad an Verantwortungsbewusstsein nennt sie und erklärt: „Meine Kollegen auf dem staatlichen Betrieb in Belarus hatten keinerlei Interesse an Erfolg. Sie säten etwas, egal wie, egal ob es wächst, Hauptsache sie haben gesät.“ Dennoch waren die Arbeitsbedingungen hart: Sie arbeitete von 5.30 Uhr bis 20 Uhr und hatte nur einen freien Tag im Monat. Das Arbeiten war sie also schon gewohnt, nur mit Sprache und Mentalität war es zu Beginn schwierig.
Seit ihrer ersten Praktikumswoche fährt Diana jeden Samstag mit auf den Markt nach Berlin. Keine einfache Aufgabe, wenn man mit der deutschen Sprache noch nicht so vertraut ist. Diana lernte in der Schule zwei Jahre Deutsch, zudem besuchte sie als Vorbereitung auf das Praktikum im Winter einen Landwirtschafts-Deutschkurs. Hier im Spreewald setzt sie sich jeden Abend eine Stunde hin und lernt. Wilfried Baronick lobt seine Praktikantin, sie mache das auf dem Markt super. Denn manche Kundinnen seien nicht ganz einfach: „Die lassen eine Neue auch mal auflaufen oder behaupten, es würde etwas nicht stimmen.“ Doch inzwischen fühlt sich Diana auch auf dem Markt wohl: „Ich verstehe alles, antworte und mache auch mal Witze.“

Zeit schnell vergangen

Dass die vier Monate in Deutschland für sie schon fast um sind, kann sie kaum glauben: „Es schien zu Beginn so lang, und jetzt vergeht die Zeit so schnell: am Morgen die Augen aufgemacht und zack, ist es schon Abend.“ Natürlich vermisse sie ihre Eltern ein wenig, doch eigentlich möchte sie nicht zurück: „Ich fühle mich hier wie zu Hause.“ Bei der Familie Baronick gehören junge Menschen aus Osteuropa und Zentralasien zum Alltag. Über den Berliner Verein Apollo e.V. (siehe Kasten) kommen seit 2009 Praktikantinnen und Praktikanten aus der Ukraine und aus Belarus zu ihnen. „Wir arbeiten gerne mit jungen Leuten zusammen“, erklärt Wilfried Baronick. Praktikanten und Lehrlinge aus Deutschland zu finden sei schwierig, doch ein paar helfende Hände braucht die Familie besonders in den Sommermonaten. „Die wollen arbeiten“, fasst Baronick seine Erfahrung mit den ausländischen Praktikanten zusammen. Und über Diana sagt er: „Sowas kann man sich nur wünschen. Es macht einfach Spaß, mit ihr zu arbeiten.“
Schließlich ist Diana für ihre Arbeit- und Gastgeber mehr als nur eine Arbeitskraft: „Wir bekommen durch die jungen Leute ein Verständnis für andere Länder. Was würde mich sonst zum Beispiel Kirgistan oder Belarus interessieren? Und wo kann man schon mit fünf Nationen zusammensitzen und mit ihnen gemeinsam kochen und essen? Wir haben uns so arrangiert und fühlen uns wohl dabei“, erklärt Baronick.

„Weise Oma“

Daheim in der Landwirtschaft zu arbeiten, kommt für Diana nur infrage, wenn sie etwas Eigenes aufbauen könnte. Ökotourismus schwebt ihr vor, vielleicht auch etwas mit Bio. Gemüsebau hingegen lohne sich kaum: „Fünf Cent bekomme ich in Belarus auf dem Markt für ein Kilo Tomaten. Hier sind es fünf Euro.“ Vielleicht deshalb fand der Gemüsebau in ihrem Studium kaum Beachtung, vermutet sie und ergänzt stolz: „Jetzt bin ich aber eine weise Oma, ich weiß alles über Gemüse.“

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