Kommentar zum Heft 49/2017



Komische Phosphatdiskussionen

Liebe Leserinnen und Leser,

Papaaaaa, was iss´n das für ’ne komische Phosphatdiskussion, die da gerade lääääuuuuft?“ Das war die Frage meiner 15-jährigen Tochter am Wochenende. Sogleich bemühte sich ihr zwei Jahre älterer Bruder, Wissensvorsprung zu zeigen. „Du, das geht um die Döner, die werden verboten, denn da is Phosphat drin!“ Nun, da hatte
Papa allerhand zu (er)klären.

Zur Phosphat-Info des Sohnes war zu sagen, dass eine geringe Salzbeimengung zum Dönerfleisch tatsächlich erfolgt, damit die Masse auf den Drehspießen formstabil bleibt. Gegen diese Praxis hatte sich jüngst das EU-Parlament gewandt und damit
eine wilde Diskussion ausgelöst, die verkannte, dass in zwei Flaschen Cola mehr Phosphat enthalten ist als im statistischen Döner-Jahreskonsum eines Bundesbürgers. Dennoch läuft jetzt eine Studie der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA, die 2018 fertig wird. Bis dahin – Mahlzeit!

Nun zur Phosphatfrage der Tochter. Schnell war klar, dass sie Glyphosat meinte und nicht Phosphorsalze. Ich erklärte, dass wir das Mittel im Betrieb anwenden, um pfluglos zu arbeiten, den Boden zu schonen und viel Diesel zu sparen. „Na, da wird sich Papa schon was bei gedacht haben, er will ja keinen vergiften“ – las ich in Tochters Gesicht. Als ich ihr erklärte, dass es unterschiedliche Meinungen zu dem Mittel gibt, aber die maßgeblichen Risikobewertungsbehörden keinen Anlass für ein Verbot sehen, war für meine Gymnasiastin der Fall erledigt. Berichte über Anwendungserfahrungen und den Pflugkauf im vorigen Jahr hatten sich im Grunde erübrigt.

Weniger rasch aus dem Schneider war Agrarminister Schmidt in der vergangenen Woche (S. 19). Mit seiner Zustimmung zur Glyphosatzulassung wurde er zum Kondensationskern eines kräftigen Regierungsskandals. Dabei ist Schmidt gar nicht der Skandal. Eher eine traurige Gestalt. Ohne Not hat er, unter wessen Einfluss auch immer, eine unbequeme Entscheidung vorweggenommen, die die Kommis-sion auch allein gefällt hätte. Das wirkt nicht schlau. Und dass er mit einer fachlich richtigen Entscheidung die Geschäftsordnung seiner Regierung verletzt hat, stellt eher die Geschäftsordnung infrage denn den Entscheider. Der Skandal ist übrigens auch nicht Frau Hendricks. Ihre Manöver waren allzu durchsichtig. Sie, in deren Zuständigkeit die angeblich gesundheitsschädliche Chemikalie am allerwenigsten fällt, wollte nur den Preis für eine neue GroKo hochtreiben.

Schon eher ein Skandal ist, dass Gesundheitsminister Hermann Gröhe die ganze Zeit geschwiegen hat. Auf seiner Internetseite liest man über Grevenbroich und ein Jazzkonzert mit Sarah Kaiser, seit Sommer jedoch nichts über Glyphosat. Auf seiner Ministeriumsseite findet man das Herbizid nicht einmal mit der Suchfunktion. Kein Wunder, dass diese Lücke nun SPD-Mann Karl Lauterbach zu füllen sucht (S. 18). Zwar hat auch er die Diskussion bislang vergähnt. Nun aber scheut sich der Professor nicht, nur die Agentur für Krebsforschung (IARC) zu zitieren und sämtliche gegensätzliche Gutachten unter den Tisch fallen zu lassen. Genau wie der BUND-Mann Röscheisen, der die These vom glyphosatbedingten Regenwurmtod nur auf eine seit zwei Jahren als mangelhaft bekannte „Studie“ der Bodenkulturuni Wien stützt (S. 18). Das ist der Skandal – die Einseitigkeit, die Oberflächlichkeit der politischen Diskussionen und die Tatsache, dass die maßgeblichen Behörden es nicht vermocht haben, sich einen einheitlichen Standpunkt zu erarbeiten. Das führt dazu, dass die Glyphosatgegner nun über nationale Extraregelungen nachdenken (Gute Nacht, Europa!) und alle vom Minister bis zum Bauern zwischen den Stühlen sitzen. Klärung? Na, wir haben ja nun fünf Jahre Zeit.

Herzlichst Ihr
Dr. Thomas Tanneberger

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