Kommentar zum Heft 49/2016



Weniger Schutz, mehr Akzeptanz

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

der Wolf geht um.
Und das nicht allein in Wald und Flur. Immer öfter taucht Isegrim dieser Tage auch in der politischen und medialen Diskussion auf (siehe Seite 21). Zuletzt stimmte die Umweltministerkonferenz einem Vorschlag Sachsens und Mecklenburg-Vorpommerns zu: Der Bund wird gebeten, den Erhaltungszustand des Wolfes zu prüfen. Es scheint etwas in Bewegung zu kommen in Bezug auf eine Frage, auf die man lange Zeit nur eine Antwort hörte: Der Wolf ist durch die EU strengstens geschützt. Basta.

In Sachsen, wo man am längsten Erfahrungen mit dem Wolf hat, kam das Thema im Spätsommer kräftig ins Rollen. In der Nähe von Bautzen begann das sogenannte Rosenthaler Rudel  damit, gezielt auch in solchen Schafherden Beute zu reißen, die durch den behördlich vorgeschriebenen Mindestschutz gesichert waren. Wohl auch, weil die Wölfe des Rosenthaler Rudels „Wiederholungstäter“ sind und bereits im vergangenen Jahr durch solche Attacken auffielen, wollten sich viele Tierhalter aus der Region mit den Ratschlägen des Wolf-Kontaktbüros, den Herdenschutz doch zu erhöhen, nicht mehr zufriedengeben.

Inzwischen mehren sich auch in der Politik die Stimmen, die vorsichtig einen anderen Umgang mit dem in Deutschland wieder heimisch gewordenen Raubtier fordern. Die Bestandsentwicklung gibt ihnen Argumente. In Brandenburg etwa leben nach Angaben des Agrar- und Umweltministeriums mindestens 21 Rudel und drei Paare mit insgesamt 120 bis 140 Tieren, in Sachsen zählt man derzeit 19 besetzte Wolfsterritorien. Auch in anderen Bundesländern haben sich seit Längerem Rudel etabliert.  Anders als Schäfer mögen Wildbiologen diesen deutschen Bestand an Kriterien des Artenschutzes gemessen noch immer für zu klein halten – aber dieses Vorkommen steht ja nicht für sich allein. Darauf zielt auch die geforderte Bewertung des Erhaltungszustandes. Lange ging man davon aus, dass die hiesigen Wölfe Teil der sogenannten mitteleuropäischen Tieflandspopulation in Westpolen und Deutschland sind, die man als relativ isoliert und aus diesem Grund besonders gefährdet ansah. Inzwischen glaubt man, dass „unsere“ Wölfe nicht nur im regen genetischen Austausch mit Vorkommen im Osten des Kontinents stehen, sondern als westlicher Teil der deutlich größeren nordosteuropäisch-baltischen Wolfspopulation gelten müssen. Dieser Umstand würde die Bewertung des Erhaltungszustandes deutlich positiver ausfallen lassen und nach europäischem Recht einen weniger strengen Schutz erlauben.

So absurd es klingt:
Der Zukunft des Wolfes hierzulande könnte ein weniger strenger Schutz guttun. Denn auffällige Wölfe, wie das Rosenthaler Rudel, strapazieren die Akzeptanz für diese Art enorm – auch wenn Herdenschutzmaßnahmen gefördert und Verluste bei Attacken (zum aktuellen Marktwert) entschädigt werden. Und die Zahl von Nutztierrissen steigt schließlich auch anderswo, in Brandenburg hat sie sich zum Vorjahr fast verdoppelt.

Ein wirklich praktikabler, legaler Abschuss
von wirklichen Problemwölfen würde die aktuelle Ausbreitungsdynamik sicher nicht zum Erliegen bringen. Wohl aber würde man den betroffenen Menschen im ländlichen Raum damit auch zu verstehen geben, dass man ihre Anliegen ernst nimmt. Dass bestehende Gesetze und ­europäische Verordnungen leider keine anderen Optionen zulassen, hat man viel zu lange vorgeschoben. Doch so etwas führt, wie uns mittlerweile die Erfahrung überall in Europa lehrt, häufig zu der Verdrossenheit über die EU und die Politik insgesamt, die man heute so oft antrifft und die man zu Recht beklagt.

Themen: Wolf

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr