Kommentar zum Heft 48/2017



Junges Land am anderen Ende der Welt

Liebe Leserinnen und Leser,

immer mehr junge Menschen zieht es zum Praktikum ins Ausland. Vorzugsweise nach Australien. Egal, ob nach Schule, Ausbildung oder Studium, ganz nach dem Motto „Work and Travel“ (Arbeiten und Reisen) wollen Land und Leute kennengelernt, der eigene Horizont erweitert und das Englisch verbessert werden. Natürlich macht sich ein solcher Auslandsaufenthalt auch prima im Lebenslauf. Heutzutage gehört es schon fast zum guten Ton, in einer Bewerbung auf die begehrten sozialen Kompetenzen hinzuweisen, die die Zeit in der Ferne mit auf den Lebensweg gegeben hat. Auch viele junge Deutsche mit landwirtschaftlichem Hintergrund entscheiden sich für die Arbeit auf einer der zahlreichen Farmen (S. 40). Sie möchten unter anderem Eindrücke der australischen Landwirtschaft gewinnen. Das war auch einer der Gründe, weshalb ich nach dem Studium diesen Schritt gegangen bin und ein Jahr in Australien verbracht habe. Es werden jedoch immer mehr Stimmen laut, die kritisieren, dass Erntehelfer schlecht bezahlt werden. Ein Alarmsignal also für all jene, die den Rucksack schon gepackt haben?

Womöglich. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zweier Universitäten in Sydney zu Stundenlöhnen für Saisonkräfte auf dem roten Kontinent zeigt, dass die Verdienste zum Teil deutlich unter dem gesetzlichen Mindestlohn liegen. Demnach werden vor allem Erntehelfer bei der Obst- und Gemüseernte schlecht bezahlt. Von ihnen verdient nur etwa ein Drittel den gesetzlichen Mindestlohn von umgerechnet rund 12 €/h. Da mag der eine oder die andere jetzt denken: Von derartigen Löhnen kann man auf dem deutschen Arbeitsmarkt ja nur träumen! Ein berechtigter Einwand. Doch die Lebenshaltungskosten sind in Australien deutlich höher, als in heimischen Gefilden. Die dortige Regierung fordert dazu auf, Verletzungen der Arbeitnehmerrechte an die Organisation Fair Work zu melden. Doch wie sehen die jungen Reisenden selbst die Situation?

Die Farmarbeit betrachten viele Rucksackreisende als Chance, um sich lang erträumte Wünsche zu erfüllen und an ferne Orte zu gelangen. Schlechtere Bezahlung wird dabei oft hingenommen, da der Wunsch zu reisen größer ist als das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Ein Teil von ihnen hat zudem Angst, den Job zu verlieren, wenn besagtes Thema angesprochen wird. Oft gibt es auch einen Mangel an besseren Alternativen zum vorhandenen Job. Durch die vielen Reisenden, die jedes Jahr nach Australien kommen, ist der Arbeitsmarkt überfüllt. Diese Erfahrungen habe ich gemacht, als ich andere Reisende kennenlernte. Empfehlenswert ist in jedem Fall, Probleme offen anzusprechen und sich möglichst schnell an die genannte Organisation zu wenden. Im schlimmsten Fall führt am Jobwechsel kein Weg vorbei.

Vor allem im Ackerbau, in der Schaf- oder der Rinderhaltung ist die Situation vielerorts besser als im Obstbau. Es gibt viele Beispiele von Erntehelfern, die auf solchen Farmen gutes Geld verdienen. Es kommt häufiger vor, dass der Chef neben guter Bezahlung sowie der Erlaubnis zur Nutzung von Farmhaus und Geländewagen nach getaner Arbeit auch mal auf ein kühles Bier einlädt. So habe ich es erlebt. Von ähnlichen Gegebenheiten berichten wir auch in dieser Ausgabe unter der Rubrik „Junges Land“ (S. 40–42). Ist die Bezahlung fair, kann einer erlebnisreichen Zeit fast nichts mehr im Weg stehen. Am Ende ist und bleibt ein Auslandsaufenthalt immer ein unvergessliches Erlebnis. Vor allem die vielen verschiedenen Begegnungen entlang der Route machen die Reise zu etwas Besonderem. Spielt jemand von Ihnen ebenfalls mit dem Gedanken an einen Auslandsaufenthalt, empfehle ich: Wagen Sie den Schritt! Sie werden es nicht bereuen.

Herzlichst Ihr
David Benzin

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