Kommentar zum Heft 48/2016



Wir wollen nicht hören, sondern fühlen

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

ich gebe zu, bis vor Kurzen kam der Begriff „postfaktisch“ in meinem Sprachschatz faktisch nicht vor. Doch seit die Bundeskanzlerin nach der für die CDU verlorenen Berlin-Wahl feststellte: „Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten“, wabert dieses komische Wort nur so durch die Presselandschaft. „Der Spiegel“ widmete dem „postfaktischen Regieren“ einen ganzen Leitartikel. Und vor zwei Wochen kürte das umfangreichste Wörterbuch der englischen Sprache „post-truth“ gar zum internationalen Wort des Jahres. Oxford Dictionaries definiert diesen Begriff als Beschreibung von „Umständen, in denen objektive Fakten weniger Einfluss auf die Bildung der öffentlichen Meinung haben als Bezüge zu Gefühlen und persönlichem Glauben“. Angela Merkel fand da etwas verständlichere Worte: „Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen.“

Die jüngsten Entwicklungen – von Brexit bis Trump – scheinen der Kanzlerin leider Recht zu geben. Aber warum ist das so? Der Schweizer Physiker und Philosoph Eduard Kaeser sieht darin die Folge der Informationsflut in der digitalen Welt, die zentrale Standards wie Objektivität und Wahrheit verwässert. Für ihn stellt das postfaktische Zeitalter sogar eine Gefahr einer „Demokratie der Nicht-wissen-wollen-Gesellschaft“ dar. Auch „Der Spiegel“ gab den Sozialen Medien die Hauptschuld. Sie seien Meinungsmedien, in denen Anschein und Augenblick die bestimmenden Kriterien sind. Das sei für sich genommen nicht schlimm, aber im Verbund mit den redaktionellen Nachrichtenmedien ergebe sich so ein schädliche Mischung aus offiziell anmutender, faktenorientiert erscheinender Berichterstattung und den oft nur gefühlsbedingten Social-Media-Meinungen. Das Weltgeschehen passiere einfach nicht schnell genug, um den ständigen Nachrichtenhunger der Medien zu stillen, die entstehende Faktenlücke werde dann einfach mit Meinungsschaum aus dem Internet gefüllt.

Dass das vielfach so ist, zeigt auch eine Studie des Marktforschungsinstituts Rheingold vom vergangenen Jahr. Bei einer Befragung im Auftrag der Heinz-Lohmann-Stiftung stellten die Kölner Marktforscher damals schon fest, dass emotionale Aspekte rationalen Argumenten zunehmend den Rang ablaufen. Laut Rheingold glauben vier von fünf Bundesbürgern, dass viele gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge für Laien heute kaum noch zu verstehen sind. Zudem räumten sie ein, dass sie Schwierigkeiten dabei hätten, überhaupt eine eigene Meinung zu entwickeln. Die Folge sei eine Meinungsvielfalt in den Köpfen: Ein und derselbe Bürger entwickelt und vertritt je nach Kontext unterschiedliche Meinungen und Verhaltensweisen zu ein und demselben Thema nach der Devise: „Windkraft, ja bitte – aber nicht vor meiner Haustür!“ oder „Wir sind gegen ,Massentierhaltung‘, kaufen unser Fleisch aber möglichst billig beim Discounter.“

Wenn man das weiß, wundert es wenig, dass es der Agrarbranche mit Fakten allein nicht gelingt, die Meinungsführerschaft über sich selbst wiederzuerlangen. Wer heute überzeugen will, muss sich immer genau vor Augen führen, wen er ansprechen möchte. Die Verbraucher leben in der Mehrzahl in Großstädten, in ihrer eigenen Welt. Sie haben ihre eigenen Sichtweisen und Sorgen. Und auf die muss man sich einlassen, will man sie erreichen. Faktenorientierte Argumentation schafft das nicht mehr und wird heute schnell als Lobbyarbeit abgetan. Man muss immer auch die Gefühle ansprechen, Tatsachen unbedingt mit persönlichen Geschichten verbinden. Dass das funktioniert, haben Betriebsreportagen über die Folgen der Milchkrise gezeigt. Ein anderes Beispiel sind die beiden Jäger in unserer Titelgeschichte.


Herzlichst Ihr
Christoph Feyer

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