Kommentar zum Heft 47/2018

23.11.2018

Tierproduktion: Zeit zum Handeln

Liebe Leserinnen und Leser,

es sind schwierige Jahre, die die Tierwirte unseres Landes derzeit durchleben. Baurecht, Kastenstand, Ferkelkastration, Ringelschwänze, Abluftanlagen – Unsicherheit allenthalben. Wer soll da sein Geld in die Tierproduktion investieren? Ich kann einen Berufskollegen gut verstehen, der mir jüngst berichtete, er habe seine Schweineställe geschlossen. Die Gebäude abgeschrieben, die Gülleleitungen leck, die Amtskontrolle terminiert und die Schweinepest vor der Tür – da liegt es nahe, die Bude zuzumachen.

Diese Gedanken im Gepäck hatte ich vergangene Woche beim Besuch der EuroTier-Messe in Hannover. Ich wollte wissen, ob und, falls ja, wie sich die Firmenwelt auf diese Lage einstellt. Und siehe da, die Anstrengungen der Wirtschaft, den Landwirten Problemlösungen anzubieten, waren überall spürbar. Ob es die weiter zunehmende Zahl von Mobilstall-Modellen ist (u. a. Wördekemper, Rowa, farmermobil) oder die Schaffung neuartigen Beschäftigungsmaterials für Schweine (Wer kennt „Knabberluzerne“?), die Vielfalt neuartiger Bewegungsbuchten für Sauen (u. a. ACO Funki, Duräumat, Prüllage, KARI-Farming) oder die weiter wachsende Menge von Luftwäschern (RIMU, Inotec, Möller, nunmehr auch Lubing) – überall kommen dringend benötigte Lösungen auf. Ganz in diesem Sinne stand der Sonderpreis „Animal Welfare Award“ des Bundesverbands praktizierender Tierärzte und der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft für ein dreidimensionales Bildanalysesystem für Milchkühe von der Firma dsp Agrosoft aus Paretz in Brandenburg. Und ganz in diesem Sinne wirkt die Technik zur Geschlechtsbestimmung im Ei nach dem Leipziger Seleggt-Verfahren, das in den nächsten Monaten in die großtechnische Erprobung geht und die Problematik des Hähnchentötens in der Geflügelproduktion lösen dürfte (S. 40). Auch zeigte sich in Hannover, dass die Immunokastration als Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration praxisreif zu sein scheint. Eine breite Allianz von Wissenschaftlern, Veterinären, Verbraucher- und Tierschützern sowie Landwirten und Händlern sprach sich beim Podium „Besser Impfen statt Kastrieren“ für diese Lösung aus. Zwar versteht man als Außenstehender nicht, warum das eigentlich auf Tierseuchen spezialisierte Friedrich-Loeffler-Institut bei der Werbung für die Immunokastration wortführend ist, aber die Ansagen klangen überzeugend.

Doch allein die schönen Angebote reichen nicht. Denn was, wenn das Geld ausgegeben ist, die Vorschriften aber geändert werden? Insofern ist der Ansatz von DLG-Präsident Hubertus Paetow richtig, neben der technologischen Entwicklungsarbeit den Druck auf die Politik zu erhöhen, endlich klare Rahmenbedingungen zu schaffen. Genug geredet, Zeit zum Handeln, so der Präsident auf der Messe. Und in der Tat, es ist doch ein Unding, dass die Behörden die Inhalationsnarkose für die Ferkelkas­tration propagieren, Isofluran aber sechs Wochen vor dem verordneten Ende des bisherigen Verfahrens noch keine Zulassung hat und die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau just bei der Inhalationsnarkose große Mängel beim Anwenderschutz feststellt. Daneben muss ein Boom in der Forschung kommen, denn in ganz vielen der anstehenden Probleme gibt es keine einfachen Lösungen. Messegespräche mit Schweinezüchtern zeigten zum Beispiel, dass es den natürlich geruchsfreien Eber wohl nicht geben wird: Die Produktion der Geruchsstoffe Androstenon und Skatol ist relativ hoch mit paternaler Fruchtbarkeit korreliert. Was nützt es, wenn die Eber nicht mehr stinken, wenn die Sauen nicht mehr tragend werden? Das zu ändern, wäre wohl nur die Gentechnik in der Lage. Aber die, oje, oje, ist ja sooooooo ein Teufelszeug!

Herzlichst Ihr Thomas Tanneberger

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