Kommentar zum Heft 47/2017



Gerüstet für amerikanische Verhältnisse?

Liebe Leserinnen und Leser,

alle zwei Jahre Agritechnica, und alle zwei Jahre ist der Trend „Größer, stärker, schneller“ klar zu erkennen. Zu jeder Messe gibt es viel Begeisterung über die leistungsstarken Neuheiten. Auf der anderen Seite kommen immer mehr Fragen von Inhabern kleinerer Betriebe, was für Technik für sie denn auf der Messe angeboten wird. Dies gewinnt aktuell eine besondere Bedeutung, da sich unsere Agrarstruktur in der nächsten Zeit erheblich ändern könnte. Gibt es weniger Geld aus Brüssel, was durchaus zu befürchten ist, könnten sich auch bei uns recht bald amerikanische Verhältnisse einstellen: Auf der einen Seite Großbetriebe, auf der anderen Seite sehr kleine Betriebe. Den heute noch zahlreichen mittleren Betrieben dagegen würde eine erhebliche Verringerung der Direktzahlungen sprichwörtlich den Boden unter den Füßen wegziehen. So eine Entwicklung hätte auch Auswirkungen auf die Techniknachfrage. Vernetzte Hightech für Großbetriebe und einfache Bauernschlepper für die kleinen? Beides konnten wir in Hannover sehen. Wie sieht die Entwicklung dieser beiden Technikbereiche aus?

Bei den Großmaschinen lassen die technischen und vor allem die zulassungsrechtlichen Grenzen nur noch wenig Leistungssteigerung zu. Auch der Bodenschutz gebietet hier Einhalt. Damit kommen innovative Lösungen verstärkt ins Blickfeld: Leichtbau, Raupenlaufwerke, Hochleistungsreifen und Reifendruckregelanlagen. So waren Raupenlaufwerke an leistungsstarken Traktoren, aber auch an einem Häcksler sowie an Anhängern zu sehen. Aufsehen erregte die Firma Michelin, die kürzlich zwei auf Reifendruckregelsysteme spezialisierte Unternehmen übernommen hat (Seite 29). Der Konzern will so vom Reifenhersteller zu einem Anbieter technischer Lösungen rund um das Zusammenspiel von Reifen und Boden werden. Hier frage ich mich, ob es nicht einem Traktorenhersteller gut zu Gesicht gestanden hätte, diese Firmen zu erwerben. Nach wie vor gibt es bei Standardtraktoren mit Fendt erst einen Anbieter, bei dem eine Reifendruckregelanlage als Zusatzoption ab Werk geordert werden kann.Eine neue Denkrichtung in der Großbetriebstechnik sind Schwärme kleiner autonomer Roboter. Über die Schwarmtechnologie entscheidet die Wirtschaftlichkeit. Ingenieure können das technisch hinbekommen, da habe ich keine Zweifel.

Nun zu den auffallend zahlreichen Basismodellen, die auf der Messe zu sehen waren. Die eta­blierten Hersteller werden hier vor allem von asiatischen Anbietern etwas getrieben. So stehen heute bei einfachen Traktoren deutlich mehr Marken zur Auswahl als vor einigen Jahren. Groß ist allerdings (noch) der Unterschied bei den Händlernetzen und beim Service. Greifen zukünftig mehr Landwirte zu einfacher Basistechnik, dann werden die neuen Anbieter auch Händler finden und so ihr Angebot ausbauen.

Somit steht Technik für alle Betriebsgrößen bereit. Egal, wie sich unsere Agrarstruktur entwickeln wird, die Landmaschinenhersteller bedienen die Nachfrage. Ohne Probleme könnten sie auch amerikanischen Verhältnissen gerecht werden. Schon eher haben sie Probleme mit der Regelungswut Brüssels. Die zum Jahreswechsel in Kraft tretende EU-Zulassungsrichtlinie bringt zwar europaweite Einheitlichkeit, zieht aber für Hersteller und Behörden deutlich mehr Aufwand bei der Zulassung neuer Traktoren nach sich (Seite 26 und 27). Zusätzlich bleiben die nationalen Vorgaben zu den Abmessungen der Fahrzeuge auf der Straße und die Abgasnormen in Kraft. Fazit: Ganz offensichtlich könnte es bei uns in nächster Zeit etwas amerikanischer werden, aber die europäische Vielfalt bleibt uns ganz sicher noch lange erhalten.

Herzlichst Ihr
Jörg Möbius

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