Kommentar zum Heft 46/2018

16.11.2018

Wer belehren will, muss was vom Fach verstehen

Liebe Leserinnen und Leser,

zumindest in den Medien, die eine Pressemitteilung des Dresdner Bundestagsabgeordneten Stephan Kühn (Bündnis 90/Die Grünen) aufgegriffen hatten. Kühn berief sich auf die Antworten der Bundesregierung auf seine Kleine Anfrage zur Agrarstruktur in Sachsen (die schon mit dem Titel „Höfesterben in Sachsen“ die gewünschte Richtung vorgab). Zwischen 2003 und 2016, so las der Politiker aus den Antworten heraus, sei die Zahl der Betriebe in Sachsen um 1.700 zurückgegangen. Vor allem Bauernhöfe unter zehn Hekt­ar Betriebsfläche seien verschwunden. Aus grüner Sicht ein klarer Fall: Die Agrarpolitik in Sachsen bevorzugt die Großbetriebe, die wiederum die Kleinbetriebe in einen ruinösen Preiskampf treiben und sie zum Aufgeben zwingen.

Wer dann und wann mit agrarstatistischem Material arbeitet, hatte an dieser Darstellung indes schnell seine Zweifel. Und in der Tat: In den Vorbemerkungen, mit denen die Bundesregierung die Antworten auf Kühns Kleine Anfrage versah, war eindeutig auf die Grenzen der Vergleichbarkeit der aufgeführten Zahlen hingewiesen worden. Seit 2010 werden in den Agrarstrukturerhebungen Betriebe statt ab zwei Hektar erst ab fünf Hektar Fläche gezählt – klar, dass damit viele Kleinstbetriebe aus der Statistik fallen. Verschwunden sind sie deshalb nicht.

Spätestens als Sachsens Agrarminister Thomas Schmidt (CDU) zwei Tage später mit einer Richtigstellung dieses Sachverhaltes an die Medien ging, muss Stephan Kühn seinen Fehler bemerkt haben. Zu einer Korrektur sah sich der Grünen-Politiker aber nicht veranlasst. Im Gegenteil: „Getroffene Hunde bellen“, warf er dem Minister vor. Es sei klar, dass Schmidt die Zahlen nicht schmeckten, würden sie doch das Versagen der sächsischen Landwirtschaftspolitik belegen, teilte Kühn auf Anfrage der Bauernzeitung mit. Ob er damit auch die von ihm falsch interpretierten Betriebszahlen einschloss, ließ er offen. Im Folgenden ging er jedenfalls auf Nummer sicher und bezog sich nur noch auf die Jahre zwischen 2010 und 2016. In dieser Zeit habe sich – Stichwort: Agrarindustrie – die Zahl tierhaltender Betriebe deutlich reduziert, während gleichzeitig die Tierbestände im Einzelbetrieb zum Teil deutlich größer wurden.

Doch was beweisen diese Zahlen eigentlich? Dass es für Tierhalter zunehmend schwieriger wird und manche als Ausweg nur noch den Ausstieg sehen, liegt nicht zuletzt am „grünen“ Zeitgeist. In der Gesellschaft herrscht ein wachsendes Bewusstsein für Fragen des Tier-, Verbraucher- und Umweltschutzes, was sich konsequenterweise politisch auswirkt und zu immer schärferen Auflagen und Vorschriften führt. Dies wiederum beeinflusst die Wirtschaftlichkeit. Ohne „wirtschaftliche Schwungmasse“ – sprich: größere Bestände – sind nötige Investitionen kaum zu refinanzieren. Wenn Grüne wie Stephan Kühn beklagen, dass in der Tierhaltung Kleinbetriebe aufgeben und Große weiter wachsen, dann sind sie es selbst, die diese Entwicklung mit vorantreiben. In einem ähnlichen Sinn hat sich auch Minister Schmidt geäußert, der zudem Rufe nach mehr Beihilfen für Kleinbetriebe – die es über die Förderung der ersten Hektare ohnehin schon gibt – zurückweist und stattdessen einen spürbaren Abbau von Bürokratie fordert, der auch kleinen Betrieben viel mehr nützen würde.

Bewiesen hat Stephan Kühn vor allem zweierlei. Erstens: Mit Sachkenntnis über Landwirtschaft können heute viele, die laut darüber reden, nicht aufwarten. Was sie, zweitens, nicht davon abhält, andere zu belehren – selbst wenn die eigene Fehleinschätzung offenkundig wird.
 

Herzlichst Ihr Karsten Bär

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