Kommentar zum Heft 46/2017



Immer mal den gesunden Menschenverstand nutzen

Liebe Leserinnen und Leser,

ich stimme dem NABU zu. Agrarpolitisch. Ausnahmsweise. Es geht um den immer noch nicht beschlossenen Verlängerungsvorschlag für die Glyphosatzulassung. Laut NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller ist der in der vergangenen Woche durchgefallene Entwurf aus Umweltsicht „eine einzige Enttäuschung“. Die Kommis-sion habe weder ein Verbot der Vorerntesikkation geplant noch Glyphosat im Haus- und Kleingartenbereich oder in Schutzgebieten verbieten wollen. Der ganze Entwurf sei viel zu lasch.

Bravo! Der Text ist wirklich zu lasch. Seine Schöpfer haben sich von blindwütigen Lobbyisten einfangen lassen und vergessen, dass zu einem guten Geschäft eben Handel gehört und nicht nur Dampframmentaktik. Verhandeln bedeutet, dass man bei gegenläufigen Interessen aufeinander zugeht. Schritt für Schritt, Quäntchen für Quäntchen. Aber darauf haben die Akteure offenbar keine Lust. Sie beharren auf ihren Positionen, statt sich klarzumachen, dass es Brauch und Missbrauch von Glyphosat gibt. Da werden diejenigen, die das Zeug unbedingt für die bodenschonenden Anbauverfahren brauchen, in Haft genommen für diejenigen, die zu faul sind, ihr Unkraut auf dem Hof zu jäten oder die der Erntereife trotz hohen Rückstandsrisikos unbedingt noch ein bisschen „nachhelfen müssen“. Nicht umsonst verbieten viele Kommunen schon Roundup im Baumarkt, und nicht umsonst gilt für Sikkationsmaßnahmen strenge amtliche Kontrollpflicht. Mit der Zustimmung zum Verbot von Vorerntesikkation und Privatanwendung könnte die Landwirtschaft einen Schritt auf die Umweltbewegung zu machen, ohne die Mulch- und Direktsaat in Gefahr zu bringen. Na, vielleicht gelingt das ja noch. Denn in der Schlussfolgerung bin ich ganz und gar nicht der Meinung von Herrn Miller, der die EU als reif für einen Glyphosat-Ausstieg ansieht: Wir brauchen den Wirkstoff, um wirksamen Bodenschutz zu betreiben. Das wiederum müssten die NABUs dieser Welt versuchen zu verstehen.

Noch mehr als bisher verhandeln müssen Landwirte auch, wenn es um ihre Investitionsmöglichkeiten in der Tierproduktion geht (Themenschwerpunkt S. 37–42). Machen wir uns doch nichts vor – aktuell überlegt sich jeder drei Mal, ob er seine Hausbank mit der Abnahme eines Millionenkredits erfreut, die Riesensumme in Beton und Eisen verbaut und sich dann am Ende vom Amt erklären lässt, dass die Baugenehmigung leider mangelhaft war. Vier Fälle von Genehmigungswiderruf bei laufendem Betrieb sind allein an Gerichten Mecklenburg-Vorpommerns anhängig.

In wie vielen Fällen Projekte durch fehlende Genehmigungsschritte oder Unklarheiten der örtlichen Bauleitplanung zu Fall kommen, kann wohl niemand genau sagen, aber ein Problem liegt hier vor, wenn beim Stichwort § 35 Baugesetzbuch die Diskussionen derart vehement werden wie auf dem 9. Rentenbankforum unlängst in Berlin (S. 42). Klares Votum dort: Wer mehr Tierwohl wirklich will, darf den Bauern das Bauen nicht unmöglich machen. Da hört man von Fällen, wo wegen zweier partout nicht fällbarer Bäume ein Tierwohlstall für 300 Sauen nicht errichtet wurde oder das Auftreten einer ach so schützenswerten Unkenart die Modernisierung eines großen Rinderstalles verhinderte. Da wird diskutiert, ob die Kühe auf die Weide gehören oder ob man sie wegen der ach so ausufernden Klimagasemissionen nicht doch lieber in einen geschlossenen Stall mit Luftwäscher einsperren sollte. Aberwitzig, oder? Das ist wie mit dem Wolf: Alle reden vom Schutz dieses auferstandenen Fossils, aber wer schützt die zahllosen Weidetiere, die durch den Großräuber qualvoll zu Tode kommen? Beim Abwägen von Schutzzielen hilft nur eins: Ideologie durch gesunden Menschenverstand ersetzen!

Herzlichst Ihr
Dr. Thomas Tanneberger

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