Kommentar zum Heft 46/2015

12.11.2015

Gerd Rinas, Landesredakteur © Sabine Rübensaat

Jede Krise birgt auch eine Chance

Liebe Leserinnen und Leser,

Salam alaikum!“ Mit diesen Worten stürmte kürzlich ein junger Mann in den Drogeriemarkt meiner Heimatstadt, in dem ich gerade meine Einkäufe erledigte. Nach „Friede sei mit euch!“, so die deutsche Übersetzung der arabischen Grußformel, klangen die eher hämisch in den Raum geworfenen Worte allerdings nicht. Um so mehr war ich überrascht, als ein anderer Kunde dem verdutzten Neuankömmling den arabischen Antwortgruß „Alaikum salam
– Mit euch sei Friede!“ – entgegenhielt. Zwischen beiden entspann sich ein kurzes Gespräch, in dem der eine Gerüchte um Flüchtlinge verbreitete, die der andere widerlegen konnte. Der junge Mann zog schließlich weiter. Nun setzte zwischen Kunden und Kassiererin ein Disput über den Flüchtlingsstrom ein, der längst auch unser Städtchen erreicht hat.

Wie kein anderes Thema beschäftigt die Flüchtlingsfrage derzeit die öffentliche Debatte. Die große Zahl der Flüchtlinge und der lange Zeit ungeordnete Zustrom nähren die Furcht vor sozialen Einschnitten und Überfremdung. Ein kontrolliertes Verfahren bei deren Einreise und Unterbringung kann nur der erste Schritt sein, um dem offenkundigen Vertrauensverlust in die Politik entgegenzuwirken. Zu einer raschen Zurückführung von Menschen, die nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern aus wirtschaftlichen Gründen aus ihrer Heimat geflohen sind, gibt es keine Alternative. Auch an sicheren europäischen Außengrenzen führt kein Weg vorbei. Alle diese Maßnahmen werden aber nicht zwangsläufig zu einer Entspannung der Situation führen. So lange in Syrien, Irak und anderen Ländern Krieg und Terror anhalten, werden sich Menschen auf den Weg nach Europa machen und sich auch nicht von Zäunen und Mauern abhalten lassen. Das führt zu dem Schluss, dass der Flüchtlingsstrom erst dann versiegen wird, wenn die Konflikte in diesen Ländern beigelegt sind.

Staaten wie Deutschland, Österreich und Schweden, die bisher Flüchtlinge aufnehmen, werden den Zustrom allein auf Dauer nicht bewältigen können. Geben jene EU-Mitglieder, die sich der Aufnahme von Flüchtlingen verweigern, ihre Haltung nicht auf, droht der Europäischen Gemeinschaft eine Zerreißprobe. Die politischen, ökonomischen und sozialen Folgen wären unabsehbar, ist doch die Idee, die der Gemeinschaft zugrunde liegt, seit fast 60 Jahren die Voraussetzung für eine mehr oder minder friedliche Entwicklung auf dem Kontinent.

Die mangelnde Solidarität eines Teils der EU-Mitgliedstaaten untereinander und mit den vor Krieg und Zerstörung fliehenden Menschen ist aber kein Freibrief für Kriminelle, Flüchtlingen hierzulande mit Gewalt zu begegnen. Der Staat ist gefordert, solchen Aktionen konsequent entgegenzutreten. Gleichsam gefordert sind auch die Bürger. Die Tausenden Helfer, die sich seit Monaten ehrenamtlich um Flüchtlinge kümmern, sie mit dem Nötigsten versorgen, ihnen Anteilnahme und Trost zukommen lassen, geben ein Beispiel! Dabei kann niemand die Augen davor verschließen, wie schwierig es ist, die Schutzsuchenden bei uns zu integrieren (siehe Seite 60). Mit der Krise sind aber auch Chancen verbunden, wenn ihr mit einem Plan und Haltung begegnet wird.

Kurzum: Unternehmerverbände und Gewerkschaften, Landwirte und andere Unternehmer im ländlichen Raum, die gemeinsam mit Ausländerbehörde und Arbeitsagentur Flüchtlingen Praktika und eine neue berufliche Existenz ermöglichen, machen mir Mut, dass wir die Herausforderung bewältigen können. „Wir haben eine besondere Situation. Jeder ist gefordert zu schauen, wie er helfen kann. Eine Abwehrhaltung gegen Flüchtlinge ist weder menschlich noch intelligent“, sagte mir kürzlich ein Landwirt, der einen jungen Somali einstellte, der durch den Krieg in seiner Heimat seine Familie verlor. Respekt, Franz-Josef Boge!

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