Kommentar zum Heft 45/2016



Barrieren beseitigen, Grenzen ziehen

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

die Digitalisierung der Landwirtschaft schreitet mit großen Schritten voran. Laut Umfrage (S. 26) des IT-Lobbyverbandes Bitkom unter 521 Landwirten und Lohnunternehmern betreibt jeder Zweite von ihnen Smart Farming. Dass Deutschlands Bauern digitaler arbeiten als die Fabriken der Fertigungsindustrie, die es in der Nutzung der Methoden von Industrie 4.0 nur auf 46 % Verbreitung bringen, hat sogar den Verband überrascht. In Landmaschinen von heute ist in der Regel mehr Hightech verbaut als in einem modernen Auto.

Durch Landwirtschaft 4.0 erhoffen sich viele Landwirte und die Politik eine ressourcen- und klimaschonendere Landbewirtschaftung und eine Tierwohl fördernde Haltung. Zwei Drittel der Landwirte sehen die Digitalisierung der Branche als Chance, da sie helfen kann produktiver zu werden, international wettbewerbsfähiger zu sein, dem Verbraucher näherzukommen und damit die Landwirtschaft zukunftsfest zu machen. Die überwiegende Mehrheit stimmt der Aussage zu, dass durch die Digitalisierung die landwirtschaftliche Produktion transparenter wird. Der Verbraucher bekommt mehr Informationen darüber, wo das Produkt herkommt und mit welchen Methoden und unter dem Einsatz welcher Mittel es erzeugt wurde. Das kann Vertrauen erzeugen. Nur 13 % der Landwirte sehen Landwirtschaft 4.0 als ein Risiko. Deren größtes Problem ist gerade der gläserne Bauernhof.

Damit die Pflanze „Landwirtschaft 4.0“ so richtig wächst und gedeiht, sind jedoch einige Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Das Internet muss in den ländlichen Regionen viel schneller werden. Laut dem Konjunkturbarometer Landwirtschaft des Deutschen Bauernverbandes sagen 70 % der Landwirte, dass sie breitbandmäßig unterversorgt oder unzureichend angebunden sind. Viele Landwirte können ein Lied davon singen, wo auf ihren Flächen kein mobiles Internet verfügbar ist.  

Besonders auf dem Acker bereiten viele Precision-Farming-Anwendungen Geodaten in verschiedenen Formen auf. Eine kostenfreie Verfügbarkeit von einheitlichen und offenen Datenformaten ist wichtig. Nach der EU-Datenrichtlinie müssen alle mit EU-Steuergeldern erhobenen Geodaten kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Der Deutsche Wetterdienst verfügt über eine Ausnahme: Er stellt seine hochaufgelösten Wetterdaten nur in einem kurzen Zeitfenster als Grundversorgung kostenlos zur Verfügung. Spezielle Wetterparameter sind nur gegen Gebühr zu beziehen. Kataster- und Ackerschlagdaten stehen derzeit ebenfalls nicht in ausreichend detaillierter oder maschinenlesbarer Form und einheitlichem Format zur Verfügung. Die Daten werden von jedem Bundesland einzeln mit unterschiedlichen Systemen erhoben und sind schwer in die Farmmanagementsysteme zu integrieren.

In die Datensicherheit und -hoheit haben die Landwirte am wenigsten Vertrauen. Die Kontrolle über die Daten muss der Betriebsleiter haben. Auf keinen Fall dürfen die Daten zur Überwachung und Kontrolle der Landwirte von Behörden missbraucht oder von Unternehmen für Werbezwecke verwendet werden. In der EU sind die personengebundenen Daten rechtlich relativ gut geschützt. Im landwirtschaftlichen Alltag werden jedoch hauptsächlich rechtlich ungeschützte Produktions- und Geodaten gesammelt, die oft einen Nutzen generieren, der über den einzelnen Betrieb hinausgeht. Von diesem Nutzen muss der Daten abgebende Landwirt profitieren. Die Betriebsdaten sind ein kostbares Gut, das geschützt werden muss. Hier stehen die Hersteller bzw. Anbieter von landwirtschaftlichen IT-Anwendungen in der Verantwortung, über die konkrete Verwendung der Daten aufzuklären.


Herzlichst Ihr
Klaus Meyer

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr