Kommentar zum Heft 44/2018



Artenschutz ist mehr als Wolfsschutz 

Liebe Leserinnen und Leser,

mit Problemen lässt es sich leicht leben – wenn sie andere Leute, aber nicht einen selbst betreffen. Das mag der Grund sein, warum manche (nicht alle!) Interessenvertreter von Umwelt- und Naturschutz mit einer Wahnsinns-Gelassenheit reagieren, wenn es um den Wolf und die Weidetierhaltung geht. Tierhalter müssten ihre Herden eben besser schützen, heißt es mitunter lapidar, wenn mal wieder Nutztierrisse zu beklagen waren.

Die Art und Weise, mit der manche Zeitgenossen den Weidetierhaltern in dieser Frage entgegentreten, ist schlichtweg eine Unverschämtheit. Die Halter müssen einen enormen Aufwand betreiben, um ihre Tiere vor dem Wolf zu schützen. Kein Berufsschäfer kann es sich leisten, auf den Herdenschutz zu verzichten, weil daran im Fall des Falles die Entschädigung durch den Staat geknüpft ist. Die Mehrkosten hierfür muss er zumindest teilweise selbst tragen, die Mehrarbeit ohnehin. 

 

Schadensausgleich wie auch Unterstützung für den Herdenschutz sind in den Bundesländern unterschiedlich (und auch unterschiedlich gut) geregelt. In Sachsen, wo man mit dem Wolf bisher am längsten zu tun hat, ist man den Schäfern weit entgegengekommen. Das hat dem Freistaat die ausdrückliche Anerkennung des Sächsischen Schaf- und Ziegenzuchtverbandes eingebracht – auch wenn man dort, etwa bei der Rissbegutachtung oder bei einer zügigen Entnahme von Problemwölfen, durchaus noch Potenzial zum Besserwerden sieht. Der Entschließungsantrag zum Umgang mit dem Wolf, den der Freistaat Sachsen gemeinsam mit Niedersachsen und Brandenburg in den Bundesrat eingebracht hat, wird von den Schäfern ebenfalls befürwortet. Gefordert wird darin unter anderem eine bundesweit deutlich bessere Unterstützung für Herdenschutz, Schadensausgleich und die Weidetierhaltung allgemein.

 

Für Empörung bei den Wolfsbeschützern hat gesorgt, dass die drei Länder auch Antworten auf einen stetig wachsenden Wolfsbestand einfordern und dabei mittel- bis langfristig durchaus eine Regulierung auf Basis eines detaillierten Monitorings (und einer Eins-zu-eins-Anwendung der europäischen Vor­gaben im nationalen Recht der Bundes­republik!) anzustreben scheinen. Abschüsse würden keinen Herdenschutz ersetzen, hieß es beispielsweise seitens des Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Sachsens Grüne deuteten den Antrag gleich gänzlich zu ­einer Forderung des sächsischen CDU-Agrarministers Thomas Schmidt nach einer Abschussquote um und warfen ihm „Schau­fensterpolitik“ zu Wahlkampfzwecken vor. Man verstieg sich sogar zu der Aussage, der Wolfsbestand reguliere sich von selbst.

 

Allerdings führt diese „Selbstregulation“ bisher nur zu mehr Wolfsterritorien und einem wachsenden Gesamtbestand. Was schon die Frage aufkommen lässt, wie gefährdet diese Art im mitteleuropäischen Kontext denn tatsächlich ist. Hier unvoreingenommen eine wissenschaftlich fundierte Antwort suchen zu wollen, darf nicht zum Tabu erklärt werden. Alles andere wäre ein Tanz ums goldene Kalb. Nicht nur die dynamische Entwicklung des Wolfsbestandes in Deutschland spricht dafür, die Regeln für den Umgang mit dem Wolf neu zu justieren, sondern auch der Umstand, dass Artenschutz nicht nur Wolfsschutz ist. Für die Biodiversität erbringt die Weidetierhaltung Leistungen, die nicht zu ersetzen sind. Will der Naturschutz darauf nicht verzichten, darf er die ohnehin schwierige ökonomische Situation der Halter nicht noch zusätzlich erschweren – und muss beim Wolf, auch wenn der für viele Naturfreunde das „Flaggschiff“ des Artenschutzes ist – kompromissbereit sein.

 

Herzlichst Ihr Karsten Bär

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