Kommentar zum Heft 43/2018



Helfen, bevor es zu spät ist 

Liebe Leserinnen und Leser,

die Aktion war mehr als symbolträchtig. Zum ersten Mal seit fünf Jahrzehnten weideten wieder Schafe auf dem Tempelhofer Feld. Hier hatte zu Zeiten des Kalten Krieges Hochbetrieb geherrscht. Bis in die Nachtstunden dröhnten die Motoren der landenden Flugzeuge, die die Westberliner mit Lebensmitteln versorgten. Nun war ein Schäfer aus dem brandenburgischen Altlandsberg, wenige Jahre nach dem Mauerbau geboren, mit einem Teil seiner Herde für eine Woche nach Berlin gekommen. Er wollte nicht nur deutlich machen, wie wichtig die Landschaftspflege mit den genügsamen Vierbeinern ist. Vor allem ging es dem Schäfermeister um eines: Im Schulterschluss mit Hirten aus ganz Deutschland zeigen, dass der traditionelle Berufsstand stark gefährdet ist. 

Regelrecht im Sinkflug befindet sich die Zahl der Berufsschäfereien. Wurden im Jahre 1990 bundesweit noch rund 1.500 registriert, waren es 2016 schon keine 1.000 mehr. Dies hat vor allem mit den außerordentlich schwierigen Rahmenbedingungen zu tun. Die Preise für Lammfleisch und Wolle decken gerade mal  30 %  des Einkommens. Zwar gibt es Direktzahlungen, die im Vergleich zu 2005 sogar angestiegen sind. Dem stehen jedoch höhere Betriebskosten der Schafhaltung gegenüber. Die Pachtpreise für Dauergrünland sind kräftig angestiegen, was für viele Schäfer ohne nennenswertes Eigentum an Boden nur schwer zu stemmen ist. Zudem eignen sich Verpächter über spezielle Flächenbindungsklauseln in den Pachtverträgen zunehmend die Zahlungsansprüche ihrer Pächter an. Hinzu kommen bürokratische Hürden, an denen gerade kleine Schafhaltungen schnell scheitern.

Als wirksames Mittel, um den weiteren Bestandsabbau zu verhindern, fordert der Bundesverband der Berufsschäfer die Einführung einer Weidetierprämie ab 2019. Dazu demonstrierten im März dieses Jahres rund 200 Schäfer vor dem Bundeslandwirtschaftsministerium, vier Wochen später wurden entsprechende Petitionen den Landtagen übergeben. Im Ministerium hält man dagegen, dass der positive Effekt einer Weidetierprämie geringer sei als vermutet. Diese hätte eine Kürzung der Basisprämie sowie einen zusätzlichen Verwaltungs- und Kontrollaufwand zur Folge. Laut Bundesverband der Berufsschäfer ist jedoch die geforderte Prämie von 38 € je Mutterschaf und Ziege mit einer Umlage aus der Flächenprämie von lediglich zwei bis vier Euro je Hektar gut finanzierbar. Zumal die EU den Mitgliedstaaten erlaubt, Mittel aus der Ersten Säule der Agrarförderung für bedrohte Sektoren auszugeben. 

Im Bundestag stieß die Forderung auf Ablehnung, doch auf Länderebene ist einiges in Bewegung geraten. In Thüringen liegt inzwischen ein Referentenentwurf für die sogenannte SchaZie-Prämie in Höhe von 25 € pro Tier vor, eine Anhörung der Verbände ist erfolgt. In Sachsen-Anhalt beschloss jüngst das Parlament mit den Stimmen der Opposition, den Weidetieren ebenfalls eine Sonderzulage zu gewähren. Allerdings bereitet die Finanzierung den Kassenwarten Sorge, und die Schäfer wissen, dass die aus Landesmitteln zu bestreitende Weidetierprämie unter die De-minimis-Beihilferegelung fällt und somit je Betrieb maximal 15.000 € innerhalb von drei Jahren gewährt werden können. Viele Schäfer haben jedoch schon diesen Fördertopf für den Schutz ihrer Herden vor Wolfsübergriffen und für die Entschädigung ausgeschöpft. Deshalb braucht der Berufsstand mehr Zuspruch, vor allem Unterstützung durch die Politik. Der Rückgang der Schafhaltung muss gestoppt werden. Noch ist es nicht zu spät!


Herzlichst Ihr Wolfgang Herklotz

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