Kommentar zum Heft 43/2016



25 Jahre – was blieb von den Genossenschaften?

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

ja, es gibt sie noch – die Agrargenossenschaften in der ostdeutschen Landwirtschaft. Es ist vielleicht nicht mehr so viel Rummel um sie wie in der Wendezeit, aber die 900 Betriebe bewirtschaften immerhin noch knapp ein Viertel der Agrarfläche in den östlichen Bundesländern. Und bemerkenswert: Die meisten von ihnen sind 2016 ein Vierteljahrhundert alt geworden. Auf welche Bilanz blicken sie zurück, und mit welchen Plänen gehen sie in die Zukunft?

Vielleicht ist es für die Diskussion dieser Frage gut, wenn man sich 25 Jahre nach der Wende ganz bewusst nicht wieder in die inzwischen von Gerichten aller Ebenen behandelten Fragen der Vermögensauseinandersetzung und Genossenschaftsentstehung vertieft. Ja, diese Dinge waren hart, und nicht alles ist richtig gelaufen. Doch irgendwann geht die Geschichte auch einfach nur noch vorwärts. Schauen wir also, was real zu sehen ist:

Einerseits sind da vielerorts stabile Betriebe, die mit erheblicher Wirtschaftskraft agieren, für Hunderte von Menschen auf dem Land Teilhabe gewähren, Arbeitsplätze besonders in der viel gescholtenen Tierhaltung sichern und ein großes soziales Engagement zeigen. Zum anderen sind auch Genossenschaften nicht vor Problemen wie Rationalisierungszwang und Fachkräftemangel gefeit, sind verletzlich infolge der Lohnarbeitsverfassung. Auch Fälle der Aushöhlung sind bekannt: Was ist denn noch genossenschaftlich an einem Unternehmen, dessen drei letzte Mitglieder  auch noch ein und derselben (Investoren-)Familie angehören? Sie sehen, die Genossenschaftsbewegung steht vor enormen Herausforderungen. Der Generationswechsel auf Führungsebene entscheidet heute fast überall über Wohl und Wehe des Unternehmens, und die Sicherung sinnvoller Nachfolgen in der Mitgliedschaft ist eine Hauptaufgabe der Führungsgremien. Letztlich geht es in vielen Genossenschaften um die Eigenkapitalsicherung. Hierbei muss man der Versuchung widerstehen, durch Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft eben diese Frage und gleichzeitig die Führungsstruktur zu vereinfachen.

Wie könnte es weitergehen mit den Agrargenossenschaften? Das ist nicht klar: Einerseits haben seit der Jahrtausendwende über 300 Genossenschaften in eine andere Rechtsform gewechselt oder aufgegeben – immerhin ein Viertel. Andererseits erfreut sich die Rechtsform unter Neugründern einer gewissen Beliebtheit. Zwischen 2011 und 2015 hätten sich in seinem Verbandsgebiet 287 neue Genossenschaften gegründet, berichtete der Genossenschaftsverband Anfang Juli. Den Löwenanteil daran machen jedoch die Energiegenossenschaften aus – Produktionsgenossenschaften sind nicht hinzugekommen. Nicht mal in Krisenzeiten wie jetzt. Seltsam, oder?

Warum das so ist, sollten wir ebenso ehrlich diskutieren wie die Frage, was die vorhandenen Genossenschaften zu ihrer erfolgreichen Entwicklung antreibt. Einen Beitrag zu diesen Klärungen erhoffe ich mir von der Tagung „25 Jahre Agrargenossenschaften“, die das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) gemeinsam mit dem Deutschen Raiffeisenverband (DRV) und der Gesellschaft zur Förderung der Genossenschafts- und Kooperationsforschung (GFGK) am 2. November in Halle an der Saale veranstaltet. Vertreter aus Praxis, Verbänden, Politik und Wissenschaft werden diskutieren, inwieweit der Genossenschaftsgedanke heute in der Landwirtschaft gelebt wird, wie dabei den künftigen Herausforderungen begegnet werden kann und welchen Beitrag Agrargenossenschaften mit Blick auf gesellschaftliche Erwartungen leisten. Das wird spannend – wir sind dabei. Sie auch?


Ihr
Dr. Thomas Tanneberger

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