Kommentar zum Heft 41/2018



Verschiebung ist noch keine Lösung

Liebe Leserinnen und Leser,

der Bundesrat war vor drei Wochen nicht dafür, die Agrarministerkonferenz in Bad Sassendorf konnte sie kurz danach nicht gutheißen, und in der Bevölkerung versteht sie ohnehin buchstäblich keine Sau: die Fristverlängerung für die betäubungslose Ferkelkastration. Nun soll sie der Bundestag beschließen, und zwar per Gesetzänderung (S. 20). So verfügten es in der vergangenen Woche die Spitzen unserer aktuellen Koalitionsfraktionen. Das ist insofern bemerkenswert, als dass sich die SPD bis zuletzt gegen eine Absenkung des gesetzlich garantierten Tierschutzniveaus gewehrt hatte und eine untergesetzliche, also auf Verordnung basierende Regelung bislang als wahrscheinlichste Lösung gegolten hatte. Was bedeutet der Sinneswandel?

Aus Sicht der deutschen Sauenhalter ist die Entwicklung zunächst einmal positiv. Sie können Hoffnung schöpfen, dass sich für sie vielleicht nun doch noch eine Arbeits- und Lebensperspektive in Deutschland ergibt. Die Erleichterung ist ihnen zu gönnen, zumal ich lange Zweifel hatte, ob nicht die wenigen im Strukturwandel verbliebenen Sauenhalter in dem ganzen Politkino um die Ferkelkastration unter der Hand längst zum Bauernopfer bestimmt waren. Nun also doch nicht. Gut so. Denn wir brauchen die Schweineproduktion bei uns im Land. Wie sonst sollte der von der Bevölkerung formulierte Anspruch der regional verwurzelten Produktion umgesetzt werden? Wie sonst soll Schweineproduktion im europäischen Markt zukunftsfähig und gleichzeitig umweltschonend gestaltet werden?

So positiv die hoffentlich nun auch wirklich kommende Fristverschiebung für die Schweinebauern ist, sie hat einen Haken: Die ihr zugrunde liegenden Probleme sind durch sie nicht gelöst. Um hier auf gute Wege zu kommen, hilft es vermutlich wenig, stur auf den bisher vertretenen Positionen zu beharren. Alle Argumente sind bereits ausgetauscht. Ohne neuen Ansatz bewegt sich nichts mehr.

Auch der unkritische Blick nach Skandinavien dürfte wenig helfen, denn unsere Rechtslage ist eine andere als die im Norden. Eher führt weiter, Szenarien zu entwickeln und diese aus Sicht von Tierschutz, Wirtschaftlichkeit und Öffentlichkeitsverständnis nüchtern zu bewerten. Dies meint weniger „unalkoholisiert“ als „frei von Kurzfrist­interessen“, denn die überstarke Interessenbehaftung aller Parteien dürfte es gewesen sein, die das Problem Ferkelkastration so zugespitzt hat. Allzu sehr hat sich die Politik bisher von den Einflüsterungen der Lobbygruppen leiten bzw. verunsichern lassen. Tierschützer und Bauern, Verbände und Tierärzte – sie alle haben wirtschaftliche und politische Interessen in dieser Sache und berieten die Politiker folglich nicht neutral.

Für eine gute Lösung bis 2021 wird die Politik also endlich neutrale Wissenschaftler befragen müssen. Doch da beginnen die Probleme: Wen will man befragen, wenn die anwendungsorientierte Agrarforschung allerorten zusammengestrichen wird, wenn die Welt der Agrarwissenschaft oft nur noch von Drittmittelprojekten, Wichtigkeitsfaktoren und Literaturlisten lebt? Die Ratlosigkeit der Politik in Sachen Ferkelkastration führt uns klar vor Augen, wie sehr wir eine staatlich finanzierte und auch staatlich beauftragte Anwendungsforschung benötigen, die methodisch sauber Entscheidungsgrundlagen für agrarpolitische Regulierungsprobleme schafft, bei denen es keine neutralen Akteure gibt. Aber ach, das kostet ja Geld. Vielleicht 40 Millionen pro Jahr? Keine Chance. Das Geld wird in Berlin gebraucht. Der nun schon seit sieben Jahren fertige und doch funktionsuntüchtige Staatsflughafen in Schönefeld verbraucht diese Summe in einem Monat. Wer rechnet mit?
Der BER kostet 1,3 Millionen Euro – am Tag!

Herzlichst Ihr Thomas Tanneberger

Umfrage: Ferkelkastration



Wie steht es um den Wissens- und Qualifikationsbedarf bezogen auf Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration?

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