Kommentar zum Heft 40/2018



Gutes Beispiel oder schlechtes Vorbild?

Liebe Leserinnen und Leser,

befragt man in dieser Zeit Menschen in der Öffentlichkeit zum Thema Landwirtschaft in Deutschland, würden ohne lange Überlegungen die Worte Pestizide, Gentechnik oder Massentierhaltung in den Köpfen der Befragten kreisen. Die Landwirtschaft in Deutschland, ja sogar in weiten Teilen Europas, steht am Pranger. Das ist nichts Neues. Und es kommen immer neue Themen hinzu, über die der sogenannte Verbraucher zu urteilen vermag. Waren es vorgestern noch die Gülleausbringung und gestern der Glyphosat­einsatz, so ist es heute die Pflanzenzüchtung nach der CRISPR/Cas-Methode. Zugegeben, vor allem die Gesetzgebung spielt in diesen Zusammenhängen eine entscheidende Rolle. Denn ohne politische Entscheidungen wären die novellierte Düngeverordnung, der Glyphosatausstieg oder die Zuordnung des neuen Züchtungsverfahrens zur Gentechnik nicht auf den Weg gebracht worden. 

In den USA allerdings werden diese Themen weniger problematisch gesehen. Der Glyphosateinsatz im „Roundup-Ready“-Anbau ist die Regel, und die sogenannte Genschere zur beschleunigten Züchtung neuer Sorten hat längst Einzug in die Praxis gehalten. Letztere wird vielmehr als eine abgemilderte Form der konventionellen Gentechnik gesehen, könnte man meinen. Die Gesellschaft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist nicht per se für eine Landwirtschaft, wie sie dort betrieben wird. Doch ihre Kritiker führen die Debatte nicht so emotional und me-dienwirksam wie hierzulande. Diesen Eindruck erhält man zumindest bei einem Besuch in den Vereinigten Staaten. In Deutschland werben hingegen viele Unternehmen damit, ausschließlich gentechnikfreie Lebensmittel herzustellen. Und auch der Glyphosateinsatz würde bei vielen Landwirten zum Ende der Zusammenarbeit mit vielen verarbeitenden Unternehmen führen. Warum gibt es so gravierende Unterschiede? Liegt es an der Mentalität der Menschen oder am Selbstbewusstein der Farmer?

Die Amerikaner setzen auf genau abgestimmte Anbausysteme im Pflanzenbau. Das Saatgut wird passend zur „Pflanzenschutzstrategie“ gekauft (sofern von Strategie die Rede sein kann) und es kommen Softwarelösungen zum Einsatz, die versuchen, die besten Optionen zu ermitteln (lesen Sie mehr ab S. 22). Das System scheint zu funktionieren, und die amerikanische Gesellschaft hat anscheinend Vertrauen in ihre Landwirte. Vom sogenannten Bauern-Bashing im Internet, wie es in Deutschland teilweise vorkommt, hört man nichts. Es könnte daran liegen, dass sich die Menschen vor allem in den riesigen ländlichen Regionen entweder zu gut mit der Landwirtschaft auskennen oder gar nicht. Zudem sind ihnen andere Wirtschaftsweisen, wie die europäische, fremd. Auf der anderen Seite wächst unter den Landwirten trotzdem Unmut darüber, wie es in Zukunft weitergeht mit Monokulturen und der Wirkstoffübernutzung im Pflanzenschutz. 

Immer mehr Landwirte beschäftigen sich auch in den USA mit alternativen Verfahren. Manche versuchen, die Fruchtfolge breiter auszugestalten und bauen z. B. Kartoffeln an. Da es bereits zu Glyphosatresistenzen bei Unkräutern kam, sind viele gezwungen, auf den Wirkstoff Dicamba auszuweichen. Das bereits 1965 zugelassene Wuchsstoffherbizid ist oft die einzige Möglichkeit, den Unkräutern zu begegnen. Berater berichten von Skepsis der Landwirte gegenüber dem Oligopol an Pflanzenschutzanbietern. Die Debatte um Änderungen der Anbausysteme geht dort nicht von der Gesellschaft aus, sie fängt bei vielen Farmern selbst an. Viele von ihnen haben erkannt, dass es nicht ganz wie bisher weitergehen kann. Nicht nur in Europa wird sich die Landwirtschaft ändern. Vielleicht hilft den Amerikanern ein Blick nach Osten weiter ...


Herzlichst Ihr David Benzin

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