Kommentar zum Heft 40/2017



Innezuhalten fällt dieser Tage nicht leicht

Liebe Leserinnen und Leser,

es war ein zähes Ringen um die diesjährige Ernte. Wir Landesredakteure haben es in unseren Praxispartnerbetrieben sozusagen hautnah verfolgt. Deren Leiter, zumeist seit vielen Jahren im Geschäft, kann zwar nichts so leicht erschüttern. Aber dieses Jahr bereitete Probleme wie lange nicht mehr. Es waren vor allem die immensen Niederschläge, die immer wieder den Drusch unterbrachen und die Flächen auch für die Herbstbestellung lange Zeit unbefahrbar machten. Die regional zweifellos sehr unterschiedlichen Ergebnisse lassen kaum Freude aufkommen. In der LSV Landwirtschafts GmbH aus dem brandenburgischen Landkreis Oberhavel beispielsweise liegen die Erträge unter dem langjährigen Mittel, während sich die Erntekosten zum Vorjahr fast verdoppelten. Der Raps kam zwei Wochen später als üblich in den Boden. Das „Fenster“ für die Herbstbestellung war somit arg verkleinert und erforderte viel Geduld.

In dieser Situation innezuhalten fällt vielerorts nicht leicht. Zu schwer wiegen die Sorgen um Wirtschaftlichkeit, wenn sich zu Mindererträgen noch niedrige Erlöse für die Druschfrüchte gesellen und die Frage steht, wie es weitergehen soll. So mancher Betrieb hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten bereits von der Milchviehhaltung verabschiedet, weil diese zum Zuschussgeschäft verkommen war, bedingt durch die über lange Zeit katastrophalen Preise. Andere haben sich noch nicht dazu durchringen können und die Entscheidung von den Ergebnissen der diesjährigen Ernte abhängig gemacht. Die Hoffnung, sich mit dieser wieder etwas Luft zum Atmen verschaffen zu können, erwies sich nun als trügerisch. Der Verbraucher indes bekommt von alledem kaum etwas mit. Lebensmittel werden auch weiterhin ausreichend, ja im Überfluss verfügbar sein, zu erschwinglichen Preisen ohnehin. Das unterscheidet unsere Zeit von jener, als das Korn noch in mühevoller Handarbeit vom Feld geborgen werden musste.

Die uralte Tradition des Erntedanks hat dennoch ihre Berechtigung. Trotz schlagkräftiger Technik und modernster Methoden ist das, was auf unseren Feldern heranwächst, nach wie vor von der Witterung abhängig und das abschließende Einfahren alles andere als selbstverständlich. Das muss der Gesellschaft immer wieder aufs Neue vermittelt werden, und kein Zeitpunkt bietet sich dafür so an wie der aktuelle. Doch statt einfacher Wahrheiten braucht es eine tiefer gehende Diskussion, wie die hiesige Landwirtschaft künftig ihrer Aufgabe gerecht werden kann, ebenso nachhaltig wie wettbewerbs- und leistungsfähig zu sein. Dieser Gedanke ist der Kernsatz einer Erklärung, die der Evangelische Dienst auf dem Lande und die Katholische Landvolkbewegung gemeinsam mit dem Deutschen LandFrauenverband und dem Deutschen Bauernverband abgegeben haben.

Das Papier enthält eine Reihe von bemerkenswerten Aussagen und Erkenntnissen. Ganz dick unterstreichen möchte ich die Forderung der Unterzeichner nach mehr Wertschätzung und Anerkennung für die Leistungen der Landwirtschaft, gerade beim Naturschutz und bei der Nutztierhaltung. Dazu werden gesellschaftliche Regeln der Fairness ebenso angemahnt wie der rechtliche Grundsatz der Unschuldsvermutung. Wenn mediale Auseinandersetzungen jedoch nur darauf abzielen, Bauernfamilien oder Verantwortliche in Politik und Verbänden zu diffamieren, zerstört das die Basis für tragfähige Lösungen, heißt es in der Erklärung. Deutliche Worte, die reichlich zu denken geben. Wenn damit ein sachlicher Diskussionsprozess in Gang kommt, dann hat der Erntedank 2017 schon eine ganze Menge bewirkt.

Herzlichst Ihr
Wolfgang Herklotz

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