Kommentar zum Heft 40/2016



Völlig illusionsfrei – auch Biokühe werden krank

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

was Landwirte und Tierärzte schon lange wussten, nur niemand wirklich hören wollte: Nur weil Kühe in einem Ökobetrieb gehalten werden, sind sie nicht automatisch gesünder als ihre konventionellen Artgenossen. Diese Feststellung wurde jetzt nochmals mit Fakten unterlegt. Eine Studie der Kasseler Universität zeigt es (Seite 37). Und was bekräftigend dazu kommt – die Ergebnisse wurden vom Fachbereich der Ökologischen Agrarwissenschaft innerhalb eines europäischen Verbundprojektes „Impro“ gefunden. Objektiver geht es wohl nicht. Nun bedarf es nur noch der Veröffentlichung in den privaten und öffentlich-rechtlichen Medien, damit diese Botschaft möglichst viele Verbraucher erreicht.

Ökologisch gehaltene Tiere sind eben nicht per se gesund, wie es die meisten Biokäufer erwarten. Was die Tiergesundheit betrifft, klaffen im Ökolandbau Anspruch und Wirklichkeit oft himmelweit auseinander. Diese Erkenntnisse werden sogar auf internationaler Ebene bestätigt, ob in den USA (Oregon State University, 2014) oder Dänemark (Parasites & Vectors, 2016). So sind dänische Bioschweine häufig von Spulwürmern befallen und zeigten (bis zu 96 %) Milkspots der Leber, die auf eine durchlittene Verwurmung hinweisen. Amerikanische Wissenschaftler haben in einem Vergleich ökologisch und konventionell gehaltener Jerseys keine Unterschiede bei den Krankheitsraten entdeckt. Die Biokühe gaben allerdings im Schnitt 43 % weniger Milch. Daher ist es längst an der Zeit, dass auch der biologische Landbau mittels Tierwohlindikatoren und Leistungskennzahlen entsprechend geprüft wird.

Die aktuelle europäische Studie weist zusätzlich darauf hin, dass ein guter Gesundheitszustand der Tiere nicht in einem regionalen noch einem Bezug zur Größe eines landwirtschaftlichen Betriebes steht. Weder sind die Faktoren „klein“ und „bio“ widerspruchslos gut, noch „groß“ und „konventionell“ schablonenhaft schlecht. Dieser Umstand wäre damit nun auch endgültig geklärt. Am Ende bleibt eben wirklich alles eine Frage der Haltung. Aber nicht nur die Einstellung der Landwirte zur ihren Tieren, sondern auch die Einstellung von Gesellschaft bzw. Verbraucher und Politik zur Landwirtschaft trägt zur tiergerechten Viehhaltung bei. Untrennbar damit verbunden ist der Preis, der für tierische Produkte bezahlt wird. Denn die Realität zeigt auch: Ob Ökobetrieb oder konventionelles Ackern – niedrige Erzeugerpreise prägen heute den Agrarsektor. Die Tierhaltung ist der Bereich der Landwirtschaft, in dem die meisten Arbeitskräfte benötigt werden. Doch nur entsprechend entlohnte Fachkräfte können eine verantwortungsvolle Betreuung der Nutztiere in dem heute geforderten Umfang leisten.

Nicht das Haltungssystem der Kühe, sondern das Entlohnungssystem der Agrarwirtschaft kann daher wirklich etwas an dem Gesundheitszustand der Tiere ändern. Betrachtet man allein nur die wirtschaftliche Situation der Raufutterfresser haltenden Betriebsformen (Seite 36), wird schnell klar, dass selbst unter Zuhilfenahme von Ausgleichsgeldern keine faire Entlohnung der Arbeitskräfte erfolgt. Obwohl diese Unternehmen einen großen Anteil gesellschaftlich gewünschter Umweltmaßnahmen umsetzen. Viele grundlegende Probleme betreffen einfach alle Landwirte – ob es der Anstieg der Boden- und Pachtpreise, die Novellierungen im Baurecht oder die Konzentration des preisbestimmenden Agrarhandels und der Lebensmittelkonzerne sind. Und sollte es den Marketingstrategien und dem Ökoimage widersprechen, ich bleibe dabei: Ein gemeinsames Vorgehen der konventionellen und ökologischen Landwirte mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen (nicht nur in puncto Tiergesundheit) wäre sehr wünschenswert.


Ihre
Anja Nährig

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