Kommentar zum Heft 39/2018



Frische Brise nach der Flaute?

Liebe Leserinnen und Leser,

die Stimmung der Windenergiebranche ist im Keller. Das war diese Woche auf ihrer Leitmesse, der Wind Energy, deutlich zu spüren. Kurz vor Beginn der Leistungsschau der Anlagenbauer in Hamburg hatte es erneut Negativschlagzeilen von Enercon gegeben. Der Branchenriese musste den Wegfall von weiteren 275 Jobs verkünden. Bundesweit streicht der Auricher Konzern nun 835 Arbeitsplätze. Der Grund sind fehlende Aufträge. In Deutschland werden zu wenig neue Windkraftanlagen gebaut. Die hiesige Windenergiebranche – einst Hoffnungsträger der Energiewende – steht vor einer schweren Krise. Und das Paradoxe daran ist: Während der heimische Markt kollabiert, boomt international das Geschäft mit den Windrädern.

Widersprüchlich ist das Ganze aber nur auf den ersten Blick, denn der dramatische Preisverfall für Windstrom ist hausgemacht, sprich politisch gewollt: Um die Kosten der Energiewende für den Steuerzahler zu senken, wurde bekanntlich bei der jüngsten Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) die bislang auf 20 Jahre festgeschriebene Vergütung durch eine wettbewerbliche Ermittlung der Vergütungshöhe für neue Windkraftan­lagen ersetzt. Gleichzeitig begrenzte der Gesetzgeber das Zubauvolumen und privilegierte sogenannte Bürgerwindparks bei den Ausschreibungsverfahren. In der Folge erhielten diese dann auch fast alle Zuschläge. Mit der – mittlerweile korrigierten – Ausnahmeregelung sorgte die Politik jedoch für einen Marktstillstand, da zu den Privilegien für die „Bürgerwindparks“ auch noch sehr lange Fristen für die eigentliche Umsetzung der Bauvorhaben gehörten. Niemand weiß, ob sie überhaupt einmal realisiert werden. 

Die Branchenvertreter zeigten sich in Hamburg dementsprechend deprimiert. „Ich schaue mit großer Sorge auf die Entwicklungen in der deutschen Windbranche“, erklärte beispielsweise Philipp Vohrer, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) gegenüber der Presse. Das Ziel der Bundesregierung sei es eigentlich gewesen, den Ausbau zu beschleunigen. Stattdessen verlangsame man ihn. „Die Ausbauzahlen sprechen für sich: Im vergangenen Jahr sind 5.300 Megawatt (MW) neu dazugekommen, dieses Jahr werden es nur noch 3.500 MW sein und im kommenden Jahr gerade einmal 1.500 MW.“

Doch den Schwarzen Peter jetzt allein der Regierung zuzuschieben, wäre zu einfach: Jahrelang ruhten sich die deutschen Windradbauer auf den leicht verdienten Fördermillionen aus, ohne tragfähige Strategien für das Post-EEG-Zeitalter zu entwickeln. Anstatt ihre Firmenstrukturen zu verschlanken und sich interna­tional breiter aufzustellen, haben sie einseitig auf die Kundschaft vor Ort gesetzt. Jetzt, wo mit Deutschland der wichtigste Absatzmarkt für Windkraftanlagen in Europa weggebrochen ist, rächt sich das bitter. 

In Hamburg waren die Windmüller aber nicht nur mit dem Wundenlecken beschäftigt. Im Gegenteil: Mancher meinte sogar, die Branche stehe vor einem gewaltigen Umbruch. Das Zauberwort hieß Direkt­abnahme-Verträge, sogenannte PPAs (Power Purchase Agreements). Dabei handelt es sich um langfristige Liefervereinbarungen, die Ökostromproduzenten mit energieintensiven Wirtschaftsunternehmen abschließen. Diese stehen mittlerweile stark unter Druck, ihren CO2-Ausstoß zu senken und das auch nachzuweisen. Im Zuge ihrer Nachhaltigkeitsstrategien empfangen sie Windparkbetreiber daher mit offenen Armen. Sinkende staatliche Förderungen und das neue grüne Gewissen vieler Großkonzerne könnten so im wahrsten Sinne des Wortes für kräftigen Aufwind sorgen.

Herzlichst Ihr Christoph Feyer

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