Kommentar zum Heft 39/2016



Erntedank mit Hindernissen

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

es naht der erste Sonntag im Oktober, es naht Erntedank. Die einen preisen Gott für die volle Scheuer, die anderen freuen sich schlicht, dass ihr Konto endlich mal wieder im Plusbereich ist. Doch ungetrübt ist die Freude in diesem Jahr leider nicht. Viele von uns werden diese Ernte als Negativrekord in Erinnerung behalten: Geringe Erträge und geringe Preise trafen dieses Jahr vielerorts aufeinander. Doch das ist vielleicht noch nicht einmal das Hauptproblem. Getrübt wird die verdiente Freude durch eine gesellschaftliche Angriffslust, ja Aggressivität gegenüber der real existierenden Landwirtschaft, die es wohl so noch nicht gegeben hat.

Da sind die Akteure der Milchmarktdiskussion, die aktiv versuchen, die Bauern gegeneinander aufzubringen. Statt am Runden Tisch gemeinsam über Strategie und Technologie nachzudenken (siehe Schwerpunkt zur Milchproduktion ab Seite 36), streiten sich die Leute, ob Mengenlimit ja oder nein, Marktregulierung ja oder nein, Vollabnahme ja oder nein. Dass das zu nichts führt, haben die mecklenburgischen Bauern offenbar als Erste begriffen und demonstrierten, egal ob Bauernverband oder BDM zugehörig, gemeinsam vor der jüngsten Agrarministerkonferenz für mehr Milchgeld. Welches Novum! Und vielleicht kommt ja irgendwann mal jemand darauf, dass die erbitterte Diskussion um die Genossenschaftsmolkereien auch unnötig ist: Sie können nach Grundgesetz ganz sicher selbst entscheiden, ob sie eine reine Förderzweckvereinigung mit Vollabnahme/Vollandienung sein wollen oder ob sie sich als gewinnmaximierendes Kooperativunternehmen sehen, das sich am Milchmarkt frei bewegt. Beide Formen haben wir doch in anderen Bereichen auch, denken wir an die Einkaufsgenossenschaften im Westen oder die Agrarproduktivgenossenschaften im Osten. Nehmen wir also vielleicht Erntedank zum Anlass, unsere verfahrenen Branchenkonflikte mal etwas aus der Vogelperspektive zu betrachten. Das fördert die Gelassenheit.

Gelassenheit werden wir auch brauchen, um das Maß an Feindseligkeit zu ertragen, das vergangene Woche über die Bauern ausgegossen worden ist. Spiegel und Süddeutsche überboten sich in Artikeln mit Anschuldigungen gegen Tierhalter, die Organisation foodwatch prahlte mit einem neuen Buch über das angebliche „Schweinesystem“ der Landwirtschaft. Und nach einem Jahr, das die Bauern vielerorts an den wirtschaftlichen Abgrund gebracht hat, trat das Erste (deutsche Fernsehen) gemeinsam mit der Veganerorganisation Ariwa eine Kampagne gegen eine Gruppe von Bauernpräsidenten los, die der Tierquälerei bezichtigt werden (S. 19). Wie oft zuvor werden unter Hausfriedensbruch gedrehte, aber kaum zu verortende Nahaufnahmen herangezogen, wie oft zuvor verzichtet der Sender auf
eine ernsthafte Prüfung des von „Aktivisten“ gekauften „Beweismaterials“, wie oft zuvor wird die Bevölkerung aufgehetzt gegen Bauern, die sich in der Sendung nicht einmal wehren können.

Nur dieses Mal stehen halt nicht Bauern aus irgendeinem Landkreis, sondern gewählte Verbandspräsidenten am Pranger. Und dieses Mal ist es nicht irgendein Regionalsender, der anklagt, sondern das erste bundesweite Fernsehen. Das ist schon eine neue Qualität. Wenn sich die Betroffenen nun nicht mit allen rechtsstaatlichen Mitteln wehren, können die deutschen Bauern einpacken. Alle wären beschädigt, niemand wird mit überführten Tierquälern verhandeln wollen. Doch gerade verhandeln müssen wir. Die Frage, wie künftig in Deutschland (und der EU!) Nutztiere gehalten werden, wird sich nur von Verbrauchern, Bauern, Wissenschaft und Ethik gemeinsam lösen lassen. Das sollten übrigens auch die Filmemacher langsam verstehen: Schießen war gestern. Morgen müssen wir reden. Spätestens.


Ihr
Dr. Thomas Tanneberger

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