Kommentar zum Heft 38/2017



Windenergie: Mehr Interesse als Zuschläge

Liebe Leserinnen und Leser,

wer eine Windkraftanlage mit mehr als 750 kW Leistung bauen will, muss ab diesem Jahr die Vergütung dafür ersteigern. Die ersten beiden Ausschreibungen zeigen eine interessante Entwicklung: Sehr viele Gebote kamen nicht zum Zug, und die Vergütung fällt niedriger aus, als viele erwartet haben. In der ersten Ausschreibung mit Gebotstermin 1. Mai waren 800 MW zu vergeben. Eingereicht wurden 256 Gebote mit 2 137 MW Gesamtleistung. Auch die zweite Ausschreibungsrunde mit Gebotstermin 1. August war von hohem Wettbewerb geprägt. Die Bundesnetzagentur hat 67 Geboten mit einem Umfang von 1 013 MW einen Zuschlag erteilt, abgegeben wurden aber 281 Gebote mit einem Volumen von 2 927 MW. Der durchschnittliche Zuschlagswert ist im Vergleich zur ersten Runde um über einen Cent pro Kilowattstunde gesunken, er lag bei 4,28 ct/kWh. Damit sind bei Windstrom die Kosten kaum noch ein Diskussionspunkt. Das muss allerdings noch in der Öffentlichkeit ankommen, und viele Bieter für die nächsten Ausschreibungsrunden müssen ihre Projekte wohl neu durchrechnen.

Bei einer Stromversorgung ohne fossile und atomare Brennstoffe wird die Windenergie rund 60 % der Energieerzeugung leisten müssen. Das ist eines der Ergebnisse des Forschungsprojektes Kombikraftwerk, das vor knapp zehn Jahren abgeschlossen wurde. 20 % wird die Solarenergie, 10 % wird Bioenergie und weitere 10 % werden Geothermie und Wasserkraft zusammen einspeisen. Dieser Mix ist grob gesehen das Optimum aus günstigen Gestehungskosten und Versorgungssicherheit. Das endgültige Verhältnis wird zum einen der Wettbewerb der Projekte bei den Ausschreibungen, vor allem aber die Regierung mit den Ausschreibungen bestimmen. Denn mit den freigegebenen Ausschreibungsvolumen hat es nun die Regierung in der Hand, wie die Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen wächst. Oder vielleicht auch zurückgeht, wie demnächst bei Biogas mit dem Auslaufen der 20-jährigen EEG-Vergütung zu befürchten. Dabei ist Biogas ein wichtiger Joker im Strommix, Stichwort bedarfsgerechte Stromlieferung bei Wind- und Sonnenflaute.

Erleichterte Bedingungen für die Teilnahme am Ausschreibungssystem gesteht der Gesetzgeber lokal verankerten Bürgerenergiegesellschaften zu. Anders als reguläre Bieter dürfen sie auch ohne eine immissionsschutzrechtliche Genehmigung an einer Ausschreibung teilnehmen. So sollen sie noch vor dem Durchlaufen des kosten- und zeitintensiven Genehmigungsprozesses Preissicherheit für ihr Windenergieprojekt bekommen. Zudem mildert die frühe Teilnahme am Ausschreibungsverfahren das Risiko, mit einem bereits weitgediehenen Projekt in der Ausschreibung zu scheitern. Außerdem haben sie zwei Jahre länger Zeit als andere Bieter und damit 54 Monate, um die Windparks zu bauen. Setzen sich Bürgerenergiegesellschaften mit ihren Geboten in der Ausschreibung durch, erhalten sie den Preis des höchsten noch bezuschlagten Gebots. Gleichzeitig sind sie verpflichtet, die Standortgemeinde zu 10 % finanziell an der Gesellschaft zu beteiligen oder ihr ein entsprechendes Angebot zu unterbreiten. Mit den Sonderregelungen will der Gesetzgeber die hohe Akteursvielfalt trotz der Umstellung auf Ausschreibungen erhalten. Bei der ersten Ausschreibung gingen 71 % des Gebotsvolumens an Bürgerenergiegesellschaften, bei der zweiten Ausschreibung waren es 95 % des Zuschlagsvolumens. Nun gibt es Vermutungen, dass darunter von Investoren angestoßene Projekte sind, die die Vorteile der Bürgerenergiegesellschaften für sich ausnutzen wollen. Hier muss die Bundesnetzagentur als Ausschreibungsbehörde genau hinsehen! 

Herzlichst Ihr
Jörg Möbius

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