Kommentar zum Heft 38/2016



Wenn der Platz knapp wird, bleibt der Wald

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

sind Windräder nicht etwas Wunderschönes? Wie sie sich gemächlich im sanften Spätsommerwind drehen? Und sauberen Strom herstellen? Ach so, Sie finden das nicht. Weil Sie von Ihrem Garten aus gleich 35 Stück sehen und etliche davon auch hören? Sie haben Angst, es werden immer mehr und sie kommen noch dichter an Ihren Garten heran?

Örtlich ist es mit den Jahren tatsächlich zu Anhäufungen von Windenergieanlagen gekommen, die die Dorfbewohner strapazieren und ihre Lebensqualität mindern. Manche Menschen fühlen sich mittlerweile von Windrädern umzingelt. Ihre Landschaft hat sich verändert, sie ist zugestellt. Die modernen, leistungsstarken Anlagen laufen zwar ruhiger als die alten kleineren, sehr nah am Dorf wirken sie mit ihren gigantischen Türmen jedoch auf die Betroffenen nicht selten bedrohlich. Die Abstände zu den Wohnhäusern sind häufig zu klein. Ich kann gut verstehen, dass viele Menschen 10H fordern, also einen Abstand, der das Zehnfache der Höhe der Windenergieanlage beträgt. In Bayern gilt 10H. Nun ist es ein relativ dicht besiedeltes Land, und die Bestimmung 10H führt dazu, dass dieser Abstand (oft zirka zwei Kilometer) zu den Dörfern nicht eingehalten werden kann. Wo sollen die Windenergieanlagen dann stehen?

Es bleibt noch der Wald. Große Wälder bieten die Möglichkeit, erträgliche Abstände zu den Wohnsiedlungen einzurichten. In sieben waldreichen Bundesländern werden derzeit Windräder im Wald errichtet, wobei der Ausbau mit Beginn des Jahrzehnts stark zugenommen hat. In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz steht jeweils ein Viertel des Anlagenparks im Wald. Die mit 230 Metern höchste der Welt ist eine Waldanlage im Hunsrück (S. 38). In Bayern und Hessen befindet sich jede fünfte Anlage im Wald. Ende 2015 gab es die meisten Waldwindräder in Rheinland-Pfalz, nämlich 350 der bundesweit 1 200 Anlagen. An zweiter Stelle folgt Brandenburg mit 240 Anlagen. Natürlich muss der Planer den Standort sehr sorgfältig wählen, um der Natur so wenig wie möglich zu schaden. Aber in intensiv genutzten Wirtschaftswäldern sollte der Anlagenbau möglich sein. Der Flächenbedarf ist gering, von Waldabholzung im großen Stil kann nicht die Rede sein. Die Fundamentfläche einer Drei-Megawatt-Anlage liegt bei zirka 350 bis 500 Quadratmetern, die Kranstellfläche, die erhalten bleibt, bei etwa 3 000 Quadratmetern. Der notwendige Neu- oder Ausbau von Wegen nützt nicht selten der ländlichen Infrastruktur.

Bei der Standortwahl wird genau darauf geachtet, dass nicht zu viele Vögel und Fledermäuse in Mitleidenschaft geraten. Die Höhen der modernen Windenergieanlagen dürften dabei helfen, denn die untere Flügelspitze der genannten Anlage im Hunsrück beispielsweise bewegt sich 100 Meter über dem Boden, das bedeutet etwa 75 Meter über den Baumwipfeln. In den Wipfeln und einige Meter darüber ist die Flugaktivität der meisten Vögel und Fledermäuse am stärksten.

Die Windkraft im Wald sollte kein Schreckgespenst sein. Vernünftig geplant, kann sie einen Beitrag zur Stromversorgung leisten. Mit der technischen Entwicklung der Windenergie generell und dem Wettbewerb der Anlagenerrichter ab dem nächsten Jahr (Ausschreibungen) wird der Strom immer günstiger. Die Konstrukteure der Zweiflügler (S. 36–37) peilen Stromherstellungskosten von fünf Cent pro Kilowattstunde für Anlagen an Land an. Sie meinen allerdings, die Menschen könnten sich nicht an den Anblick von Windkraftanlagen mit zwei Schwingen gewöhnen. Vielleicht ja doch, und zwar wenn sie weiter weg – im Wald – stünden?


Ihre
Christina Gloger

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