Kommentar zum Heft 36/2016



MeLa: Milchrindzüchter ziehen die Notbremse

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

seit 25 Jahren ist Mühlengeez bei Güstrow im September Treffpunkt der Agrarbranche Mecklenburg-Vorpommerns. Aussteller aus Land- und Ernährungswirtschaft, Landtechnikhandel, Gartenbau, Fisch-, Forst- und Jagdwirtschaft zieht es für vier Tage auf die Agrarschau MeLa. Die Messe ist das Schaufenster der Landwirtschaft und die größte ihrer Art im Nordosten Deutschlands. Um die 70 000 Besucher kommen jedes Jahr nach Mühlengeez. Zu Recht sind Bauernverband und Agrarverwaltung des Landes stolz auf die Messe, die sie einst gemeinsam aus der Taufe hoben.

Zur 26. MeLa-Auflage vom 15. bis 18. September werden erneut fast eintausend Aussteller erwartet, darunter Firmen aus 13 ändern. Damit werden auf der MeLa so viele Nationen vertreten sein wie nie zuvor. Und doch liegt dieses Jahr ein Schatten über der Schau: Die Milchrindzüchter haben ihre Teilnahme abgesagt. Die Marktkrise lässt zusätzliche Kostenbelastungen nicht mehr zu, hieß es vom Rinderzuchtverband MV. Die Züchter wollen zudem ein Zeichen setzen und auf die äußerst angespannte Lage auf den Milchviehbetrieben aufmerksam machen.

Im Vorfeld der Messe wird heftig darüber diskutiert, ob dieser Schritt der Sache der Milchbauern mehr nützt oder schadet. Die Schauen und Leistungswettbewerbe der Tierzüchter sind ein Publikumsmagnet der MeLa. Viele Besucher kommen, um Tiere zu sehen. Für „Städter“ ist die Schau oft die einzige Gelegenheit, landwirtschaftliche Nutztiere aus der Nähe zu betrachten. Kinder machen hier das erste Mal Bekanntschaft mit Pferden, Rindern, Schweinen, Schafen, Hühnern und Kaninchen. Die Schau bietet den Züchtern die Chance, ein reales Bild der modernen Tierhaltung zu zeigen. All das würde man aus der Hand geben, meinen jene, die die Absage kritisieren.

Ich habe Verständnis für die Milchrindzüchter. Mit ihrer Entscheidung ziehen sie die Notbremse – und das aus guten Gründen. Schon auf der MeLa 2015 haben sie eindrucksvoll auf die Krise am Milchmarkt aufmerksam gemacht. Verändert hat sich seitdem wenig. Die Auszahlungspreise sind immer noch im Keller, Kosten übersteigen Erlöse um ein Vielfaches. Im Land haben seitdem 60 Betriebe die Produktion eingestellt. Die Folgen dieses beschleunigten Strukturwandels: Die verbleibenden Betriebe wachsen in noch rasanterem Tempo, allen Forderungen der Gegner der „Massentierhaltung“ zum Trotz.

Selbst in erfolgreichen Milchviehbetrieben herrscht Frustration. Immer mehr Bauern machen sich Vorwürfe, den Zusicherungen der Molkereien, man sei gut vorbereitet auf das Milchquotenende, vertraut zu haben. Versuche, das Milchangebot der Nachfrage anzupassen, schlugen bisher fehl. Die Hilfen der Politik zur Reduzierung der Milchmenge drohen zu versickern.

Für zusätzlichen Unmut sorgt die Verteilung des Geldes. Wie schon beim ersten Hilfspaket profitieren ostdeutsche Milcherzeuger viel weniger als kleinstrukturierte Betriebe in Süddeutschland. Nachrichten über einen ersten Preisanstieg sind nicht mehr als ein Hoffnungsschimmer. Zehn Jahre wird es brauchen, um die bisher aufgelaufenen Verluste auszugleichen, haben Betriebswirtschaftler errechnet. Wie viele Milcherzeuger dieses Ziel in Angriff nehmen und erreichen werden, steht in den Sternen. Dafür jeden Euro einzusetzen und der MeLa für ein Jahr den Rücken zu kehren, ist legitim.

Herzlichst Ihr
Gerd Rinas

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