Kommentar zum Heft 35/2017



Sorgsamerer Umgang dringend geboten

Liebe Leserinnen und Leser,

immer schön aufessen, damit die Sonne scheint! Manchmal ertappe ich mich, diesen Spruch aus Kindheitstagen meinen Enkeln weiterzugeben. Denn was auf ihren Tellern liegenbleibt und gelegentlich auch schon mal unterm Tisch landet, stimmt schon nachdenklich. Aber ist der Appell wirklich hilfreich? Vor allem unser Jüngster schaut mich – völlig zu Recht – ungläubig an. Den Zusammenhang kann man ja auch schwer nachvollziehen. Für mich war das seinerzeit kein Problem. Ich hatte einen gesunden Appetit und somit derartige Motivationshilfen nicht nötig. Zumal ich zu jener Nachkriegsgeneration gehöre, die zwar nicht mehr hungern musste, aber frühzeitig den Wert von Lebensmitteln schätzen lernte. Die auszusortieren, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum auf der Verpackung erreicht ist, fällt mir heute deshalb sehr schwer. Lieber nehme ich eine längere Diskussion mit meiner Frau in Kauf, die da weitaus rigoroser ist, obwohl wir gleichaltrig sind.

Klar doch, die Ausnahme bestätigt die Regel. Denn wie die Auswertung einer Studie zum Umweltbewusstsein ergab, bestimmt das Lebensalter ganz entscheidend darüber, ob und wie viel Lebensmittel entsorgt werden. Je jünger die Jahrgänge sind, um so mehr wird weggeworfen. Danach marschiert die „Generation X“ – also die Jahrgänge von 1965 bis 1979 – mit schlechtem Beispiel voran. Mehr als ein Drittel der Befragten gab an, wöchentlich mindestens einmal Nahrung wegzuwerfen. Im Gegensatz dazu die vor 1945 Geborenen: Den Befragungen zufolge traf das lediglich auf zehn Prozent zu. Dennoch bleiben die Zahlen erschreckend. Alljährlich landen deutschlandweit elf Millionen Tonnen Lebensmittel in der Abfalltonne. Pro Person waren das anno 2012 immerhin 82 Kilogramm, fand das Bundesagrarministerium heraus. Für unseren privaten Haushalt kann das nicht zutreffen, versuche ich mich zu beruhigen. Doch wer vermag sich schon vorzustellen, was da Woche für Woche, Monat für Monat in den Müll wandert und sich dann, theoretisch gesehen, zu einem Berg auftürmt? Gewiss werden auch solche Dinge wie Knochen und Schalen entsorgt, die sich beim besten Willen nicht mehr verwerten lassen. Darauf verweist übrigens die gewiss nicht unkritische Organisation „foodwatch“, die die besagten Zahlen anzweifelt. Nun ja, mit der Statistik, sofern nicht selbst erstellt, ist das ohnehin so eine Sache ...

Jenseits aller Zahlenreiterei bleibt die extreme Kluft zwischen Lebensmittelverschwendung in den Industriestaaten und der Mangelernährung in den Entwicklungsländern bestehen, und sie wird immer größer. Den Vereinten Nationen zufolge haben weltweit rund 800 Millionen Menschen nicht genug zu essen. Wenn wir in Europa so weitermachen nach der Devise „ex und hopp“, dann ist das nicht nur ethisch sehr problematisch. Die Verschwendung von Ressourcen bezieht sich auch auf Arbeitskraft, Boden, Wasser und vieles mehr. Sicherlich lösen wir das globale Problem nicht, indem wir unser Ernährungsverhalten ändern und mehr Verzicht üben. Aber ein sorgsamerer Umgang mit unseren Nahrungsgütern ist dringend geboten. Das beginnt beim Einkauf, wo man sich trotz lockender Sonderangebote genau überlegen sollte, was benötigt wird und was nicht. Das setzt sich fort über eine Nachverwertung dessen, was vom Sonntagsbraten mitsamt Kartoffeln und Gemüse übriggeblieben ist. Und das endet nicht zuletzt bei einer genauen Prüfung, ob der Joghurt oder Käse trotz Hinweis auf dem Etikett nicht doch noch genießbar ist. Mindesthaltbarkeit bedeutet nicht Verfall. Und Lebensmittel sind mehr wert, als ihr Preis ausdrückt. Daran sollten wir nicht nur appellieren, sondern es vorleben! 

Herzlichst Ihr
Wolfgang Herklotz

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