Kommentar zum Heft 33/2017



Alter Werbespruch plötzlich wieder aktuell

Liebe Leserinnen und Leser,

„durch die Anstrengungen der Genossenschaftsbauern, das Marktaufkommen zu erhöhen, stehen Eier reichlich zur Verfügung. Es ist deshalb möglich, in der Zeit vom 20. Juli bis 29. Juli 1961 einen Sonderverkauf von Eiern durchzuführen. Der Handel bietet in dieser Zeit das Dutzend Eier aller Güteklassen um je 0,50 DM billiger an. Eiergerichte in Gaststätten und Imbißstuben werden entsprechend verbilligt.“ Das verkündete seinerzeit die Pressestelle des Ministeriums für Handel und Versorgung im Neuen Deutschland und sorgte für den wohl bekanntesten Werbeslogan der DDR: „Nimm ein Ei mehr!“. Allerdings war schnell klar, dass der flotte Spruch nur ein Herumeiern war, denn mangels Fleisch sollte die Bevölkerung doch bitte öfter Eier in die Pfanne hauen. Heute, ziemlich genau 56 Jahre später, stehen wieder Eier reichlich zur Verfügung. Nur diesmal sind eine vermutliche Straftat, behördliche Schlafmützigkeit und die obligatorische Panikmache schuld.

Sechzehn europäische Länder sowie Chinas Sonderverwaltungszone Hongkong sind mittlerweile vom Fipronil-Skandal betroffen. Der schwarze Peter wird zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden, den drei am stärksten betroffenen Ländern, fleißig hin und her geschoben (siehe S. 18). Inzwischen ermitteln die Staatsanwälte in allen drei Nachbarstaaten. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt wirft zudem belgischen Behörden vor, von der Belastung der Eier schon viel früher gewusst zu haben. Worauf der für Lebensmittelsicherheit zuständige EU-Kommissar, Vytenis Andriukaitis, nun erklärte, er wolle schnellstmöglich – also bis Ende September – die Vertreter der zuständigen nationalen Behörden an einen Tisch holen, um die gegenseitigen Schuldzuweisungen endlich zu beenden. Begleitet wird das Ganze erwartungsgemäß vom Gezänk diverser ernährungs- und agrarpolitischer Sprecherrinnen und Sprecher aller Parteien auf Landes- wie Bundesebene. Schließlich steht eine Bundestagswahl vor der Tür. Da will keiner auf eine Attacke gegen die Konkurrenz verzichten. Und – last but not least – versuchen auch unsere Verbraucher- und Tierschutzbemühten, den Fokus der aktuellen Nachrichtenlage für sich zu nutzen, indem sie wie üblich gegen die „Strukturen in der Geflügelwirtschaft“ wettern ...

Natürlich will niemand Rückstände von Insektiziden essen – weder im Frühstücksei noch im Schweineschnitzel oder im gemischten Salat. Aber die gefundenen Fipronilmengen geben keinen Anlass zu Panik, wie sie z. B. der Lebensmitteldiscounter Aldi an den Tag legte. Viele fragen sich auch: Warum müssen Eier eigentlich durch ganz Europa gefahren werden? Der Grund dafür ist ganz simpel: Unser Selbstversorgungsgrad liegt laut amtlicher Statistik nur bei 70 %, die Niederlande sind bei über 300 %. Im vergangenen Jahr verspeisten die Deutschen 19,3 Mrd. Eier (inklusive aller Verarbeitungsformen) – das sind 235 pro Kopf. Während wir mit dem Vorpreschen beim Verbot der Käfighaltung und des Schnabelkürzens die Legehennenhalter erfolgreich immer weiter in die Defensive gedrängt haben, legten andere zu. Zudem listet der Handel bewusst ausländische Eier, um die Preise für heimische Ware zu kontrollieren. Größeren Erzeugern hierzulande bleibt nichts anders übrig, als sich immer wieder durch Jahre mit roten Zahlen in der Bilanz zu kämpfen – oder hinzuschmeißen. Und die nächste Durststrecke steht schon vor der Tür. Demnächst beginnen wie üblich die Preisgespräche mit Aldi & Co. für das kommende Jahr! Minister Schmidt sollte sich deshalb nicht nur um die Schuldigen, sondern auch um die Opfer des Skandals kümmern. Für uns gibt es nämlich einen ganz einfachen Weg, Fipronil aus dem Weg zu gehen: Man nimmt deutsche Eier – und gern eins mehr.

Herzlichst Ihr
Christoph Feyer

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