Kommentar zum Heft 30/2016



Das Lebenswerk erhalten und mit Weitblick aufhören

Liebe Leserinnen und Leser,

nicht mehr ganz jung,
aber voller Elan hatte sich Landwirt L. Anfang der Neunziger an den Aufbau seines Betriebes gemacht. Als Neu-Bundesbürger bekam er unerwartet die einmalige Chance, mit der Reaktivierung der alten Hofstelle das Familienerbe wieder fortzuführen. Ein Erbe, das nun schon seit vier Generationen Bestand hat – zwischendurch halt nur mal vorübergehend von der LPG vereinnahmt. Arbeitsreiche, aber auch viele schöne Jahre waren das für ihn und seine Frau. Der Betrieb hat sich entwickelt, mit Höhen und Tiefen, immer im Wechsel. Das aktuelle Tief ist allerdings ein besonders tiefes, ja beinahe bodenloses – die Aussicht auf schnelle Besserung bei klarer Sicht der Dinge nur minimal. L. sitzt jetzt unter dem Hofbaum, den der Urgroßvater gepflanzt hat, und hadert mit der trostlosen Marktlage und den unfähigen – oder noch wahrscheinlicher – unwilligen Politikern, nicht aber mit seinen drei Kindern, von denen keines in seine Fußstapfen treten wird.

Spätestens als der Jüngste sich entschloss, wie seine Geschwister kein Bauer werden zu wollen, mussten sich L. und seine Frau eingestehen, dass sie es nicht geschafft hatten, ihre Freude und Begeisterung für die Landwirtschaft an die Kinder weiterzugeben. Was haben sie bloß falsch gemacht? Eigentlich nichts, denn wenn man ehrlich ist, waren die wirtschaftlichen Aussichten für den Betrieb aufgrund seiner Lage, der Böden und einiger spezieller Umstände nie sonderlich rosig, und der Alltag war zudem oft genug ein Kraftakt. Politische sowie gesellschaftliche Entwicklungen haben dann noch ihr Übriges beigetragen. Da war es eigentlich nur fair, dass die Kinder Berufe erlernen, an denen sie jetzt und später Freude haben. Sie sollen ihre eigenen Wege gehen dürfen, schließlich konnten L. und seine Frau das auch. Aber trotzdem schmerzt es, die Selbstzweifel nagen, doch es hilft alles nichts: Für eine erfolgreiche, außerfamiliäre Hofnachfolge muss sich L. jetzt bald einmal und vor allem gründlich mit den möglichen Übergabebedingungen auseinandersetzen. Externe, professionelle Beratung sollte helfen, offene Fragen zu klären und vertraglich keine Fehler zu machen. Sein Ziel ist es schließlich, den Betrieb komplett zu verkaufen, denn auch ohne Nachfolger in der Familie will er sein Lebenswerk im Ganzen erhalten. Was L. dabei bedenken muss, können Sie in dieser Ausgabe auf den Seiten 46 und 47 lesen.

Bei zwei Dritteln aller landwirtschaftlichen Unternehmen mit Betriebsleitern über 45 Jahre ist mittlerweile die Hofnachfolge unklar bzw. kein Nachfolger in Sicht. Wenn sich Bauernkinder heute ihre Jobs lieber außerhalb der Agrarbranche suchen, liegt das nicht nur an den ökonomischen Bedingungen oder fehlender gesellschaftlicher Anerkennung des Berufsstandes. Oft sind es auch andere Wertvorstellungen, die hohe Arbeitsbelastung oder das Fehlen eines Partners, was sie von einer Hofnachfolge Abstand nehmen lässt. Zudem wächst die Wahrscheinlichkeit einer Fortführung des Betriebes mit seiner Größe. Deshalb trifft es oft Nebenerwerbler. Aber auch Haupterwerbsbetriebe sind nicht sicher, wenn sie sich an der Rentabilitätsschwelle mit Richtung Substanzverluste entlanghangeln. Wer da nicht mit Weitblick agiert und rechtzeitig das Aufhören in Angriff nimmt, kann durch eine unprofessionelle Übergabe Teile seines bäuerlichen Eigentums vernichten.

Landwirt L. hat sich jetzt die BauernZeitung zur Hand genommen und betrachtet ein Foto mit den Absolventen der jüngsten Meisterprüfung. Da entdeckt er einen Jungen aus dem Nachbardorf, dessen elterlicher Betrieb vom großen Bruder übernommen wurde. Vielleicht sollte L. dem Jungen mal zu seinem Landwirtschaftsmeister gratulieren …

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