Kommentar zum Heft 29/2017



Kastenstand – Schutz oder Barrikade?

Liebe Leserinnen und Leser,

es gibt Zeiten, da kann man sich nur schlecht gegen physische Begrenzungen wehren, zum Beispiel bei langen Flugreisen: Dort gibt es nur wenig Beinfreiheit, wenn das Budget nicht für die First oder Business Class ausreicht. Aber wer kann sich schon erste Klasse leisten? Ein einfacher Flug nach Neuseeland dauert mindestens vierundzwanzig Stunden. Vielleicht empfinden wir es aber gar nicht als dermaßen einengend, wenn das Ziel klar formuliert und die Zeitspanne definiert ist. Nun fragen Sie sich sicherlich, warum ich über die Beinfreiheit im Flieger sinniere? In dieser Ausgabe der BauernZeitung geht es schwerpunktmäßig um die Kastenstände in der Sauenhaltung (S. 32–43), bestimmt kein leichtes Thema. Doch mich erinnert die zeitweise Kastenstandhaltung und die Diskussion um das Tierwohl schon ein wenig an den Aufenthalt im Flugzeug ...

Müssen Berührungen wehtun? Auch wir Menschen können uns als Passagiere im Flugzeug, in der Bahn oder auch beim Einkaufen im Supermarkt den Berührungen anderer oft nicht entziehen. Das Zusammenleben in einer Gesellschaft bringt nunmal unweigerlich Nähe mit sich. Das wissen auch Tierschützer, oder? Glücklicherweise sind wir soziale Wesen, die das aushalten und vernunftgesteuert kommunizieren können – die meisten jedenfalls. Interessanterweise sind auch Schweine sehr soziale Tiere, die gern den körperlichen Kontakt zu ihren Artgenossen suchen. Nimmt man sich die Zeit und beobachtet die Tiere ausgiebig, kann man genau dieses Sozialverhalten in allen Altersstufen wahrnehmen. Voraussetzung ist allerdings, dass die Rangordnung zuvor geklärt  worden ist, gerade bei älteren Tieren. Insbesondere Sauen, deren Ferkel abgesetzt wurden, tragen Rangkämpfe bei einer Zusammenführung aus.

Wie weit ist weit genug? Wenn Sauen (die gerne 200 kg auf die Waage bringen) ihre Rangordnung definieren oder rauschen, sollte es aus Schutzgründen immer Rückzugsmöglichkeiten für schwache Tiere geben. Ebenso wichtig ist Arbeitsschutz – ein Angriff aufgebrachter Sauen kann zu schweren Verletzungen führen. Rangniedere Sauen ziehen sich sogar selbstständig während der Gruppenhaltung in einen Selbstfangstand zurück, ist dieser vorhanden. Kastenstände, egal ob zur Besamung, als Rückzugsmöglichkeit oder auch als Ferkelschutzkorb müssen so gebaut sein, dass sie ihrer ursprünglichen Funktion gerecht werden, ohne eine Verletzungsgefahr darzustellen. Zu weite Kastenstandmaße, wie vom OVG Magdeburg gefordert, führen aber genau zum Gegenteil und zu mehr Tierleid.  

Worüber diskutieren wir also? Müssen Juristen über die moderne Schweinehaltung aufgeklärt werden? Oder geht es wieder darum, selbsternannten Tierschützern die Biologie der Nutztiere beizubringen? Mit Sicherheit hat die derzeit geltende Nutztierhaltungsverordnung im Wortlaut ihre Schwächen, die unbedingt behoben werden sollten. Deutsche Sauenhalter handeln bisher keineswegs gegen das Europarecht, das auch dafür steht, die Wettbewerbschancen für die EU-Mitglieder zu vereinheitlichen. Solange es aber zu den Kastenständen keine bundeseinheitliche Regelung gibt, besteht für Tierhalter keine Rechtssicherheit. Einzig, wenn die Veterinärbehörde die Stallungen für zulässig erklärt, haben die Landwirte eine Chance. Doch der Ermessensspielraum der Behörden wird oft nicht ausgeschöpft. Warum? Zum einen ist es die Angst der Veterinäre, Verantwortung zu übernehmen, zum anderen sind es fehlende Kenntnisse über Tierhaltungssysteme. Die essenzielle Frage für die Landwirte aber bleibt: Dürfen sie mit funktionsfähigen Kastenständen und zeitlicher begenzter Fixierung der Sauen arbeiten? Mit der körperlichen Eingrenzung in der Schweinehaltung komme ich klar, doch das umfassende Denken sollte niemals eingeengt werden.

Herzlichst Ihre

Anja Nährig

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