Kommentar zum Heft 28/2018



Ist der Traum bald ausgeträumt?

Liebe Leserinnen und Leser,

in fünfeinhalb Monaten ist die betäubungslose Ferkelkastration in Deutschland verboten. Wie es dann mit der deutschen Ferkelproduktion weitergeht, weiß bisher niemand – vor allem nicht die Sauenhalter. Das Bundeslandwirtschaftsministerium schweigt. Zwar bekannte sich Bundesministerin Julia Klöckner auf dem Deutschen Bauerntag zum „vierten Weg“, wie ihn die Branche fordert. Eine Entscheidung ist jedoch nicht in Sicht.

In der Diskussion sind derzeit vier Alternativen zur bisherigen Praxis: der Verzicht auf Kastration (Ebermast), die Impfung unkastrierter Eber mit Improvac (Immunokastration), die Kastration unter Vollnarkose (Begasung mit Isofluran) und die Lokalanästhesie durch den Tierhalter, der sogenannte vierte Weg.Die reine Ebermast ist mit dem Risiko behaftet, die Verbraucher bei Tisch mit typischem Eber­geruch zu verprellen. Zwar beteuern die großen Schlacht-höfe, das Problem mit den „Stinkern“ im Griff zu haben. Doch der Handel bleibt skeptisch, der Absatz begrenzt.Ähnliches gilt für den Ansatz, Eber zu impfen, um die Produktion der Hormone auszuschalten, wie es in Australien üblich ist. Den dritten Weg gehen zum Beispiel Biobetriebe. Die Kastration unter Vollnarkose darf aber nur ein Tierarzt durchführen. Gerade für kleinere und mittlere konventionelle Betriebe wird der damit verbundene Aufwand kaum zu verkraften sein.

Deshalb plädieren Bauern- und Branchenverbände für den „vierten Weg“, die lokale Betäubung mit einer Spritze, die der Tierhalter selbst setzt (S. 18). Wie aus Regierungskreisen verlautet, arbeiten einige Landwirtschaftsminister auf Länderebene daran, den „vierten Weg“ frei zu machen. Scheinbar fehlt es aber an der Unterstützung der SPD. In Dänemark, aus dem jährlich über sechs Millionen Ferkel nach Deutschland importiert werden, wird ab Januar 2019 dieses Verfahren Pflicht. Schweden prakiziert es bereits seit 2016. Aber in Deutschland scheint dieser Weg kaum noch möglich zu sein, denn es steht ihm das deutsche Tierschutzgesetz entgegen, das eine völlige Schmerzausschaltung verlangt. Das aber lässt sich mit den infrage kommenden Lokalanästhetika Lidocain oder Procain nicht erreichen. Eine Änderung des Tierschutzgesetzes ist aber nicht in Sicht. Selbst nach einer Änderung müsste zudem eine Rechtsverordnung erlassen werden, die den Einsatz der Mittel für Schweine erlaubt und die Schulung der Tierhalter zum Thema „Lokalanästhesie“ regelt. Großer Widerstand gegen den „vierten Weg“ kommt zudem von der Bundestierärztekammer. Sie beharrt weiter darauf, dass die „Anästhesie nicht in Laienhand gehört“. Man beachte: Mit Laien sind die Tierhalter gemeint.

Statt schnell zu handeln, will die Bundesministerin nun einen Runden Tisch einberufen. Damit kommt sie zwar Forderungen aus der Branche nach – für lange Debatten, die das Problem beschreiben, ist aber eigentlich keine Zeit mehr. Denn die deutschen Ferkelerzeuger brauchen endlich Klarheit, wie es weitergeht. Eine praktikable Lösung muss her. Danach sieht es allerdings nicht aus.

In den Regionen mit intensiver Schweinehaltung wird bereits der „fünfte Weg“ diskutiert: Sauen raus, dafür ein paar Mastschweine rein und den Güllekeller als Lager verpachtet. Die Folgen: Die nötigen Ferkel kämen aus den Ländern, in denen der „vierte Weg“ erlaubt ist. Der Traum der durchgängig regionalen Erzeugung – Geburt, Aufzucht, Mast und Schlachtung in Deutschland – wäre dann ausgeträumt. Dass wir schon längst dabei sind, zeigt die Viehzählung der Agrarmarkt Informations-GmbH (AMI) im Mai, nach der sowohl Schweinebestand als auch Sauenhalterzahl rückläufig sind (S. 69).

Herzlichst Ihre
Bettina Karl

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