Kommentar zum Heft 27/2018



Bauerntag im Wind des Wandels

Liebe Leserinnen und Leser,

der diesjährige Deutsche Bauerntag (S. 20–23) hat wichtige Fragen angepackt. Wie geht es nun mit der Agrarpolitik weiter, was ist von der Ministerin zu erwarten, wie funktioniert Risikomanagement und wie kommen wir in der Außendarstellung unserer Arbeit weiter? Derart praktische Fragestellungen waren bislang nicht auf allen Bauerntagen gleichermaßen üblich. Viele Landwirtinnen und Landwirte dürften daraus nützliche Anregungen für ihre tägliche Arbeit abgeleitet haben. Das stimmt eigentlich froh: Der Bauernverband beweist sich bei seinen Mitgliedern nicht nur durch konsequente politische Interessenvertretung, sondern auch durch ganz konkrete Nutzeffekte.

Dennoch empfand ich die Stimmung in Wiesbaden zuweilen als gedrückt. Das lag bei Weitem nicht nur an der Dürre hier im Nordosten und dem katastrophalen Fußballspiel unserer Nationalmannschaft am Mittwochabend. Im Plenum war man auffallend sparsam mit Emotionen. Lauer Applaus, gerunzelte Stirnen, abgelenkte Gespräche. Gerade einmal die Auszeichnung des wirklich überzeugenden, fast idealtypischen Ausbildungsbetriebs des Jahres ließ anerkennendes Raunen durch die Reihen gehen. Und natürlich Frau Klöckner. Ihr Auftritt war eine Wucht. Fachlich zwar nicht sonderlich ergiebig (wie auch in der aktuellen Lage?), dafür aber von einer Herzlichkeit, Offenheit und Lebendigkeit, die den geschundenen Seelen der Bauern sichtbar guttat.

Geschundene Seelen...? Ja, machen wir uns nichts vor! Unsere Seelen sind wund. Es trifft ins Mark, wenn wir von der Gesellschaft, die wir mit Produkten höchster Qualität bis zum satten Abwinken versorgen, ständig als Umweltverpester und Steuergeldverprasser beschimpft werden. Ich verstehe jeden, der angesichts dieser Lage innerlich emigriert, resigniert und nicht mehr begreift, warum er sich täglich neben der Produktion um Tier- und Umweltschutz müht, wenn Europa dreist seine Bauern vor der nächsten Agrarreform um ihre im Kontext ohnehin miserablen Einkommen bitten und betteln lässt. Und ich verstehe jeden, der einknickt vor der bürokratischen Beseeltheit der EU-Beamten und der künstlichen Komplexiät der agrarpolitischen Fragen zwischen Budget und Brexit, Konditionalität und Subsidiarität, Grünland und Greening. Wozu gegen Windmühlenräder ankämpfen? Da schweigt man lieber im Saal.

Der Bauerntag begegnete dieser Stimmung mit „Chorgeist“ und einem bemühten Bekenntnis dazu, dass sich in Brüssel, außer der Bürokratie, möglichst nicht viel ändern soll. Stabilität, Stabilität, Stabilität. Als ob die Wahrheit durch Wiederholung wahrer werden würde. Dabei schwante vielen im Saal, dass Stabilität nicht von Beharrung kommt. Es waren die Pausendiskussionen, die mir dies sagten, die Unzufriedenheit der Landjugend (Da geht es um mehr als das Alter der Präsidenten!) und die Rede von Julia Klöckner: Sie wolle für die Bauern da sein, sagte sie, vor allem aber zwischen Landwirtschaft und Umweltbewegung aussöhnen. Nur gemeinsam gehe es weiter. Hören wir darauf!

Aussöhnung hätte bedeutet, die Argumente der agrarpolitischen Kontrahenten zum Thema zu machen: Laden wir sie doch ein und diskutieren wir, wie eine Landwirtschaft für Mensch und Natur funktionieren könnte und was sie kosten würde. Das hätte ebenfalls zu einem Ruf nach Stabilität geführt, aber auch gezeigt, dass sich beide Seiten bewegen müssen, wenn sie nicht von den Windmühlen der Zeit umgehauen werden wollen. Hände weg von den Flügelkreuzen, Bauern, und ran ans Getriebe! Haut den Riemen auf die Scheibe und lasst endlich den „Wind of Change“ für Euch arbeiten!

Herzlichst Ihr
Dr. Thomas Tanneberger

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr