Kommentar zum Heft 27/2016



Bewegung heißt, einen Weg zu gehen

Liebe Leserinnen und Leser,

es war mal wieder Bauerntag beim DBV, wie immer nach dem Pflanzenschutz und kurz vor der Gerste, diesmal in Hannover. Mein Eindruck lässt sich kurz zusammenfassen: Es bewegt sich was.

Zum einen ist es der Verband als Ganzes, der etwas bewegt. Wer will, sieht das, spürt das. Auf Kreisebene, wo es um die Milch und damit zurzeit um die Wurst geht. Auf Landesebene, wo man sich um die Milchkönigin, vor allem aber ums Milchgeld kümmert. Auf Bundesebene, wo man dem Agrarminister warnend Milch zum Trunk vorsetzt, und auf dem europäischen Parkett, wo man versucht, das Milchpaket noch einmal aufzubessern. Erfreulich bei alledem: Es ist eine wachsende Geschlossenheit spürbar. Ja, manche haben den Verband in den letzten Monaten verlassen. Aber die, die blieben, stehen gerade: „Wir haben uns für diesen Verband entschieden, also wollen wir ihn gestalten und etwas bewegen“, – diese Meinung traf ich vielfach auf dem Bauerntag. Draußen, in den Dörfern, hört man noch anderes: „Wer, wenn nicht wir, soll sich kümmern?“

Zu fühlen war für mich auch eine neue, sehr
direkte Emotionalität, die sich in die bekannten
Bauerntagsrituale mischte. Da lockerte ein wirklich mit Liebe gemachter Start-Film über Deutschlands Bauern allzu steife politische Statements auf, machte Mut in schwerer Zeit. Da sprach der Präsident eine Stunde frei zu seinen Mitgliedern, immerhin. Und der Inhalt seiner Rede erinnerte, auch interessant, im Grad der Liberalität an manche eines DLG-Präsidenten. „Markt als Risiko, aber auch als Chance“, „gefährlicher ist das politische Risiko“, „Heimatmarkt hat Priorität, aber Zukunft heißt Export“ – das sagt einer, der die Ärmel hochkrempelt für seine Zukunft und die des Verbandes, der Unternehmer ist und sein will (S. 20). Da wirkte die vorbereitete und ängstlich abgelesene Rede eines Kreisvorsitzenden in der agrarpolitischen Forumsdiskussion schon fast, als käme sie aus einer anderen, vergangenen Welt. Und doch war auch sie eine ehrliche Emotion, wenn auch unsicher, versteckt hinter bürokratischem Wortgetöse. Es bewegt sich halt was.

Emotionalität pur dann auf der Demo am Donnerstag (S. 21). Nach der zäh angelaufenen Vorbereitung war mancher der Organisatoren etwas überrascht  über die doch sehr zahlreiche Teilnahme. Ja, die Lage ist so „bescheiden“, dass Bauern sogar auf die Straße gehen, wenn die Gerste schon nicht mehr ruft, sondern brüllt: Was kann man denn nun wirklich beim Milchproblem machen? Wann gibt es mehr Geld fürs Getreide? Wie viele Kandidaten braucht man, um fünf Präsidenten zu wählen? Und warum ist man im Präsidium der Meinung, dass den Stürmen der Zeit nur alte Eichen widerstehen?  Haben kleine Betriebe wirklich keine Chance? Wie kann man die Gesellschaft dazu bringen, die Leistungen der Landwirtschaft fair zu bezahlen? Wie sollen Landwirte den immer stärker werdenden Marktschwankungen begegnen? Sollen wir am Ende alle auf Ökolandbau umstellen?

Tatsächlich gibt es viele Fragen, die auf dem Bauerntag kaum eine Rolle spielten, aber an der Basis gären. Sie wird man ausdiskutieren müssen, denn die meisten Kreisverbände sind derzeit keine Orte der Beschaulichkeit. Hier muss sich der Verband bewegen, um auf einen neuen Weg zu gelangen. In eine Zeit, in der alle Mitglieder mit geradem Rücken gemeinsame Überzeugungen vertreten. In eine Zeit, in der Glaubwürdigkeit durch eigenes Handeln, aber auch durch Distanzierung von „schlechter fachlicher Praxis“ entsteht. In eine Zeit, in der Zustimmungsraten bei Wahlen ausschließlich Ausdruck von Überzeugung sind. In eine harte, aber gute Zeit.

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