Kommentar zum Heft 26/2018



Warum Bienen sterben und Landwirte schuld sind

Liebe Leserinnen und Leser,

es heißt, dass Unwahrheiten auch durch ständige Wiederholung nicht zur Wahrheit werden. Klingt logisch, stimmt aber leider nur zum Teil. Denn es gibt Behauptungen, die eigentlich von selbst in sich zusammenfallen, wenn man sie näher betrachtet – und die dennoch von vielen steif und fest als Wahrheit angesehen werden, weil sie immer und immer wiederholt wurden. So wird dem Entdecker der Relativitätstheorie, Albert Einstein, oft in den Mund gelegt, dass, wenn die Biene ausstürbe, die Menschheit dies nur vier Jahre überdauern würde. Doch weder hat Einstein, der bekanntlich seinen Nobelpreis nicht für Verdienste um die Imkerei erhielt, diese Aussage gemacht, noch stimmt sie inhaltlich. Es gibt eine Reihe von Veröffentlichungen, in denen seriöse Wissenschaftler das plausibel widerlegen. Dennoch wird Einsteins angebliche Warnung regelmäßig mit ernster Miene vorgebracht.

Die oft im selben Atemzug geäußerte Behauptung, Honigbienen seien vom Aussterben bedroht, ist ebenso falsch wie weit verbreitet. Sie hat es im Roman „Die Geschichte der Bienen“ (die Autorin heißt – kein Witz – Maja Lunde) sogar auf Literatur-Bestsellerlisten gebracht. Doch auch in vielen eigentlich seriösen Medien wird vom „Bienensterben“ fabuliert. Und das, obwohl Daten dazu schnell recherchiert sind: In Deutschland nimmt die Zahl der Honigbienenvölker seit Jahren kontinuierlich zu. In Sachsen etwa wuchs der Bestand von 2013 bis 2017 um knapp 7.500 Völker auf 36.179! Statt das zu würdigen, wird aus dem Umstand, dass aufgrund multipler Ursachen Bienenvölker nicht über den Winter kommen, unter Ausblendung störender Fakten gleich die Apokalypse heraufbeschworen. Und einen Schuldigen muss man auch nicht lange suchen: Raten Sie mal, wer da jede Menge „Ackergifte“ auf seinen „Monokulturen“ versprüht?

Über die Schuldfrage wurde seinerzeit ebenfalls nicht lange diskutiert, als eine Langzeitstudie einen drastischen Rückgang der Biomasse von Fluginsekten offenbarte. Auch wenn selbst die Autoren keine Erklärung nennen konnten: Von interessierter Seite wird einfach der „Agrarindustrie“ der Schwarze ­Peter zugeschoben. Auf Parteitagen, in Parlamenten und in den Medien wird seither gefordert, endlich etwas zu tun: Glyphosat verbieten zum Beispiel. Oder endlich einmal nur die Landwirte fördern, die auch die Fruchtfolge einhalten. Nicht jeder, der schlau redet, kann das wissen: Glyphosat blockiert ein Enzym, das es nur in Pflanzen gibt, weshalb es nur bei Pflanzen wirkt. Und dass Agrarzahlungen an gute fachliche ­Praxis (wie vernünftige Fruchtfolgen) gekoppelt sind, ist seit längerer Zeit Standard.

Ohnehin gibt es Grund zur Annahme, dass andere Ursachen den Insektenrückgang maßgeblich bedingen. Vor zwei Wochen veröffentlichte die Arbeitsgruppe „Lichtverschmutzung und Ökophysiologie“ am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin die These, dass der in der Insektenstudie festgestellte Rückgang wesentlich durch „Lichtverschmutzung“, also zu viele künstliche Lichtquellen, hervorgerufen wurde. Die Forscher hatten die Gebiete, in denen die Studie den Insektenrückgang nachwies, genauer untersucht und aufgrund ihrer Nähe zu Ballungs-zentren eben diese Lichtverschmutzung festgestellt. Eine künstlich erhellte Nacht störe das natürliche Verhalten der Fluginsekten und schwäche so ihre Überlebenschancen, heißt es.

Nun bleibt zu hoffen, dass das in der Öffentlichkeit auch noch ankommt. Denn dort meint die Mehrheit ja, die Landwirtschaft sei schuld. Was zwar nicht stimmt, aber schon so oft wiederholt wurde, dass es viele nun für die Wahrheit halten.

Herzlichst Ihr
Karsten Bär

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