Kommentar zum Heft 26/2017



Mehr mit den Ökobauern reden

Lieber Leserinnen, liebe Leser,

vor einigen Tagen bekam ich eine sonderbare E-Mail: „Ich verstehe nicht, warum die Bauern an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen“, hieß es da. „Die Bienen sterben aus, gleichzeitig ist ein dramatischer Anstieg der Verwendung von Pestiziden, Herbiziden und Fungiziden zu verzeichnen. Das Fehlen der Bienen macht sich sogar in der Stadt bemerkbar – in den letzten Wochen wehten Tonnen von Blütenstaub über die Straßen. … Ich selber kaufe übrigens Bioprodukte. Die sind frei von den genannten Stoffen.“

Tja, was tun wir mit so einem, der allerhand über Landwirtschaft gehört, aber nicht verstanden hat? Geduldig habe ich ihm den Unterschied zwischen Wind- und Insektenbestäubern erläutert, die Zahlen hinterfragt und an Beispielen deutlich gemacht, dass Bauern ganz sicher keine Selbstmörder sind, sondern in Generationen denkende Unternehmer. Und dann war da noch die Frage nach dem wahren Wert der Bioprodukte. Gelegenheit ihr nachzugehen hatte ich letzte Woche auf einer Fahrt zu den Ökofeldtagen auf der Staatsdomäne Frankenhausen (S. 28).  

Bei der Recherche zunächst ins Auge fiel das starke Wachstum im Ökolandbau. Angaben des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft zufolge wuchs der Sektor 2016 zum Vorjahr um fast 9 %; sein Anteil an der Agrarfläche beträgt nunmehr über 7 %. Heute betreibt nahezu jeder zehnte Agrarbetrieb Deutschlands Ökolandbau. Der Markt für Ökoprodukte verzeichnet aktuell ein Umsatzplus von etwa 10 % pro Jahr. Weltweit wirtschaften heute 2,5 Millionen Ökobauern in 179 Ländern auf über 50 Millionen Hektar Land. Urteilend nach diesen Zahlen, machen die Ökobauern vieles richtig. Doch wenn man mit Branchenvertretern ins Gespräch kommt, gewinnt man auch rasch ein Gefühl dafür, wo die Probleme liegen. Ein Kernbereich ist nach wie vor die Produktionstechnik. Sie ist heute um vieles besser als noch vor 25 Jahren, aber es bleiben deutliche Produktivitätsrückstände im Vergleich zum konventionellen Landbau. Die Frage, wie man beim halben Getreideertrag die Weltbevölkerung ernähren will, wird stets nur mit der These beantwortet, dass die Menschen kein Fleisch mehr essen sollten. Ist das realistisch? Zudem: Ist denn überhaupt eine derartige Ausweitung des Ökolandbaus zu erwarten? Die Beteiligung am Ökofeldtag jedenfalls ließ darauf nicht schließen. Wir schätzten in den zwei Tagen etwa 6 000 Gäste, der Veranstalter gab 8 000 an. Zum Vergleich: Die norddeutsche Agrarmesse MeLa hat gern mal 15 000 Gäste – pro Tag!

Ein weiteres Problem scheint das Verbrauchervertrauen zu sein. Seit es Bio im Supermarkt gibt, hat ein Teil der Bevölkerung offenbar Zweifel, ob die erforderlichen großen Produktmengen ehrlich hergestellt werden. In der Tat: Hier muss sich der Ökolandbau erklären! Wieso sind heute die Zentren der Produktion (Asien, Afrika, Südamerika) nicht da, wo die Schwerpunkte der Nachfrage (Nordamerika, Europa) sind? Wie sinnvoll sind Ökoprodukte, die um die halbe Welt gekarrt statt regional erzeugt werden? Wieso gibt man vor, keine Chemie einzusetzen und braucht dann 230 Seiten, um die Betriebsmittelliste abzudrucken? Und was wird mit den vielen Tonnen Kupfer, die jedes Jahr auf den Ökofeldern landen?

Letztlich erfuhr ich bei Praktikern: Das Leben als Ökobauer ist wegen der hohen Förderungsanteile gewaltigen politischen Unsicherheiten ausgesetzt und weit weniger romantisch, als viele Leute denken. Die Produktion macht sehr viel Arbeit, die Produkte haben Für und Wider, und in der Vermarktung wird mit harten Bandagen gekämpft. Wer mehr wissen will, gehe einfach direkt auf die Ökobauern zu. Statistisch ist jeder zehnte Berufskollege einer.

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